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Potsdam Interview mit Pädagogin Maria Pohle: „Wir setzen die Chancengleichheit aktiv um“
Lokales Potsdam

Boxen in Potsdam: Interview mit Pädagogin von "Fair"

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19:36 18.12.2020
Maria Pohle trainiert die „Fair“-Kinder im Boxkeller an der Universität Potsdam.
Maria Pohle trainiert die „Fair“-Kinder im Boxkeller an der Universität Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Maria Pohle hat das Boxangebot „Fair“, ein Projekt des Universitätssportvereins Potsdam, mit entwickelt und mit aufgebaut. Die 34-Jährige arbeitet bei Fair außerdem als pädagogische Leiterin – und unterstützt die Kinder beim Training und bei persönlichen Problemen. Im MAZ-Interview erzählt Pohle, wieso Boxen sich für die Sozialarbeit eignet, vor welchen Herausforderungen Potsdam in Sachen Integration steht – und wie ihr eigener Migrationsweg von Russland nach Deutschland war.

Frau Pohle, Sie sind seit Juni 2018 pädagogische Leiterin bei Fair. Was gibt Ihnen die Arbeit mit Kindern?

Die Jugendarbeit gibt mir Energie und das Gefühl etwas zu bewirken. Außerdem lerne ich von Kindern sehr viel. Meine Arbeit saugt aber auch Energie, weil so viele Emotionen mit einfließen. Dazu kommt, dass sehr viele unterschiedliche Kinder bei Fair sind und ich versuche für jedes Kind ein offenes Ohr zu haben. Aber es lohnt sich.

Welche Kinder und Jugendlichen machen bei Fair mit?

Bei Fair boxen vor allem junge Menschen im Alter zwischen acht und 27 Jahren, aber auch Frauen unterschiedlicher Altersklassen kommen zu Fair. Wir haben eine Extragruppe mit kleinen Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. Im Kern sind es aber Jugendliche, die zu Fair kommen. Was den Hintergrund angeht, haben wir Kinder mit und ohne Migrationshintergrund, Kinder aus sozioökonomisch schwierigen und wohlhabenden Verhältnissen, sowie Mädchen und Jungs. Der Mix macht es (lacht).

Inwiefern ist der Mix von vielen unterschiedlichen Kindern ein Vorteil?

Dieser Mix vermittelt den Kindern das Gefühl, auf Augenhöhe und gleich zu sein. Von der Chancengleichheit wird viel gesprochen – aber wir setzen sie aktiv um. Jeder wird gleich behandelt und von jedem wird gefordert, sich einzubringen. Das Gefühl dazu zu gehören, ist sehr wichtig für alle Kinder. Wir sind wie eine Familie, eine Fair-Familie.

„Viele Geflüchtete rennen vor verschlossene Türen“

Bei Ihnen boxen Kinder mit tragischen Fluchterlebnissen – täglich damit konfrontiert zu sein, ist sicher nicht einfach. Wie gehen Sie damit um?

Schwierige Familiengeschichten kommen oft vor, auch bei Kindern ohne Fluchtgeschichte. Es gibt aber spezifische Probleme, die Geflüchtete betreffen: In meiner Arbeit begleite ich viele Familien zu Behördengängen und der Großteil möchte sich integrieren, doch viele rennen vor verschlossene Türen. Potsdam ist definitiv eine offene und tolerante Stadt, trotzdem ist es nicht immer einfach. Bei Geflüchteten schwingt oft Unsicherheit mit, weil der Aufenthaltsstatus häufig ungeklärt ist. Das schwingt auch bei mir mit und geht an die Substanz. Ich versuche deswegen eine gesunde Distanz aufzubauen, aber das geht nicht immer.

Boxen verbindet man eher mit Gewalt. Wieso eignet sich diese Sportart für die Sozialarbeit?

Das negative Image des Boxens kommt ursprünglich vom Profiboxen und von Kämpfen, die man im Fernsehen sieht. Bei Fair sprechen wir von Amateurboxen als Sport, das ist etwas anderes. Bei uns gewinnen die Kinder mit Technik und nicht mit starken Schlägen. Die Kinder lernen bei uns, ihre Gefühle zu kontrollieren, Vertrauen aufzubauen und ihre Emotionen gezielt zu kanalisieren, ohne dabei anderen zu schaden.

