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Potsdam „Babelsberg endete hinter der Bahn“
Lokales Potsdam „Babelsberg endete hinter der Bahn“
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06:05 01.04.2019
Norbert Zander steht noch immer regelmäßig am Tresen. Die Gaststätte „Hiemke“ in der Karl-Gruhl-Straße 55 ist seit 1896 in Familienbesitz. Quelle: Svarvara Smirnova
Babelsberg

Am 1. April 1938 wurde Babelsberg, das frühere Nowawes, nach Potsdam eingemeindet. Norbert Zander (76), der Wirt des legendären Sportrestaurants „Hiemke“, kennt das Viertel und seine Menschen so gut wie kaum ein anderer.

MAZ: Wurde in Ihrer Kindheit noch von Nowawes und der Eingemeindung nach Potsdam gesprochen?

Norbert Zander: Nein. Ich kenne nur Babelsberg. Aber ich kann mich noch erinnern, dass ein Teil der Potsdamer Stadtverwaltung im Rathaus Babelsberg untergebracht war.

Haben Sie noch den Nudeltopp erlebt, diese berüchtigte Arme-Leute-Gegend von Nowawes?

Dafür bin ich zu jung. Als ich das bewusst wahrgenommen habe, war es alles schon ein bisschen reguliert. Aber es gab diese Ecken, zum Beispiel die sogenannte Munke in der Gartenstraße, in der Leute lebten, die nicht so klar kamen mit der Zeit.

Wie würden Sie das damalige Weberviertel beschreiben?

Das war hier proletarisch, würde ich sagen. Und gar nicht so weit entfernt in der heutigen Karl-Marx-Straße kommen schon diese großen Villen, die wurden früher von den Schauspielern und so weiter, von „denen da oben“ bewohnt. Zu DDR-Zeiten wurden diese Villen allerdings umfunktioniert zu Zweckgebäuden mit Verwaltung, später auch der Filmhochschule.

Wie haben Sie den Mythos vom Roten Nowawes erlebt, wie hat er sich durch die Jahre gezogen?

Babelsberg war immer die Arbeiter-Ecke und Potsdam die Beamtenstadt. Dadurch war naturgemäß schon eine Trennung da. Der Kiez hier ist immer sehr SPD-lastig gewesen, zu DDR-Zeiten war es natürlich die allübermächtige SED. Aber direkt eine Bewegung oder so etwas gab es da nicht. Solche ganz eisenharten Kämpfer, das war auch nicht mehr so typisch.

An der Fassade von „Hiemke“ erinnert eine Tafel an die Gründung der Nowaweser Ortsgruppe der Kommunistischen Partei 1919 und des Rot-Front-Kämpferbundes, der paramilitärischen Organisation, im Jahr 1924. Wissen Sie noch mehr davon?

Nein, gar nicht. Die Tafel wurde ja erst Ende der 1970er Jahre angebracht. Irgendwann haben sie sich zu der Zeit darauf besonnen.

Wenn Sie an Babelsberg denken, dann eher an die Filmstadt?

Gar nicht.

An die Arbeiterstadt?

Arbeiterstadt ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Es ist nun einmal meine Heimat. Ich wohne sehr gerne hier und finde auch die Entwicklung gut, die das genommen hat.

Aber war Babelsberg bis zum Ende der DDR nicht doch sehr von der Industrie geprägt, von Betrieben wie dem Lokomotivbau „Karl Marx“?

Das war alles hinter der Bahn, also Richtung Neuendorf. Bis heute sagen die richtig Alten: Hinter der Bahn bist du gar nicht mehr richtig in Babelsberg. Rein von der Sache gehörten das Karl-Marx-Werk und auch die Filmstudios schon zu Babelsberg, aber nicht vom Kopf. Und hinterm Bahnhof Drewitz, heute Medienstadt, ist es ja ganz aus. Obwohl es eine schöne Ecke zum Wohnen ist.

