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Potsdam Mit dem großen Besteck: Wie ein 29-jähriger Bauleiter die Nuthebrücke zerlegt
Lokales Potsdam Mit dem großen Besteck: Wie ein 29-jähriger Bauleiter die Nuthebrücke zerlegt
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17:02 16.02.2020
Mit einer Schere frisst sich ein 70 Tonnen schwerer Bagger durch die Nuthebrücke in Potsdam. Quelle: Jan Russezki
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Potsdam

Die aufwendigste Baustelle Potsdams geht in die heiße Phase: Der erste Brückenteil der Nuthestraße wird abgerissen. Riesige Bagger verbeißen sich mit Stahlzähnen in den Seiten der Betonbrücke. Während die kleineren Maschinen die herumliegenden Trümmer aufsammeln, düsen Potsdamer über die angrenzende Brücke in ihren Autos über die Baustelle.

Für den 29-jährigen Sascha Hintze ist die beengte Situation eine Herausforderung. Er leitet zum ersten Mal eine Baustelle mitten in der Stadt. Für gewöhnlich baut der Dresdner Autobahnbrücken bei Würzburg, Nürnberg oder irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. In Potsdam muss er auf Züge, Autos und neugierige Anwohner aufpassen. Die gesamte Umgebung der Baustelle ist ständig in Bewegung. Bis auf kurze Sperrungen wird sich das bis zur fertigen Brücke nicht ändern.

Baggern auf engstem Raum

„Die Bagger können nur so groß sein, wie die Brücke selbst. Ich habe auch kaum Zwischenlagerflächen. Deswegen kann ich Material und Gerät erst dann bekommen, wenn ich sie benötige“, erklärt Hintze die Situation in seinem Baubüro neben der Baustelle. Fünf Abrissbagger, zwei Trümmersammler und drei Radlader arbeiten gedrängt auf etwas mehr als 15 Meter Breite. Vieles passiert gleichzeitig. Hintzes Job: „Alles muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“, sagt er.

Sascha Hintze, 29, Bauleiter der Baufirma Züblin. Quelle: Jan Russezki

Das Problem: Im Büro der Baustelle hängt ein Zeitplan. Und der ist eng getaktet, damit Potsdam nicht im Verkehrschaos versinkt. Der Abriss über der Friedrich-List-Straße darf nur ein Wochenende dauern, weil die Straße dafür gesperrt wird. Das Gleiche gilt in einer späteren Phase für den Zugverkehr, der auf den Schienen unter der Brücke hindurchrollt.

Sperrungen im Auto- und Zugverkehr

Vom 14. bis 17. Februar wird die Friedrich-List-Straße in der Nähe der Brücke voll gesperrt sein. Die stadtauswärtige Abfahrt zum Zentrum Ost – Lotte-Pulewka-Straße und Friedrich-List-Straße – ist dann nicht befahrbar.

Vom 17. bis 21. Februar wird die Brücke um zwei Meter angehoben. Dabei kommt es zu kurzzeitigen Sperrungen in den Nächten. Weiträumige Umfahrungen werden ausgewiesen. Fußgänger und Radfahrer können die Lotte-Pulewka-Straße/Edisonallee nutzen. Auch der S-Bahnverkehr ist in dieser Zeit bis 20. Februar unterbrochen.

Kaum Zeitpuffer

Kommt der Beton zu spät oder geht ein Hydraulikschlauch eines Baggers kaputt, muss er schnell Ersatz finden. Dafür hat Hintze ein Reparaturteam in Bereitschaft. Passiert das mehrfach, muss er die Schichtpläne der Bautrupps verändern. „Wir kompensieren das dann, in dem wir die Arbeiten überlagern“, erklärt er. Das Gewusel auf der Baustelle würde dann allerdings noch enger werden.

Vor seinem Büro hämmert der Arm eines 50 Tonnen schweren Baggers in die Abrisskante der Brücke. Jeder Schlag lässt den Boden unter den Füßen der Bauarbeiter beben. Als die Brücke vor 46 Jahren gebaut wurde, sollte sie hundert Jahre halten. Nun beißen die Stahlzähne der Baggerscheren alle fünf Stunden zehn Meter aus der Brücke. Schuld an den verfrühten Trümmerhaufen ist der viele Lkw-Verkehr – und Marcel-Paul Kühnert.

Das große Besteck

Der Leipziger wurde gerufen, um der Nuthebrücke den Garaus auszumachen. Dabei wurde er ursprünglich zum Koch ausgebildet. Weil aber die Baufirma eines Nachbarn händeringend Mitarbeiter suchte, änderte sich vor 15 Jahren die Größe seines Bestecks. Als Baggerfahrer wählte er zwischen Greifer, Hammer oder Schere, um den Beton vor ihm zu zerlegen. Heute ist er Polier und treibt die Baggerfahrer zur Arbeit an, koordiniert und hilft bei Notfällen aus – und bekocht die Kollegen an den Abenden leidenschaftlich gern.

Marcel Kühnert, 38, Polier der Baufirma Züblin. Quelle: Jan Russezki

Probleme gab es auf der Potsdamer Baustelle noch nicht. Der Bagger frisst sich sicher durch den Beton. Es herrscht auch keine Unordnung. Nichts auf der engen Baustelle ist unnütz. Die Baggerfahrer legen sich mit einer Schaufel aus herabgefallenen Trümmern kleine Straßen zur Abrisskante. Damit die Friedrich-List-Straße nichts abbekommt, wurde dort vorsorglich schon ein mehr als ein Meter hohes Sandbett auf der Straße verteilt.

Hat sich der 50-Tonner vorgearbeitet, nimmt sich ein kleiner Bagger der Schuttstraße hinter ihm an. Mit einem Magneten trennt er Metall von Beton und türmt sie zum Recyceln auf. Aus dem Stahl aus der Nuthebrücke wird nach dem Einschmelzen vielleicht ein Heizkörper, ein Träger oder auch wieder Teil einer neuen Brücke.

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Von Jan Russezki

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