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Potsdam Brandschutz auf dem Prüfstand
Lokales Potsdam Brandschutz auf dem Prüfstand
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18:39 09.10.2013
Fast vier Meter liegen zwischen Autotür und Autotür am Sanierungshaus in der Wollestraße; Michael Ahlhorn hat nachgemessen.
Fast vier Meter liegen zwischen Autotür und Autotür am Sanierungshaus in der Wollestraße; Michael Ahlhorn hat nachgemessen. Quelle: Rainer Schüler
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Babelsberg

60 Jahre hat es keinen interessiert, jetzt wird es plötzlich ein Problem: In der Wollestraße funktioniert der Brandschutz nicht, vielleicht. Kurz vor dem Start zur Sanierung eines rund 100 Jahre alten Hauses jedenfalls fiel den Genehmigungsbehörden auf, dass es dort keinen zweiten Rettungsweg gibt für Etage drei und das bewohnte Dach. Das Treppenhaus reicht im Brandfall als Fluchtweg nicht; es könnte verqualmt sein oder selber brennen. Dann müssen die Bewohner von ganz oben ihre Wohnungen über einen zweiten Weg verlassen können. Eine Außentreppe wäre denkbar, doch die Denkmalpflege lehnt das ab. Bleibt die Straße, wo die Feuerwehr eine Drehleiter aufstellen muss als zweiten Rettungsweg. "Die Feuerwehr hat uns gesagt, dass sie mit Steckleitern zum Anlegen nicht bis nach oben kommt", sagt Bauingenieur Michael Ahlhorn, der die Sanierung leitet: "Das Bauamt hat uns dann beauftragt, eine Aufstellfläche für die Drehleiter nachzuweisen."

Nach Ahlhorns Kenntnis ist die Wollestraße aber zu schmal für eine Drehleiter mit ausgefahrenen Stützen. Die Straße ist am Haus beparkt auf beiden Seiten, und wo vor Nachbarbauten die Autos nur einseitig stehen, gibt es vor den hohen Häusern Grünflächen mit Pollern drauf. Keiner der nahen "mittelgroßen" Bauten hat im Hof eine Außentreppe, keiner einen extra Platz für Potsdams Feuerwehr.

Zehn Monate war der Bauantragsweg für Haus Nr. 23 nun schon lang; er könnte noch viel länger werden, fürchtete Ahlhorn noch am Dienstagmittag. Zwei Zeitungen fragten bei der Stadtverwaltung nach; am selben Abend stellte das Bauamt dann ein Parkverbot in Aussicht vor dem Haus. So könne die Feuerwehr das Leiterfahrzeug aufstellen und mit Stützen gegen das Umkippen sichern. Hat die Stadt hier ein Problem erkannt? "In vielen Straßen Potsdams ist es supereng für die Feuerwehr", sagt Brandschutz-Prüfer Matthias Oeckel von der Dr. Zauft Ingenieurgesellschaft in Potsdam, aber nicht hier. "Drei Meter Durchfahrbreite braucht die Feuerwehr." Die MAZ maß nach: 3,80 Meter. "Wenn zwischen Wand und Bordstein nicht mehr als neun Meter liegen, braucht die Drehleiter nicht ihre Stützen." Die MAZ maß nach: 3,70 Meter.

Hier stimmt die Sache vielleicht noch, doch das Problem durchzieht die Stadt. Es gebe einen Interessenkonflikt zwischen Parkraumbewirtschaftung und Brandschutz, sagt Oeckel. "Wo es zu wenig Stellplätzen gibt, will die Stadt keinen Stellplatz opfern und verlangt vom Hausbesitzer gern, das Fluchtproblem zu lösen." Das dürfe sie aber gar nicht. Zweite Rettungswege kosteten Geld, minderten die Wohnqualität und den Mieterlös des Eigentümers. Die Stadt müsse grundsätzlich klären, wie sie die zweiten Rettungswege in Altbauvierteln garantieren will.

Von Rainer Schüler

Das sagen die Brandenburgische Bauordnung und ein Experte zum zweiten Rettungsweg

Die Bauordnung sagt:

  • Für ... Wohnungen , Praxen oder selbstständige Betriebsstätten, müssen in jedem Geschoss mindestens zwei voneinander unabhängige Rettungswege ins Freie vorhanden sein.
  • Ein zweiter Rettungsweg ist nicht erforderlich , wenn die Rettung über einen sicher erreichbaren Treppenraum möglich ist, in den Feuer und Rauch nicht eindringen können (Sicherheitstreppenraum).
  • Bei Gebäuden mittlerer Höhe darf der zweite Rettungsweg eine mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbare Stelle ... sein, wenn die Feuerwehr über ... Hubrettungsfahrzeuge verfügt.
  • Die lichte Breite eines jeden Teiles von Rettungswegen muss mindestens 1 Meter betragen. In Wohnungen genügt eine lichte Breite von 0,80 Meter. Für Treppen mit geringer Benutzung genügt eine lichte Breite von 0,60 Meter.
  • Jedes nicht zu ebener Erde liegende Geschoss und der benutzbare Dachraum eines Gebäudes müssen über mindestens eine Treppe zugänglich sein (notwendige Treppe). Statt notwendiger Treppen sind Rampen mit flacher Neigung zulässig. Einschiebbare Treppen und Rolltreppen sind ... unzulässig. Zu einem Dachraum oder Kellerraum ohne Aufenthaltsräume sind einschiebbare Treppen und einschiebbare Leitern zulässig.

Matthias Oeckel, Brandschutz-Prüfingenieur, sagt:

  • Wenn es im Hof des Hauses oder im Haus selbst keinen zweiten Rettungsweg gibt, muss jede zu evakuierende Wohnung mindestens ein Fenster zur Straße haben, durch das eine Rettung möglich ist.
  • Ab sieben Metern über Gehweghöhe reicht die vierteilige Steckleiter der Feuerwehr nicht mehr.
  • Die Drehleiter der Feuerwehr ist in aller Regel nur auf der Straße vor dem Haus aufstellbar.
  • Die Feuerwehr braucht in der Regel eine Straßendurchfahrtbreite von drei Metern.
  • Der Abstand zwischen der Drehleiter-Fahrzeugkante und der Hauswand darf nicht größer als neun Meter sein, damit die Drehleiter ohne Stützung arbeiten kann. Das Ausfahren der „Stempel“ ist keine zwingende Notwendigkeit.
  • Der Hauseigentümer und die Stadt müssen dafür sorgen, dass die Fassade zu Rettungszwecken auch erreichbar ist.
  • Die Feuerwehr kann keine Auflagen für Hauseigentümer erteilen; das kann nur die Stadt.
  • Jede öffentliche Straße ist eine Aufstellfläche für die Feuerwehr und muss den Anforderungen der Rettung genügen. Reicht die Aufstellfläche für die Feuerwehr nicht aus, muss die Stadt das klären, notfalls auf Kosten von Parkplätzen.
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