Es soll heute noch Leute geben die sagen, sie müssten rüber in die Stadt, wenn sie nach Potsdam wollen. Kennen Sie das auch?

Gehört habe ich davon. Das müssen dann aber ganz Alte sein.

Wenn man Erinnerungen an die letzten Ost-Jahre in Babelsberg hört, geht es oft um rauchende Mülltonnen und den O-Bus, der nicht mehr fährt. Welche prägenden Erinnerungen haben Sie?

Also dass der O-Bus abgeschafft wurde, wurde allgemein bedauert. Denn das war eine gute Sache. Naja, die DDR. Die meisten denken an die schönen Zeiten, die es ja auch gab. Dass sie gefeiert haben, dass sie in der Brigade waren. Da war das Gemeinschaftsgefühl größer. Aber das hatte auch Gründe. Man war gezwungen, mit den anderen zu kooperieren. In dieser Gaststätte war es zum Schluss wie in einer Tauschbörse: Der eine hat Reifen gehabt durch den Job, der andere konnte ein paar gehobelte Bretter besorgen. Dann haben sie hier getauscht.

Können Sie die soziale Entmischung, den Bevölkerungsaustausch der letzten Jahrzehnte im Kiez aus eigener Beobachtung beschreiben?

Nehmen wir die Karl-Gruhl-Straße. Es sind hier noch ein paar Häuschen in Altbesitz, in denen uralte Leute wohnen. Sonst da drüben – alles verkauft, alles Neue. Nette Leute, muss ich dazu sagen. Aber dadurch hat sich das total umgewälzt. Die Miete, das große Wort, wird immer schlimmer. Viele sind in Plattenbauten umgezogen, in die Waldstadt, zum Schlaatz, weil es da günstiger ist.

Wie hat sich der soziale Zusammenhalt verändert?

Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist nicht mehr da, jeder kocht so sein Süppchen. Ich merke das hier in der Gaststätte. Früher war es so: Hier saß der Professor, einer von der Defa und einer von der Müllabfuhr. Die saßen unter Umständen sogar an einem Tisch und haben Skat gespielt. Heute gibt es das nicht mehr. Oder nach dem Sport. Wir haben früher noch ein Bierchen getrunken nach dem Spiel. Heute schnappt sich jeder seinen Sportbeutel, schwupp der eine da hin, der andere dort hin. Das hat sich nicht positiv entwickelt.

Gibt es nicht auch das Umgekehrte, einen neuen Zusammenhalt?

Sie halten zusammen, wenn sie protestieren. Das Schlagwort dafür ist die Bürgerinitiative.

Die Geschichte von „Hiemke“

Die Gaststätte „Hiemke“ in der Karl-Gruhl-Straße 55 existiert seit 1896 und ist seitdem immer in Familienbesitz. Urvater des Hauses ist der legendäre „Kieker“, wie Wirt Otto Hiemke genannt wurde. Nach ihm übernahm Sohn Alfred Hiemke das Zepter. Er führte das Lokal durch die Weimarer Republik und die Wirren des Zweiten Weltkrieges.

Noch vor dem Krieg war „Hiemke“ Treffpunkt für Feldhandballer und Fußballer. Seit Beginn der 1950er betrieb Alfreds Enkelin Edith Nitschke das Restaurant für mehr als 20 Jahre. Mit dem Aufstieg des örtlichen Fußballvereins „Rotation Babelsberg“ in die Oberliga wurde aus der Restauration und Kegelbahn das „Sportrestaurant Hiemke“.

Im Jahr 1972 löste Norbert Zander, selbst leidenschaftlicher Fußballer, seine Mutter ab und führte gemeinsam mit Frau Ursula das Geschäft weiter. Anfang 1990 trat Sohn Daniel, gelernter Koch, ins Familienunternehmen ein. Tochter Stefanie, von Beruf Hotelfachfrau, folgte 1998. Im April 2000 übernahmen die Geschwister dann gemeinsam die Geschäftsleitung..

