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Potsdam Das erzählt der Bewahrer hunderter Potsdamer Balkone
Lokales Potsdam Das erzählt der Bewahrer hunderter Potsdamer Balkone
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20:25 30.08.2019
Der Stuckateurmeister Roland Lehnert von der Firma Roland Schulze 2008 bei der Arbeit. Quelle: Roland Schulze Baudenkmalpflege
Potsdam

Schön, aber hohl. So ist das manchmal im Leben und besonders oft in Potsdam, denn im Schummeln waren die preußischen Bauherren ganz, ganz groß. Klong-klong! Roland Schulze klopft auf Stuck: „Die Konsole ist einfach nur hübsch anzuschauen, sie hat keine tragende Funktion“. Auch wenn es anders anmutet: Das Gewicht von Potsdams historischen Balkonen ruht nicht auf den reich verzierten Winkeln, die sich an die Unterseite der Balkone schmiegen, sondern auf verborgenen, im besten Fall tief ins Mauerwerk ragenden Trägern.

„Ohne Balkone würde Potsdam etwas fehlen“, sagt Baudenkmalpfleger Roland Schulze. „Potsdam besteht ja nicht nur aus Schlössern, Gärten und Monumenten, sondern auch aus vielen, vielen Kleinigkeiten: aus Balkonen, Vasen, Treppen... Diese Kleinigkeiten machen erst das Liebenswerte von Potsdam aus.“

Abrisstrupps zogen in den Neunzigern von Straße zu Straße

In den 90er Jahren wurden reihenweise marode Balkone abgerissen. Quelle: Roland Schulze Baudenkmalpflege

Roland Schulze hat seine Baudenkmalpflege am 1. November 1989 gegründet – er erkennt die Gunst der Stunde für seine junge Firma, aber auch für die Stadt Potsdam und klinkt sich ein. Während die Abrisstrupps von Straße zu Straße ziehen und strängeweise historische Balkonanlagen kurz und klein hauen, nimmt er mit seinen Mitarbeitern Aufmaße, fischt Baluster, Schmuckkonsolen und Vasen aus Schuttcontainern, dokumentiert Formen und Profile, legt ein Archiv an.

Geht nicht? Gibt’s nicht bei Roland Schulze und seinen Mitarbeitern. Die Potsdamer Baudenkmalpfleger haben aberhunderte Balkone saniert und rekonstruiert. Ein Streifzug durch die Werkstattt.

Als nach und nach Eigentümer, viele aus den alten Bundesländern, ihre Häuser zurückerhalten und verwundert, oft erschrocken vor entblößten Fassaden stehen, spricht sich fix herum, „dass es da so einen Verrückten gibt, den Schulze“, erzählt eben jener und klickt sich durch seine Schatzkammer. „Wir haben alle Balkonkonsolen aus Potsdam. Wir haben alle Baluster. Hier: Konsole Nummer 7 – sehr verspielt, sehr beliebt. Baluster Nummer 3 – ein Klassiker in Potsdam...“

Das Archiv ermöglicht es Roland Schulze, alten und neuen Hausbesitzern detaillierte und historisch genaue Angebote zu unterbreiten. „So einen Form- und Modellkatalog hatten einige Betriebe schon um 1900, als viele der Potsdamer Balkonanlagen gebaut wurden“, sagt Roland Schulze. „Sie haben Balkone schon damals in Serie gefertigt – daran haben wir uns ein Beispiel genommen. Der Vorteil: Man kann für den Bauherren die Kosten senken und als Handwerker trotzdem profitabel arbeiten.“ Roland Schulze wird zum Serientäter.

Zehn Gewerke drängeln sich auf ein paar Quadratmetern

Weil nach dem großen Kahlschlag die Aufträge nicht balkon- sondern gleich hausweise reinkommen, zahlt sich der Bau höherer Stückzahlen zusätzlich aus. So viel wie möglich zu standardisieren, ist aus einem weiteren Grund von Vorteil. Ist so ein Balkon erst mal in der Mache, wird’s nämlich eng: Die, die abreißen oder die Reste abtragen, die Schlosser, die Zimmerleute, Stahlbauer, Maurer, Dachklempner, Stuckateure, Abdichter, Fliesenleger und Maler – bis zu zehn Gewerke drängeln sich bei der Rekonstruktion auf drei, vier Quadratmetern.

Roland Schulze erkennt schnell, dass es praktikabler ist, die Balkone nicht Handgriff für Handgriff vor Ort zu fertigen, sondern so viel wie möglich in der eigenen Werkstatt vorzubereiten. „Auf der Baustelle geht’s dann relativ schnell“, sagt Roland Schulze. Man müsse sich das wie einen großen Baukasten vorstellen, den die Handwerker vor Ort nur noch zusammenfügen.

Engagement für die Angerkirche und den Winzerberg

Vier Karyatiden tragen den Balkon Weinmeisterstraße 42 – Roland Schulzes Team hat die Damen aufgefrischt. Quelle: Roland Schulze Baudenkmalpflege

Roland Schulze, der erfolgreichste und gefragteste Baudenkmalpfleger in und um Potsdam, engagiert sich weit über das Geschäftliche hinaus: Er hat den Aufbau der Angerkirche und des Winzerbergs ermöglicht, unterstützt Vereine und Veranstaltungen, fördert junge Menschen aus Potsdam und aus dem Ausland. Als Anerkennung und zum Dank durfte er sich 2017 ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

Sein Lieblingsbalkon ist im Havelland zu finden

Verewigt aber hat er sich in den Potsdamer Vorstädten: in der Hans-Sachs-Straße mit ihren kunstvoll verglasten Jugendstilbalkonen zum Beispiel, in der Weinbergstraße, wo anmutige Karyatiden die Balkonlast auf ihren frisierten Köpfen balancieren, in der Hebbel- und in der Feuerbachstraße, wo Balkone und Baumkronen ineinander überzugehen scheinen, in der Berliner Straße mit ihren mondänen Loggien...

Roland Schulze blättern sich durch die Fotos seiner Balkon-Hochphase. Sein liebster? Er schiebt ein Bild über den Schreibtisch. Darauf ein herrschaftliches Anwesen in Sepia. Der Balkon ragt knapp über die Spitzen der aufgeschossenen Koniferen, seine Gestalt verliert sich im Halbdunkel. Schloss Ribbeck im Havelland.

„Wir hatten nichts – nur dieses Bild und ein kleines Bruchstück der Konsole“, erzählt Roland Schulze. Skizze für Skizze nähert er sich mit seinem Team der Konstruktion an. Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Der Balkon von Schloss Ribbeck aber ist für Roland Schulze noch immer ein kleines Wunder.

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Potsdam ist voll von Balkonen. Jeder ist besonders, denn jeder ist anders – so wie die Menschen, die ihn hegen.Sie züchten Rosen auf Ihrem Balkon? Oder ernten Tomaten? Sie haben sich mit dem Sofa  eingerichtet? Oder nur mit Klappstuhl? Sie bitten zu Partys auf den Balkon? Oder genießen lieber die Ruhe? Die MAZ stellt Potsdamer und ihre Balkone vor.

Sie wollen dabei sein oder kennen jemanden, der dabei sein sollte? Kontakt: 0331/2 84 02 80 und potsdam-stadt@maz-online.de

Von Nadine Fabian

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