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Potsdam Baumblütenfest: Eine Stadt im Ausnahmezustand
Lokales Potsdam Baumblütenfest: Eine Stadt im Ausnahmezustand
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17:27 28.04.2019
Der Obstwein gehört fest zum Baumblütenfest. Doch nicht jedem bekommt er. Quelle: Varvara Smirnova
Werder

Es ist Samstagnachmittag kurz vor drei Uhr, in Werder stehen Besucher und Bürger der Stadt zu Tausenden an den Straßen. Sie trinken Obstwein und jubeln dem lustigen, farbenfrohen Festumzug zu. Die geschmückten Wagen, Tanzgruppen und Marschkapellen ziehen durch die Straßen und über die Brücke Werders – und läuten damit eines der größten Volksfeste in Ostdeutschland ein. Um 15 Uhr, als der Zug sein Ziel erreicht hat, eröffnet die neue Baumblütenkönigin Madeleine Reichelt das Fest auf einer Bühne am Marktplatz.

Zehn Minuten zuvor in einer der kleinen Nebenstraßen der Innenstadt, das 140. Baumblütenfest in Werder ist offiziell noch nicht eröffnet. Ein mittelalter Mann mit Bürstenschnitt und ausgewaschenen Jeans stellt seine Plastikflasche aufs Straßenpflaster, richtet sich auf und lehnt sich an die verputzte Hauswand eines Wohnhauses. Dann öffnet er den Reißverschluss seiner Hose – und pinkelt an die Wand. Keine 20 Meter entfernt hängt an einem Regenrinnenrohr ein signalrotes Schild: „Bitte nutzen Sie die Toiletten“.

Zehntausende Gäste strömen am Wochenende durch Werder

Zehntausende Besucher strömen allein am ersten Festwochenende durch Werder, bis zum letzten Festtag am nächsten Sonntag wird die Zahl der Besucher die der rund 25.000 Einwohner um ein Vielfaches übertreffen. Die Menschen sitzen in den lauschigen Gärten der Obstmucker, die ihren Rhabarber-, Apfel und Johannisbeerwein verkaufen. Sie lachen, tanzen und feiern ausgiebig. Das ist die eine Seite des Festes. Doch gerade Anwohner und Polizei kennen auch eine andere.

Denn für Werder ist das Baumblütenfest immer auch ein Stresstest. Längst nicht alle Besucher können mit dem süffig-süßen Wein umgehen – vielen, vor allem den jungen Besuchern steigt er zu Kopf. Etliche trinken einfach zu viel. Es ist am Samstag noch nicht dunkel, da schlafen die ersten auf den Wiesen links und rechts der Brücke zur Insel ihren Rausch aus. Zum ersten Mal streifen in diesem Jahr zusätzlich zu den zahlreichen Polizisten und Rettungskräften auch Jugendschutzteams aus Sozialarbeitern durch die Menge – und versuchen den Alkoholkonsum einzudämmen, wo es möglich ist.

Bürgermeisterin bedankt sich bei Anwohnern

Dabei hatte Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) noch gewarnt: „Genießen Sie den Wein nur in Maßen, übertreiben Sie nicht“, sagte die Politikerin bei der Eröffnung. Doch der Obstwein, sagte Saß auch, gehöre zum Baumblütenfest wie das Bier zum Oktoberfest in München. Den Bürgern, gerade denen im Zentrum des Festes auf der Insel, wolle sie ein großes Dankeschön aussprechen. „Wir haben viele erfahrene Anwohner, die wissen, was auf Sie zukommt.“

In Massen schieben sich die Besucher durch die Straßen der Stadt. Quelle: Varvara Smirnova

Anwohner wie Burkhard Siele. Der Ur-Werderaner lehnt mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht an einem Zaun etwas abseits des Festtrubels – und schaut sich das Treiben an. In einer Hand einen leeren Obstweinbecher, in der anderen die Leine seines Hundes. Er ist einer der Bewohner, die auf der Insel direkt am Festgeschehen wohnen. Genervt war er nie. „Ich bin 1951 hier geboren“, sagt Siele. „Seitdem war ich mal vier Jahre zum Studium in Magdeburg. Aber selbst da war ich am Wochenende immer hier. Und das Baumblütenfest gab’s auch immer schon“.

Nicht immer war das Fest so groß

Im Sozialismus, sagt er, da sei es manchmal nicht ganz so groß gewesen. Da habe es in einigen Jahren nur fünf Karussells gegeben. „Aber Spaß gemacht hat’s eigentlich immer.“ Genervt seien nur ein paar Zugezogene, sagt er. Die hätten sich im Vorfeld nicht richtig informiert und verreisten jetzt während der Festtage. „Aber“, und Siele zuckt mit den Schultern, „das Fest gehört doch zu Werder.“

Es gehört zu Werder wie die Baumblüte, der es seinen Namen verdankt und wie der Wein, der es groß machte. Und das Fest gehört zu Werder wie die kleinen und großen Obstmucker, die überall in der Stadt ihre Gärten öffnen und an Ständen ihren Wein verkaufen – wie die Jacobs in der Eisenbahnstraße. „Wir öffnen unseren Stand nur am Wochenende und am ersten Mai“, sagt Uta Jacobs. „Unter der Woche haben wir ja ganz normale Berufe“. Das Obst haben sie von den Wiesen aus der Umgebung. Wein ist so viel da, wie der Keller Platz hergibt. Wenn eine Sorte alle ist, ist sie alle. „Wir verkaufen ja nur jetzt, während des Baumblütenfestes.“

Ausgelassen tanzen die Besucher beim Festumzug. Quelle: Varvara Smirnova

Ein paar hundert Meter weiter steht ein Anwohner in seiner Einfahrt und schaut zu, wie auf der Straße der nächste Schwung Menschen vom Bahnhof in die Stadt zieht. Vor ein paar Jahren, sagte er, hätten sie ihm nachts während des Baumblütenfestes eines seiner Fenster kaputt gemacht. Aber das sei zu reparieren gewesen und verziehen. „Ich habe ja früher schließlich auch mal über die Stränge geschlagen“, sagt er und guckt den lärmenden Gruppen hinterher. „Und so viele wie früher pinkeln auch gar nicht mehr in meinen Garten.“

Dann – nach einer Pause – fragt er, ob man in diesem Jahr schon den schwarzen Johannisbeerwein probiert habe. „Der ist richtig gut, etwas herber. Mag ja nicht jeder. Aber mir schmeckt’s.“

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Von Ansgar Nehls

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