Boxen gilt im traditionellen Sinne als Männersport. Was für ein Feedback bekommen Sie von den Frauen und Mädchen, die bei Fair sind?

Viele Kinder sagen uns, dass sie zum Boxen gehen, um alles rauszulassen. Bei Frauen kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Sie lernen Selbstsicherheit und bekommen eine selbstbewusste Ausstrahlung.

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Wenn so viele Kinder zusammen Sport machen, kommt es bestimmt auch zu Streit. Wie gehen Sie als pädagogische Leiterin damit um?

Natürlich kommt es zu Streit. Beim Boxen geht es darum, Kontrolle über die eigenen Emotionen zu lernen und dieser Lernprozess ist mit Fehlern verbunden. Wenn es zu Konflikten kommt, also wenn einer zum Beispiel zu fest zuschlägt, dann gibt es klare Regeln. Derjenige muss dann den Ring verlassen, sich auf die Bank setzen und zugucken, bis er oder sie sich beruhigt hat. Es gab Kinder, die ein halbes Jahr auf der Bank saßen (lacht). Ich arbeite außerdem ganz eng mit den Schulen der Kinder zusammen, besonders wenn es zu Problemen kommt. Das Netzwerken ist für meine Arbeit sehr wichtig.

„Jeder hat meine Telefonnummer“

Wie genau funktioniert das Netzwerken in der Sozialarbeit?

Ich bin im engen Kontakt mit den Schulen, den Lehrern, Schulsozialarbeiten und den Eltern. Diese Arbeit ist sehr wichtig. Wenn wir merken, dass wir an unsere Grenzen stoßen, können wir die Kinder an die richtigen Stellen weiterleiten. Ansonsten hat jeder meine Telefonnummer –Kinder, Eltern und Lehrer. Mittlerweile habe ich auch ein Arbeitshandy.

Das klingt nach enorm viel Arbeit.

Ja, das ist viel Arbeit. Ich muss am Abend auch das Handy ausschalten. Ich habe mit den Kindern eine Vereinbarung, dass ich ab 20 Uhr keine Anrufe mehr abnehme. Manchmal halten sie sich dran (lacht).

Hängen die Kinder sehr an Ihnen?

Ja, manche Kinder und Jugendliche hängen an mir – besonders die Kleinen. Ich suche bewusst den Kontakt zu den Kindern, das ist Teil des Jobs. Bei einigen dauert es aber auch sehr lange, bis ich richtigen Anschluss finde. Und natürlich hängen viele an unseren anderen Trainerinnen und Trainern. Die meisten Kinder hängen aber an Fair, dem Geschehen im Boxkeller und aneinander. Sie finden bei Fair viele Freunde.

Welche Schwierigkeiten kommen gerade auf Fair zu?

Wir suchen seit Jahren verzweifelt nach einem geeigneten Raum. Der Boxkeller an der Universität ist schon jetzt zu klein für uns, dabei gibt es noch viel mehr Bedarf. Ich habe als Pädagogin keinen Platz für die Freizeitgestaltung der Kinder – wir müssen immer woanders hin ausweichen. Es wäre schön, wenn wir eine Trainings- und Jugendarbeitsstätte an einem Ort hätten. Ein anderes Problem ist, dass wir alle nur Teilzeitverträge haben und der Hauptteil unserer Arbeit ehrenamtlich passiert. Wir streben aber an, dass das Fair-Konzept von der Stadt gefördert wird.

„Ich hatte einen leichten Integrationsweg“

Sie haben selber Migrationsgeschichte, kommen aus St. Petersburg und leben seit 2009 dauerhaft in Potsdam. Wie empfanden Sie Ihre Integration?

