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Potsdam 6 Jahre Haft für "abscheuliche Tat" gefordert
Lokales Potsdam 6 Jahre Haft für "abscheuliche Tat" gefordert
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21:02 28.07.2014
Die Mutter hatte die Tat vor Gericht gestanden. Quelle: Nadine Fabian
Potsdam/Glindow

Gewicht 2550 Gramm, Größe 52 Zentimeter, Todeskampf 20 Minuten. Kathleen B. bleibt auf der Anklagebank sitzen, als die Prozessbeteiligten an den Richtertisch treten und die Bilder in Augenschein nehmen, die das Unfassbare dokumentieren sollen. Kathleen B. hat ihr neugeborenes Kind getötet, es in die Waschmaschine und später auf den Kompost gelegt und mit Streu aus dem Hasenstall bedeckt, den sie zuvor sauber gemacht hatte. Die Bilder, durch die sich Richter, Staatsanwalt, Nebenklage-Anwalt und Verteidiger betreten blättern, hat die 35-Jährige im Kopf: ein kleiner Körper, eingewickelt in ein braunes Handtuch, Zellstoff vor dem Gesicht, das Köpfchen mit Malerkrepp umwickelt.

Tag drei im Prozess um Kathleen B. vor der ersten großen Strafkammer des Landgerichts steht im Zeichen der Plädoyers. Staatsanwaltschaft und Nebenklage fordern eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, der Verteidiger plädiert für eine Bewährungsstrafe – oder kurz: die Ankläger wollen, dass Kathleen B. auf jeden Fall ins Gefängnis geht; ihr Anwalt will sie auf freiem Fuß und in einer Psychotherapie sehen. Das Urteil wird am Donnerstag verkündet.

Neugeborener Junge hat eine Stunde gelebt

Begonnen hatte der Verhandlungstag mit dem rechtsmedizinischen und psychiatrischen Gutachten. Laut der Expertise aus dem Sektionssaal war der neugeborene Junge zwar ein wenig zu früh, aber gesund zur Welt gekommen. "Er hat gelebt – etwa eine Stunde lang", so Rechtsmediziner Jürgen Becker. "Das Kind ist durch den Verschluss der kompletten oberen Atemwege erstickt." Zeichen äußerer Gewalteinwirkung gebe es nicht. Kathleen B. hat dem Baby, wie berichtet, zusammengeknülltes Toilettenpapier in den Mund gesteckt. "Es füllte den Rachenraum komplett bis ganz hinten aus."

Matthias Lammel, Facharzt für Psychiatrie, bescheinigt der 35-Jährigen eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung, die bei ihr besonders stark ausgeprägt sei. Sie habe kein Selbstvertrauen und ein negatives Selbstbild, sei schüchtern und defensiv, ängstlich, anspruchsarm, pflegeleicht. "Ihr fehlt all das, was Menschen Ecken, Kanten und ein Profil gibt." Die Eigenschaften seien seit Jahrhunderten an Frauen beschrieben worden, die ihre Kinder umgebracht haben. "Kindstötung unter der Geburt gibt es seit Menschengedenken", so Lammel. In Deutschland gehe man heute von 50 bis 60 Fällen pro Jahr aus.

Der Prozess

Schwangerschaft bestritten und verdrängt

Kathleen B. habe sich vor jedweden Entscheidungen gedrückt. "Es ist nicht ihre starke Seite, die Probleme, die sich im Leben herandrängen, zu lösen", so Lammel. Die ungewollte Schwangerschaft sei so ein Problem gewesen, hieß es doch, sich entscheiden zu müssen: Abtreibung, Babyklappe, Adoption – oder aber ein spätes Geständnis, nachdem sie mehrmals bestritten hatte, schwanger zu sein. "In dem Moment, in dem der Gedanke an die Schwangerschaft aufkam, hat sie ihn weggedrückt." Ob die Angeklagte aber in dem Moment, in dem sie dem Säugling das Papier in den Mund stopfte, über ihre volle Steuerungsfähigkeit verfügte – dazu könne er keine empirisch fundierte Aussage treffen: "Diese Entscheidung überlasse ich dem Gericht", so Lammel. Sicher aber könne er sagen, was die Tat verhindert hätte – Kathleen B. hat diese Antwort in all den Vernehmungen und Befragungen im Übrigen selbst mehr als einmal gegeben: "Wenn jemand da gewesen wäre. Wenn sie unerbittlicher mit dem Verdacht konfrontiert, wenn energischer nachgehakt worden wäre, dann wäre vermutlich nicht geschehen, was geschehen ist."

"Eine abscheuliche Tat"

Staatsanwaltschaft und Nebenklage gehen von der vollen Schuldfähigkeit der Angeklagten aus. Sie können auch keine Umstände erkennen, die auf einen minderschweren Fall des Totschlags schließen lassen, auf den statt der vom Gesetz vorgesehenen fünf bis 15 Jahre Freiheitsstrafe "nur" ein bis zehn Jahre stehen. Anwalt Alexander Kleinert, der den Kindsvater vertritt, sprach – "ich wollte das Wort eigentlich vermeiden" – von einer abscheulichen Tat.

Kathleen B.s Verteidiger Karsten Beckmann geht indes sowohl von einer "erheblich verminderten Schuldfähigkeit" als auch von einem minderschweren Fall aus. Ihre Persönlichkeitsstruktur erlaube es ihr nicht, so zu reagieren, wie es die meisten anderen getan hätten. "Die Geburt war für sie – obwohl zwangsläufig – ein plötzliches Ereignis." Kathleen B. habe also im Affekt – wenn auch keinem tiefgreifenden – gehandelt. "Ich halte es nicht für geschmacklos und unverhältnismäßig, eine Freiheitsstrafe zu verhängen, die bewährungsfähig ist", betonte Beckmann – dies betrifft nur Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren.

Das letzte Wort war der Angeklagten überlassen. Kathleen B., von heftigem Weinen geschüttelt, ist kaum zu verstehen: "Auch ich finde widerlich, was ich getan habe", sagt sie. "Aber ich kann es mir nicht erklären und anderen auch nicht."

Von Nadine Fabian

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