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Potsdam Brisante Dokumente zur Garnisonkirche
Lokales Potsdam Brisante Dokumente zur Garnisonkirche
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00:28 25.04.2015
Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe
Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe Quelle: Julian Stähle
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Potsdam

Es verspricht eine spannende Diskussion zu werden am Donnerstag in der Fachhochschule am Alten Markt. Ihr Titel: „Die Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche von 1945 bis 1968. Zwischen Mythenbildung und wissenschaftlicher Forschung“. Eine der Fragen, um die es dabei geht: Wie sehr warf sich die evangelische Kirchenleitung in den 1960er Jahren für den Wiederaufbau der Garnisonkirche an der Breiten Straße in die Bresche? Überhaupt nicht, glaubt Matthias Grünzig. Der Architekturjournalist, der Donnerstagabend einen Vortrag hält und anschließend mit dem Zeithistoriker und ZZF-Direktor Martin Sabrow auf dem Podium diskutiert, hat lange in Archiven wie dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv recherchiert und dabei Einsicht in viele Originaldokumente genommen. Unter anderem durchforstete er die Gesprächsprotokolle zwischen der evangelischen Kirchenleitung und dem Rat des Bezirks Potsdam. Thema: Kirchliches Bauen in der Bezirksstadt. Eines der angeschnittenen Themen war natürlich die Garnisonkirche an der Breiten Straße, deren Schiff bei der Bombennacht zerstört worden war. Im stark versehrten Kirchturm hatte die Heiligkreuzgemeinde – Nachfolgerin der Garnisonkirchengemeinde – die Heiligkreuzkapelle eingerichtet.

Grünzig hat bei seinen Recherchen ein Gesprächs-Protokoll vom 18. Juni 1965 entdeckt. Einer der damaligen Protagonisten am Verhandlungstisch: Kirchenmann Manfred Stolpe, der damals im Hauptamt Konsistorialrat war. Außerdem fungierte er von 1963 bis 1966 als Referent des lausitz-neumärkischen General-Superintendenten Günter Jacob. Diesen hatte man im Jahre 1963 zum nebenamtlichen Verwalter des Bischofsamtes der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg berufen, das er bis 1966 innehatte. Stolpe soll laut Grünzig bei diesem Gespräch am 18. Juni 1965 Äußerungen gemacht haben, die rückblickend brisant wirken. Stolpe habe erklärt, dass Bischofsverwalter Jacob und Generalsuperintendent Horst Lahr „kein besonderes Interesse an der Garnisonkirche“ hätten. Und: „Der ehemalige Tag von Potsdam ist auch uns bekannt“, soll Stolpe laut dem Gesprächsprotokoll, das Grünzig im Brandenburgischen Landeshauptarchiv fand, gesagt haben.

Zwischen Mythos und Wissenschaft

Die Veranstaltung „Die Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche von 1945 bis 1968. Zwischen Mythenbildung und wissenschaftlicher Forschung“, die von der BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“ organisiert wird, findet heute um 18 Uhr im Hörsaal 1 der Fachhochschule in der Friedrich-Ebert-Straße 4 statt.

Matthias Grünzig, Jahrgang 1969, ist Architekturjournalist und lebt in Berlin. Er veröffentlicht u. a. in der FAZ, der Neuen Zürcher Zeitung und der Süddeutschen Zeitung sowie in Fachzeitschriften wie „Bauwelt“ und „Baumeister“.

War der heutige Alt-Ministerpräsident und engagierte Verfechter des Wiederaufbaus also dazumal das genaue Gegenteil? Jemand, der leichtherzig Abschied von der teuren Sanierung der Garnisonkirche nahm, um stattdessen moderne Gemeindezentren neu bauen zu können? Dies ist nämlich Grünzigs These: Ab Anfang der 1960er Jahre vollzog die Kirche eine Wende in ihrer Baupolitik. Nun stand der Neubau von Gemeindezentren im Vordergrund, gleichzeitig erfolgte aus Kostengründen eine Abkehr vom Aufbau zerstörter Kirchen. Gemeindezentren hätten zudem voll im „Trend“ gelegen, weil die Pfarrer hier – im Geist der kirchlichen Demokratisierung – nicht mehr „von oben herab“ auf die Gemeinde hinunter predigten, erläutert Grünzig. „Das war der damalige Zeitgeist und vor diesem Hintergrund wäre das Verhalten der Kirche nachvollziehbar gewesen.“

Zu den damaligen Vorgängen befragt, bestätigt Stolpe zwar die von Grünzig zitierten Gespräche zur Garnisonkirche. Allerdings will er die Äußerungen differenziert betrachtet wissen. Tatsächlich habe die Kirchenleitung angesichts leerer Kassen kein Interesse am Wiederaufbau der Garnisonkirche gehabt – in ihrer Gesamtheit, wohlgemerkt. „Uns ging es damals um die Stabilisierung des Turmrumpfes“, präzisiert der frühere Kirchenjurist. „Das Kirchenschiff war total Ruine.“ Wegen der Finanzlage habe wenig Hoffnung bestanden, dass man das Schiff aus eigenen Kräften wiederaufbauen könnte. In keiner Weise sei es damals aber um einen möglichen Abriss des Turms gegangen. Ein solcher Eingriff sei im Jahre 1965 ohnehin nicht in Sicht gewesen: „Das stand zu diesem Zeitpunkt gar nicht zur Debatte.“

Grünzigs These, dass sich die evangelische Kirche in den 1960er Jahren generell vom Wiederaufbau zerstörter Gotteshäuser verabschiedete, weist Stolpe von sich: „Es ist nicht so, dass Kirchen aufgegeben werden sollten zugunsten von Gemeindezentren.“

Bei der heutigen Veranstaltung in der Fachhochschule will Grünzig ein Originaldokument mitbringen: Dieses Dokument belege, dass die Kirchenleitung in Berlin im Sommer 1963 einen Wiederaufbau-Stopp für die Potsdamer Nikolaikirche plante.

Von Ildiko Röd

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