Kennen Sie das Gerücht, dass der Kiez mit den Weberhäuschen in der DDR für Plattenbauten teilweise abgerissen werden sollte?

Das gab es tatsächlich Anfang der 1970er Jahre. Ich weiß das, weil meine Mutter darlegen musste, was sie hier für Investitionen getätigt hatte zwecks Vergütung. Doch dann kam irgendein weiser Mensch auf eine bessere Idee, sie haben das hier stehen lassen und das Zentrum Ost gebaut. Wir waren dicht dran. Wir sollten umgesiedelt werden, das war ein ganz heißes Ding.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Abend am Tresen?

Mein erster Arbeitstag war der 5. Januar 1962, den werde ich nie vergessen. Mein Vater war ein halbes Jahr vorher gestorben, meine Mutter krank. Ich hatte andere Pläne, aber so habe ich das hier übernommen als 19-Jähriger.

Sie wollten nicht?

Wir hatten so viele ältere Leute, Laubenpieper und so. Die kamen am Nachmittag um vier hier rein und haben mir von ihren Tomatenpflanzen und Querelen erzählt. Sie wollten Bier und sich unterhalten. Das war eine schwierige Zeit, muss ich Ihnen ehrlich sagen.

Was hätten Sie eigentlich machen wollen?

Ich bin ja gelernter Gastronom und hatte die Chance, nach dem zweiten Lehrjahr zur Gastronomiefachschule zu gehen. Das wäre es gewesen. Dann kam das mit meinem Vater. Und damals gab es keine Widerrede. Der Gedanke wäre mir nie gekommen.

Sind Sie noch oft im Lokal?

Die Geschäftsführung habe ich 2000 an die Kinder abgegeben. Jetzt bin ich noch drei Mal die Woche hier. Immer von 9 bis 15 Uhr. Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt.

Die Bildung von „Groß-Potsdam“ am 1. April 1939

Der damalige Potsdamer Oberbürgermeister Hans Friedrichs verfolgte seit seiner Amtseinführung am 10. März 1934 das Ziel, die „Soldaten- und Beamtenstadt“ aus ihrer „kommunalpolitischen Zwangsjacke“ zu befreien.

Am 18. Januar 1939 gab Adolf Hitler in einer Beratung mit dem Minister Albert Speer und dem Gauleiter der Mark Brandenburg, Emil Stürtz, seine Zustimmung zur „Vereinigung der Gemeinden im Raum Potsdam-Babelsberg“.

Fahrland, Geltow, Golm, Grube, Krampnitz, Nattwerder und Sacrow wurden mit Wirkung vom 1. April 1939 aus dem Landkreis Osthavelland nach Potsdam eingemeindet. Aus dem Landkreis Teltow kamen Babelsberg und Drewitz sowie aus dem Landkreis Zauch-Belzig Bergholz-Rehbrücke hinzu.

Schon ein Jahr zuvor waren am 1. April 1938 Nowawes und Neu-Babelsberg zu Babelsberg vereinigt worden. Propagandaminister Joseph Goebbels wollte nicht, dass die deutsche Filmstadt einen slawischen Namen trägt.

Die Einwohnerzahl von Potsdam war mit den Eingemeindungen um 44 020 Bürger auf 127 167 Einwohner gestiegen. Die Fläche wuchs von 5745 Hektar auf 16 654 Hektar. Die Stadt durfte sich fortan Groß-Potsdam nennen.

Bis zur Gebietsreform am 25. Juli 1952 blieb die amtliche und umgangssprachliche Bezeichnung „Groß-Potsdam“. Mit der Auflösung des Landes Brandenburg wurde ein Großteil der 1939 eingemeindeten Orte an verschiedene der neu gebildeten Landkreise abgegeben. Babelsberg blieb Stadtteil.

Von Volker Oelschläger

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