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Potsdam Wie das Asperger-Syndrom das Leben von Reinhard Frost beeinflusst
Lokales Potsdam Wie das Asperger-Syndrom das Leben von Reinhard Frost beeinflusst
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00:25 05.04.2019
Reinhard Frost (61) ist Autist und lebt im Oberlinhaus – hier sitzt er im Klangstuhl im „Raum der Stille“. Quelle: Nadine Fabian
Babelsberg

Die Sache mit dem Datenschutz nimmt Reinhard Frost ernst. „Man muss heute ja aufpassen, dass man nicht zu viel ausplaudert“, sagt er.

Aber gut, bei Goethe und Schiller macht er eine Ausnahm, die sind ja quasi Allgemeingut. Reinhard Frost braucht nicht nachzudenken, wenn er Lebendaten, Wohn- und Wirkungsstätten aufzählt – so wie er bei hunderten Dichtern, Komponisten, Forschern und Staatsmännern nicht nachzudenken braucht.

Geboren und gestorben, geehrt und getadelt, gesiegt und besiegt, verliebt, verlobt, verheiratet... Biografien waren einst Reinhard Frosts Leidenschaft, kein Datum war vor ihm sicher. Das Thema ist inzwischen abgehakt.

„Jetzt interessiert mich das System der Organismen. Besonders mag ich den Klang der lateinischen Namen. Ich kann Stunden damit verbringen, auf Wikipedia zu lesen.“

Oft geht er lieber Stunden zu Fuß, als mit dem Bus zu fahren

Reinhard Frost ist ein Mann von 61 Jahren und Autist. Er liebt geregelte Abläufe, die Ruhe und die Gleichförmigkeit des Seins. Er scheut sich vor Fremden, vor Menschengruppen, vor unvorhersehbaren Situationen.

Wenn er seine Mutter (83) im Kirchsteigfeld besucht, was oft vorkommt, „weil zu Hause nun mal zu Hause ist“, kommt’s schon mal vor, dass er Bus und Tram sausen lässt und lieber drei Stunden zu Fuß geht. „Ich bin nicht der Schnellste“, sagt er. „Aber ich komme an.“

Seit zehn Jahren – „seit dem 28. Januar 2009“ – wohnt Reinhard Frost im Oberlinhaus. Auf dem Campus trifft man ihn meist allein. „Ich bin ein Einzelgänger, das war ich schon immer.“

Frost hilft im Gotteshaus

Ab und an aber springt Reinhard Frost über seinen Schatten. So schließt er – „als Tempelwächter“ – die Kirche für Besucher auf und wieder zu und hilft, das Gotteshaus für besondere Anlässe herzurichten.

Er sortiert im Pfarrbüro die Post. Zweimal in der Woche hütet er in der Klinik den „Raum der Stille“. Nimmt dort ein Besucher im Klangstuhl Platz, um sich in Gedanken zu vertiefen, entlockt Reinhard Frost der Harfe wundersame Klänge. Wenn er besonders gut drauf ist, erklärt er, was die Künstlerin mit dem Klangstuhl – „feinstes Lindenholz“ – erreichen möchte.

Tag der offenen Tür im Autismuszentrum des Oberlinhauses

„Menschen wie mich gibt es viele“, sagt Reinhard Frost. Menschen wie ihm ist der 2. April, der Welt-Autismus-Tag, gewidmet. Das Autismuszentrum im Oberlinhaus nimmt das Datum zum Anlass, sein 20-jähriges Bestehen zu begehen und zum Tag der offenen Tür einzuladen.

Dabei können Betroffene, Angehörige, Fachleute und Interessierte die Kontakt-, Förder- und Beratungsstelle kennenlernen. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel getan – der Bekanntheitsgrad von Autismus und die Akzeptanz sind deutlich gestiegen“, sagt Manuela Paul, die Leiterin des Autismuszentrums.

