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Potsdam Verlierer, Profiteure und ein Rekord: Die Lehren aus der Bundestagswahl in Potsdam
Lokales Potsdam

Bundestagswahl in Potsdam: Gewinner, Verlierer und ein Rekord – die Lehren des Wahlabends

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09:46 28.09.2021
Olaf Scholz ließ alle hinter sich und holte das Direktmandat. Annalena Baerbock unterlag deutlich.
Olaf Scholz ließ alle hinter sich und holte das Direktmandat. Annalena Baerbock unterlag deutlich. Quelle: dpa (Collage)
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Potsdam

Die Landeshauptstadt hat zur Bundestagswahl einen Rekord aufgestellt: 81,2 Prozent Wahlbeteiligung – das „höchste Ergebnis seit 1990“, sagte Dieter Jetschmanegg, zuständiger Dezernent für die Zentrale Verwaltung in Potsdam. Der bisherige Rekord waren 80,4 Prozent im Jahr 1998. Mehr als die Hälfte der Wähler nutzten die Briefwahl, 42,5 Prozent der Wahlberechtigten.

Der Grund, schätzt Jetschmanegg: Die beiden Kanzlerkandidaten im Wahlkreis 61 haben die Wähler besonders mobilisiert. Olaf Scholz (SPD) siegte auf ganzer Linie und holte das Direktmandat. Auch seine Partei errang die Mehrheit in den meisten Wahllokalen. Annalena Baerbock fuhr das beste Ergebnis für die Grünen in Potsdam ein, auch wenn sie am Ende keine Chance auf das Direktmandat hatte und hinter den eigenen Erwartungen zurückblieb.

81,2 Prozent gingen zur Wahl – so viele wie noch nie seit 1990

Die wirklich großen Verlierer dieser Wahl sind aber die CDU und die Linken mit ihren Direktkandidaten Saskia Ludwig und Norbert Müller, die dem Bundestag nun nicht mehr angehören werden. Die Christdemokraten rutschen im Zweitstimmergebnis von 24,8 auf nur noch 13,9 Prozent ab. Direktkandidatin Saskia Ludwig, die sich 2017 noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Manja Schüle (SPD) geliefert hatte und damals 24,9 Prozent der Wähler überzeugte, bekam nur noch 13,8 Prozent der Stimmen. Die Wählerschaft der CDU ist am Sonntag dezimiert worden. Von 48 .000 Stimmen im gesamten Wahlkreis bei der letzten Bundestagswahl sind nur etwa 26 .000 verblieben.

Ludwig konnte nur einen Wahlbezirk für sich entscheiden – und zwar in der Berliner Vorstadt. Sie kritisierte am Wahlabend, dass es in der Öffentlichkeit vor allem um das Kanzlerduell zwischen Scholz und Baerbock gegangen sei, „aber darum ging es hier nie“. Auf der Wahlparty der CDU im Kutschstall am Neuen Markt sagte sie auch: „Wir werden auch darüber reden müssen, was wir tun müssen, um an Ergebnisse anzuknüpfen, die wir einmal hatten.“ Ludwig ist weiterhin Landtagsabgeordnete.

CDU und Linke sind die klaren Wahlverlierer

Gar ein historisch schlechtes Ergebnis muss man der Linken attestieren. Im gesamten Wahlkreis von Ludwigsfelde bis Potsdam bekamen die Sozialisten nur 10,1 Prozent der Zweitstimmen (2017: 18,1 Prozent). Sie rutschten damit auf den fünften Platz und liegen nur knapp vor der AfD (9,9 Prozent). Von einst 35 .000 Wählern blieben nur 19 .000 treu. Viele Hochburgen etwa im Osten der Stadt hat sie verloren.

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Er und seine Partei haben nicht deutlich machen können, sagte Müller am Wahlabend, „dass es auch eine starke Stimme aus der Region geben muss für soziale Gerechtigkeit, für einen Mietendeckel, für Mindestlohn. Und dass das mit Scholz eher nicht kommen wird, wenn er mit der FDP regiert“.

Die FDP feiert, die AfD ist ein Nutznießer dieser Bundestagswahl

Die Liberalen jubilieren. Spitzenkandidatin Linda Teuteberg freut sich „über den überdurchschnittlichen Stimmenzuwachs“, sagte sie gestern: „Noch nie zuvor haben so viele Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt die FDP gewählt.“ Teuteberg zieht über die Landesliste in den Bundestag ein.

Kein Sieger, aber ein Nutznießer ist die AfD – ihr kommen die herben Verluste der Linken zupass. Dabei rücken eine Hand voll Stadtteile in den Fokus, die in der Stadtgesellschaft gemeinhin als die Sorgenkinder gelten – weil zum Beispiel nirgendwo sonst der Anteil der Arbeitslosen und der Hartz-IV-Empfänger größer ist und nirgendwo der Ausländeranteil.

Von der Schlappe der Linken profitiert die AfD am stärksten im Süden und Südosten der Landeshauptstadt. Die Rechtspopulisten liegen in sämtlichen Stimmbezirken im Wohngebiet Am Schlaatz, in der Waldstadt I und II sowie in den meisten Stimmbezirken Am Stern, in Drewitz und im Kirchsteigfeld auf Platz 2 hinter der SPD. Das betrifft sowohl die Erst- als auch die Zweitstimmen. Und das manifestiert sich auch im deutlichen Abstand zu den danach folgenden Kandidaten und Parteien.

Trotzdem: Auch die AfD verliert

Aber der nähere Blick zeigt: Auch die AfD gibt zumeist Prozentpunkte ab im Vergleich mit der Bundestagswahl 2017. Beispiele: Damals erreichte die AfD im Wohngebiet Am Schlaatz 22,3 Prozent – jetzt sind es noch 19,6. In der Waldstadt I (mit Industriegebiet) entfielen 2017 auf die AfD 18,4 Prozent der dort abgegebenen Stimmen, jetzt sind es 15,3. Am Stern kam die AfD 2017 auf 17,8 Prozent, heute: 15,9 Prozent. Ähnlich im Kirchsteigfeld: damals 17,4 Prozent, heute 15,6. Allein in Drewitz konnte sie zulegen: von 19,4 auf 19,9 Prozent.

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Zudem fallen die südlichen Stadtteile, die es gemeinsam auf mehr als 55 .000 Einwohner bringen, mit einer geringen Wahlbeteiligung auf, die weit unter dem Schnitt der Landeshauptstadt liegt. Für die einzelnen Stimmbezirke liegen bislang nur die Werte für die Urnenwahl, ohne Briefwähler vor: Der Süden bringt es dabei auf 46,1 Prozent – stadtweit sind es 46,7. Das Kirchsteigfeld liegt mit 52,5 Prozent Wahlbeteiligung klar über dem Stadtmittel. Es folgen die Waldstadt I (mit Industriegebiet) mit 46,7 Prozent Wahlbeteiligung, das Wohngebiet Am Stern (45,7), die Waldstadt II (45,3) und Drewitz (44,1). Schlusslicht ist im Süden der Schlaatz mit 42 Prozent. Die AfD, die im Vorfeld der Bundestagswahl Misstrauen gegenüber der Briefwahl zu säen versuchte und dazu aufrief, im Wahllokal abzustimmen, wurde in Potsdam am seltensten per Brief gewählt.

Von Volker Oelschläger, Peter Degener und Nadine Fabian

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