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Potsdam Die DDR als blühende Landschaft
Lokales Potsdam Die DDR als blühende Landschaft
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00:23 13.04.2019
Thomas Wernicke mit Aufnahmen des im Sommer 1989 abgerissenen Hauses Dortustraße 71 und einem vor dem Abriss geborgenen Schmuckelement. Quelle: Bernd Gartenschläger
Innenstadt

Erschütterung überwog. Und Zorn. „Ich habe diese Ausstellung mit wachsender Betroffenheit, Trauer und Zorn angeschaut“, schrieb 1989 ein Besucher der Ausstellung „Suchet der Stadt Bestes“ über die Zerstörung der Potsdamer Innenstadt ins Gästebuch: „Doch solange Zorn da ist, lebt die Hoffnung!“ Ein anderer: „Ich dachte, der Krieg hätte genug zerstört – mehr scheint nun aber der ,Frieden’ zu tun.“

Der Ausstellungstitel war ein Bibelzitat. „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn“, heißt es bei Jeremia.

Das Plakat der Potsdamer Ausstellung. Quelle: Bernd Gartenschläger

Im November 1987 hatten die Stadtverordneten einen Beschluss zur Rekonstruktion der Innenstadt verabschiedet. „Rekonstruktion – da konnte man viel drunter verstehen“, sagt Historiker Thomas Wernicke. Für die Sanierung der verfallenen Häuser fehlte schlicht das Geld. In diesem Fall war deshalb der straßenzugweise Abriss barocker Typenbauten mit Ersatz durch

Plattenbau gemeint.

Und das in einem Viertel, das „in der Anlage als auch hinsichtlich der Einzelheiten die meisten gleichartigen Entwürfen ihrer Epoche als auch späterer Zeiten übertrifft“, so der spätere Ehrenbürger Friedrich Mielke (1921-2018), aus dessen Standardwerk „Das Bürgerhaus in Potsdam“ die Ausstellung zitierte.

Mehr als 10.000 Potsdamer kamen im September und Oktober 1989 in die Nikolaikirche. Die von Michael Zajonz und Michael Heinroth akribisch zusammentragene Dokumentation gilt als ein Grund dafür, dass die Stadtverordneten den in der Dortustraße, der Gutenbergstraße, der Hermann-Elflein und der Jägerstraße begonnenen Flächenabriss der Zweiten Barocken Stadterweiterung am 1. November 1989 stoppten.

Ab Donnerstag ist die Ausstellung wieder zu sehen. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) präsentiert sie in einer Werkstattschau „Fundstücke aus Brandenburg – zwei Ausstellungen aus dem Jahr 1989“ gemeinsam mit Fragmenten der Ausstellung „40 Jahre DDR – Hauptstadt Berlin“, mit der die DDR-Führung 1989 in Moskau auftrumpfte.

Aufnahme von der Berlin-Ausstellung in Moskau. Quelle: Bernd Gartenschläger

Mit 14.000 Quadratmeter Fläche und 400.000 Besuchern in kaum drei Wochen war diese Schau nach Einschätzung von Thomas Wernicke die größte Präsentation der DDR, die es jemals in der Sowjetunion gegeben hatte.

Hintergrund dieser Schau war die Entfremdung zwischen der DDR-Führung und Reformer Michail Gorbatschow. 1987 hatte DDR-Chefideologe Kurt Hager den Leitsatz vom Tapetenwechsel beim Nachbarn geprägt, nach dem man die eigene Wohnung nicht ebenfalls neu tapezieren müsse.

Nun präsentierte sich die DDR den Sowjetbürgern quasi mit Bildern blühender Landschaften aus Ost-Berlin. Ein Detail war das Foto von der Übergabe der offiziell 3.000.000. Wohnung seit dem Start des Wohnungsbauprogramms Anfang der 1970er Jahre, ein anderes eine komplett ausgestattete Dreizimmer-Neubauwohnung. Auch hier sind Auszüge aus dem Gästebuch erhalten.

Die Kommentare der Moskauer waren respektvoll, bitter, gallig. „Ausgezeichnet! Bis dahin haben wir es noch weit.“ „Sie haben in der Nachkriegszeit sehr große Fortschritte gemacht, und wir?“ „Ich war hier, habe mir alles angesehen, habe es gewertet und bin sehr leer wieder weggegangen.“

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1000 Tafeln wurden für diese Jubel-Schau gestaltet. 70 davon gibt es noch. Thomas Wernicke, der Ausstellungsleiter, und Kurt Winkler, der Geschäftsführer des HBPG, entdeckten sie als Recyclingmaterial deponiert im Oderbruchmuseum Altranft. 49 dieser Tafeln werden jetzt gezeigt. „Das sind die Reste dieser riesigen Ausstellung“, sagt Thomas Wernicke.

In der Ausstellung gibt es auch Sequenzen der „Aktuellen Kamera“, der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, die laut Wernicke ebenso wie die Tageszeitungen fast täglich über die Ausstellung berichtete.

Bildtafeln vom Aufbau der Stalin-, später Karl-Marx-Allee in der Moskauer Schau. Quelle: Bernd Gartenschläger

Ganz anders die eher mäßige Resonanz in den Medien der Sowjetunion, die mit der Wahl des Volksdeputiertenkongresses erstmals Demokratie übte, die mit der durch Schlamperei verursachten Katastrophe von Ufa am 4. Juni – kurz nach der Ausstellungseröffnung – das mit 600 toten Kindern schwerste Eisenbahnunglück in ihrer Geschichte hatte, deren Generalsekretär Gorbatschow zu Protokoll gab, „wir haben höchstens noch zwei Jahre“, ohne gravierende Veränderungen „müssen wir zurück treten“.

Die DDR-Ausstellung in Moskau lief bis zum 20. Juni 1989. Eine Woche später wurde in Ungarn der Eiserne Vorhang geöffnet – der Auftakt für die Massenflucht von DDR-Bürgern in den Westen.

Dem Trugbild vom heiteren und erfolgreichen DDR-Alltag auf den letzten erhaltenen Tafeln der Schau von Moskau steht in der Ausstellung des HBPG die Bestandsaufnahme vom Verfall und der drohenden Totalzerstörung der Potsdamer Innenstadt gegenüber.

Info Eröffnung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt 9, am Donnerstag, 18 Uhr. Ausstellung bis 23. Juni.

Von Volker Oelschläger

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