„Auch Kinderärzte, Erzieher und Lehrer sind viel sensibler und tun Auffälligkeiten nicht mehr mit Bemerkungen wie ,Das verwächst sich’ oder ,Das ist nur eine Phase’ ab.“

Warum eine rechtzeitige Diagnose so wichtig ist

Autismus ist keine Krankheit, sondern eine tiefgreifende, komplexe und vielgestaltige Entwicklungsstörung, deren Ursache noch immer nicht geklärt ist.

„Die Diagnose wird nicht leichtfertig vergeben – der Weg dorthin ist lang und viele sind daran beteiligt“, sagt Manuela Paul. Das Autismuszentrum ist für Betroffene vom Kleinkind- bis ins hohe Alter da. Dort können sich Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen, ihre Angehörigen und Bezugspersonen zu individuellen Alltagsthemen, Fördermöglichkeiten, Betreuungsangeboten und rechtlichen Ansprüchen beraten lassen.

„Wir vermitteln außerdem Kontakte zu Ärzten und Therapeuten“, sagt Manuela Paul. „Je früher wir anfangen, desto mehr ist möglich.“

Autismus macht ja – Gott sei Dank – keine Schmerzen“

Die Mutter habe zwar früh etwas geahnt, sagt Reinhard Frost. „Sie wusste aber lange nicht, was genau mit mir nicht stimmt.“ Die Diagnose erfährt die Familie erst 2008 – „am 5. Mai“.

„Die Diagnose selbst war mir eigentlich egal“, sagt Reinhard Frost. „Autismus macht ja – Gott sei Dank – keine Schmerzen. Aber dass man plötzlich behindert war, dass ich nach über 30 Jahren plötzlich nicht mehr bei der Bahn arbeiten durfte – das war schwer.“

Reinhard Frost hat nach der 8. Klasse Facharbeiter für Betriebs- und Verkehrsdienst gelernt. „Am 16. Juni 1975 bin ich geprüft und direkt zum Nachdienst eingesetzt worden. Der Beruf war schön.“

Warum Reinhard Frost ungern umzieht

Vom Stellwerk aus habe er weit ins Land sehen und in den Büschen unter dem Fenster die Nachtigallen beobachten können. „Ich bin ein Naturfreund“, sagt Reinhard Frost.

„Das habe ich mir alles angelesen.“ Die meisten seiner Bücher habe er beim letzten Umzug aus Platzgründen abgeben müssen. „Das tut mir immer noch weh. Überhaupt mag ich keine Umzüge.“

Das Programm zum Tag der offenen Tür am Autismuszentrum

Der Tag der offenen Tür im Autismuszentrum am Oberlinhaus, Rudolf-Breitscheid-Straße 24, findet am 2. April ab 10 Uhr statt. Bis 17 Uhr sind Betroffene, Angehörige, Fachleute und Interessierte willkommen.

Das Programm beginnt um 10.30 mit einem Überblick zu der Frage „Was bietet das Autismuszentrum?“

Um 11.30 Uhr stellt sich der Kooperationsverbund Autismus Berlin (KVAB), in dem das Oberlinhaus vertreten ist, vor. Der KVAB lädt für Mittwoch, 3. April, selbst zu einem Tag der offenen Tür in die Mussehlstraße 22 in Berlin-Tempelhof ein – 13 bis 19 Uhr.

Um 12 Uhr geht es in einem Kurzvortrag um die Früherkennung von Autismus-Spektrum-Störungen.

Um 13 Uhr widmet sich ein Vortrag dem Thema Autismus und Schule.

Um 14 Uhr stellt sich die Oberlinschule vor.

Um 15 Uhr präsentiert sich die Autismus-Selbsthilfegruppe.

Um 16 Uhr wird das Gütesiegel autismusfreundliches Oberlin-Berufsbildungswerk erklärt.

Parallel finden folgende Aktionen statt: Bewegungsparcours; Selbstwahrnehmung „Wie fühlt sich Autismus an?”; Angebote für Kinder wie Quiz und Button-Basteln; BioFeedback live erleben. nf

Von Nadine Fabian

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