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Potsdam Bilder zur Nachwendezeit
Lokales Potsdam Bilder zur Nachwendezeit
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17:05 03.05.2019
„Die rote Tür“, aufgenommen in Beelitz-Heilstätten. Quelle: Hassan J. Richter
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Innenstadt

Still ist es im sonnigen Hinterhof. Hier und da ein Vogelzwitschern. Eine Fliege schlägt brummend gegen eine Fensterscheibe. Unten im Parterre übt jemand Saxofon. Eine Etage höher, in der schattigen Galerie des „Kunstwerks“ erzählen Fotografien von verlorenen Orten und vergessener Zeit.

Gestrüpp überwuchert die Karosserie eines Trabis. „Baumhaus“ zeigt einen fensterlosen Plattenbau, der schon fast verschwunden ist inmitten von schnell wachsenden Pappeln. „Energie Scotty“ öffnet den Blick in eine Kraftwerk-Zentrale mit raumgreifender Armatur vor Beton. „Sport fällt aus“ heißt es zu einer Turnhalle mit einer olympischen Fackel an der orange getünchten Wand hoch über den modrigen Resten des Parketts.

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„Energie Scotty“ von Hassan J. Richter. Quelle: Stefan Gloede

Das „Kunstwerk“ auf dem Grundstück der einstigen Brauerei Kanitzberg in der Hermann-Elflein-Straße war das erste freie Kulturzentrum Potsdams. Eröffnet wurde es als „Erste unabhängige Kunstfabrik“ am 1. Dezember 1989 nur wenige Tage nach dem Mauerfall. Die Fotoausstellung „Vergessene Orte – lichte Momente“ von Hassan J. Richter liest sich dort wie eine Reminiszenz an die Gründungszeit.

Zur Fotografie kam der 50-Jährige Ende der 1980er Jahre in der historischen Potsdamer Innenstadt. Sein erstes Motiv waren leerstehende, oftmals schon zum Abriss freigegebene Häuser, die zu der Zeit ganze Straßenzüge prägten. Das Thema sollte ihm auch später in Abwandlungen immer wieder begegnen.

Seine Fotostreifzüge sind „Entdeckungs- und oftmals Erinnerungsreisen in die Vergangenheit“, wie er selbst sagt. Hassan J. Richter durchkämmt bevorzugt alte Kasernen und verlassene Industriebetriebe. Mit einer analogen Plattenkamera langzeitbelichtet, wird Verfall zu Kunst.

In der Ausstellung. Quelle: Stefan Gloede

Beispielhaft dafür steht das Bild „Die rote Tür“, ein morbides Stillleben aus Beelitz-Heilstätten mit zwei gegenläufigen Treppenhäusern dies- und jenseits einer Trennwand mit großen Fensterpartien, mit kühlem Fliesenboden, durch runde Öffnungen schräg einfallendem Tageslicht und von den Wänden blätternder Leimfarbe mit orange-goldenem Schimmer. Quer hindurch sieht man klein, wie dahingemalt, diese rote Tür.

Perspektive, Licht und Farbe sind die Koordinaten in Fotografien wie „Haus der Schnecke“ oder „Sommerflur“, die hässliche Wendeltreppen und öde Büroflure in vielschichtig abstrakte Stillleben mit dem Anschein einer hohen zeichnerischen Präzision und Tiefe verwandeln.

In der Ausstellung. Quelle: Stefan Gloede

Richter versteht seine Arbeit auch als dokumentarische Aufarbeitung der Nachwendezeit in Ostdeutschland mit sterbender Wirtschaft, schwindender Bevölkerung und verödenden Regionen: „Auf meinen Streifzügen sehe ich, wie diese Zeit als Geschichte mit den Orten verfällt.“ In einem separaten Raum der Galerie hängen Porträts von Wendeverlierern, die als damals 50-Jährige in Frühverrentung und Kurzarbeit gingen.

Die Ausstellung im Kunstwerk, Hermann-Elflein-Straße 10, ist noch bis zum 12. Mai, mittwochs bis sonntags von 15 bis 19 Uhr, zu sehen.

Von Volker Oelschläger

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