Ich bin als ausgebildete Germanistin nach Potsdam gekommen. Deswegen sage ich immer, dass ich einen leichten Integrationsweg hatte, weil die Sprache kein Problem war. Das erste Mal war ich 2007 in Potsdam, damals hatte ich ein DAAD-Stipendium gewonnen. Ich kam für vier Monate und blieb ein ganzes Jahr, weil ich Potsdam so toll fand. Danach habe ich mich entschlossen für ein Aufbaustudium zurückzukommen, sobald ich mein Diplom habe.

Wie war die Umstellung für Sie von St. Petersburg nach Potsdam?

Ich bin in Peterhof aufgewachsen, eine Palaststadt in der Nähe von St. Petersburg. Sie ist Potsdam, was die Bauten und Parks angeht, sehr ähnlich. Dass Potsdam kleiner ist, hat mir gut getan beim Ankommen, weil die Stadt überschaubarer war. Nach wenigen Tagen an der Uni habe ich meinen Mann kennengelernt, Freunde gefunden und bin gerne geblieben.

Nach Ihrem Master in Potsdam waren Sie fünf Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität. Womit haben Sie sich in Ihrer Forschung befasst?

In der Wissenschaft habe ich mich schwerpunktmäßig mit migrationsbedingter Mehrsprachigkeit befasst. Ich habe konkret zu Jugendsprache, sowie Kiezdeutsch geforscht und mit meiner Forschung gegen Vorurteile gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund gekämpft.

„Potsdam ist in Sachen Integration ein Vorreiter“

Wieso entschieden Sie sich für einen Karrierewechsel zu Fair?

Schon damals habe ich mit Multi-Kulti-Kindern in Berlin-Neukölln und -Kreuzberg gearbeitet, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Und aufgrund der Arbeitsbelastung in einem Drittmittelprojekt kam ich mit meiner Dissertation nicht weiter. Außerdem wollte ich keine Professur. Damals habe ich bereits in der Freizeit beim Universitätssportverein geboxt. Unser Fair-Projektleiter Felix Hoffmann hatte zu diesem Zeitpunkt schon mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Als ich mich 2018 bereits für einen Berufswechsel entschied, kam Felix auf mich zu und fragte, ob ich als Pädagogin Fair mitgestalten möchte. Das Projekt erhielt in dem Jahr die Förderung durch Aktion Mensch und so entstand die Stelle. Ich sagte sofort zu.

Das klingt fast nach Schicksal.

Das war tatsächlich Schicksal. Ich habe Fair gemeinsam mit Felix und anderen Kolleginnen und Kollegen entwickeln und mit aufbauen dürfen. Wir wollten die Jugendarbeit dahin bringen, wo die Jugend schon ist. Wir sind nun an dem Punkt angekommen, dass jede qualifizierte Pädagogin meine Arbeit und jeder qualifizierte Trainer die sportliche Betreuung machen könnte, weil das Konzept funktioniert.

Neben Ihrer Arbeit bei Fair, sind Sie außerdem Vorsitzende des Potsdamer Migrantenbeirates. Vor welchen Herausforderungen steht Potsdam in Sachen Integration?

Das öffentliche Interesse ist riesig, dass Potsdam eine weltoffene und tolerante Stadt ist. Seit 2002 gibt es zahlreiche Beschlüsse, die Potsdam als "Eine Stadt für alle" postulieren. Auch was Kommunalpolitik angeht, zum Beispiel die Entscheidung über die Auflösung der Gemeinschaftsunterkünfte, ist Potsdam ein Vorreiter. Es wird viel Arbeit geleistet in der Verwaltung und an anderen Stellen, der gute Wille ist da. Es hackt jedoch oft an der Umsetzung – sie dauert zu lange. In der Coronazeit wurden viele Problemlagen akut, besonders was das Wohnen oder die Chancengleichheit in der Bildung betrifft. Ansonsten sehe ich alle Voraussetzungen dafür, dass die Integration erfolgreich funktioniert. Ich habe einen wunderbaren Integrationsweg in Potsdam hinter mir, den möchte ich für alle anderen Menschen auch ermöglichen. Und wo es in meiner Kraft liegt, möchte ich ein Paar Stolperfallen wegräumen. Deswegen engagiere ich mich sowohl bei Fair, als auch beim Migrantenbeirat.

Von Alisha Mendgen