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Potsdam Choreografin probt den "großen Wurf"
Lokales Potsdam Choreografin probt den "großen Wurf"
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14:05 22.09.2014
Paula E. Paul und Sirko Knüpfer sind das "Kombinat".
Paula E. Paul und Sirko Knüpfer sind das "Kombinat". Quelle: Christel Köster
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Potsdam

Um den Menschen in der Schwebe geht es Ende August in einer großen Performance zum Finale der Sommersaison in der Schiffbauergasse. Der Titel "Grand jeté" (Großes Werfen) zitiert jene Ballettfigur, bei der die Tänzer in einem weiten Sprung mit fast waagerecht erhobenen Beinen für einen kurzen Moment in der Luft zu stehen scheinen. Fünf ausgewiesene Fachleute für Absprünge und Landungen haben die Choreografin Paula E. Paul und der Medienkünstler Sirko Knüpfer für eine Auskunft über diese Augenblicke in der Luft vor die Kamera gebeten.

Allesamt sind Ballettänzer, die heute in ihrem zweiten Berufsleben als Managerin, Kulturwissenschaftlerin, Ärztin, Bademeister oder auch immer noch als Tänzer tätig sind. Sie sprechen über das Schweben, das Springen und das Geworfenwerden auf der Bühne und im Leben außerhalb des Scheinwerferlichts. Unter den Filmaufnahmen, die hoch oben am Turmaufbau der Freilichtbühne auf mehreren Leinwänden zu sehen sind, turnen Akrobaten auf einem Trampolin in den Spätsommerabend hinein.

"Grand jeté" ist das jüngste Projekt von Paula E. Paul, die in dieser Stadt seit vielen Jahren einen Ruf als zuverlässige Lieferantin großer künstlerischer Überraschungen genießt. Schon ihr erster namhafter Beitrag in Potsdam war ein Bruch mit allem Erwartbaren: Die 1987 im damaligen Jugendklubhaus Lindenpark neu aufgelegte Veranstaltungsreihe "Off Ground" stand mit experimenteller Kunst und ihrem Mut zur Provokation für Außergewöhnliches. Doch am 31. März 1989 toste der jubelnde Applaus des Publikums nach einer Vorstellung, die überhaupt nicht in diese Schiene zu passen schien. Unter dem Titel "Aficionado" bot eine dreißigköpfige Company mit der legendären Flamencolehrerin Almut Dorowa (1916-2002) in der Mitte ein Tanzspektakel, von dem noch heute gesprochen wird.

"Traum und Wirklichkeit" war der Untertitel der Aufführung, die allerdings nichts weniger im Sinn hatte, als spanische Folklore zu imitieren: Almut Dorowa war die einzige, die den Flamenco aus ihrer Heimat kannte, sagt Paula E. Paul, die das Spektakel zusammen mit der Lehrerin, dem Gitarristen Ralf Krause und vielen Helfern auf die Bühne brachte. "Wir haben unseren eigenen Flamenco kreiert." Ralf Krause sagt: "Ich wollte die Leute aufrütteln, sich diesem System nicht anzupassen. Für mich war das eine nonverbale Form des Widerstandes, den man auch schwer ideologisch vereinnahmen konnte." 80 Beteiligte waren es auf und hinter der Bühne insgesamt, die Hälfte der Tänzer waren Eleven der Ballettschule von Almut Dorowa, die andere Hälfte Laien, die ein bis zwei Mal in der Woche bei Paula E. Paul im Sophienclub in Ost-Berlin trainierten. Eine freie Tanzszene gab es nicht in der DDR. Dieses Studio war einer der Vorläufer.

"Aficionado" begann als Erfolgsgeschichte. Es lief im Berliner Kino "Babylon", es lief auf einer der vielen Bühnen im Palast der Republik, dann liefen die vielen Beteiligten in dem plötzlich von unglaublichen Möglichkeiten erfüllten Land auseinander.

Das jüngste Projekt von Paula E. Paul nennt sich "Kombinat". Seit 2009 arbeitet sie unter diesem Namen gemeinsam mit Sirko Knüpfer als Künstlerkollektiv, das mit Tanz und Film ungewöhnliche Begegnungen und Perspektiven zuwege bringt. Einer der ersten Kurzfilme zeigte unter dem Titel "Es hört nie auf" in einer mehrminütigen Nahaufnahme den Tanz von sechs Händen auf einem Kaffeetisch im Potsdamer Bürgerstift. Das Spiel der drei greisen Darsteller wurde begleitet von einem 15-jährigen Schlagzeuger.

"Agenten der Liebe" versammelte zum 20. Jahrestag des Mauerfalls für Minuten in einem Flashmob mehr als 100 freiwillige Agenten auf der Glienicker Brücke und wurde dann in der Tanzfabrik zeitgleich als Film und als Theaterstück aufgeführt. "Choreografische Bilder im Feld" brachten in märkischer Landschaft Leute zusammen, die im wirklichen Leben kaum miteinander zu tun bekämen: Motorradrocker des "Preussen Chapter Potsdam Germany" mit den Sängern des gemischten Freizeitchors "Ketziner Havelklänge" an einer Bushaltestelle, kostümierte Rokokotänzer des Paretzer Liebhabertheaters mit Aktiven des Tauchsportclubs Filmstadt Babelsberg mitten auf der Havel.

Mitten in die Arbeit an dem neuen Projekt "Grand jeté" fällt eine Hommage für das "Aficionado"-Spektakel. Entstanden ist die Idee einer Vorführung des Mitschnitts vom März 1989 bei einem Filmabend in kleiner Runde. Doch rasch wuchs das Projekt. Eine Liveperformance soll es zur Filmaufführung 25 Jahre danach am 28. März im Lindenpark nicht geben. Doch nach dem Film wird Ralf Krause mit der Gitarre eine Bühne eröffnen, die jedem offen steht, der improvisieren möchte. Eine große Idee verbindet die Uraufführung und die Jubiläumsfeier nach Ansicht von Paula E. Paul, die lacht, als sie es sagt: "Wir haben damals nicht in das Profil des Lindenparks gepasst, und es passt auch heute eigentlich nicht dahin. Insofern ist das eine runde Sachen."

Düstere Gegenwartsgefühle und Chaos

Der Potsdamer Lindenpark legte 1987 unter seiner Chefin Monika Keilholz und dem Programmverantwortlichen Andreas Klisch eine für die DDR sehr ungewöhnliche Veranstaltungsreihe auf: „Off Ground“ stand für Performance, bissige Offenheit und „Unvorhersehbares“, etwas, das es in der durchgeplanten sozialistischen Gesellschaft gar nicht geben sollte.

Zu den Höhepunkten zählten Projekte wie „Ornament & Crime“ mit Jazz, Rock und experimenteller Musik, „New Affaire“, das Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ mit dem Bauhaus zusammenbrachte, oder die „Hammerrevue“ von Wenzel und Mensching, deren zweiter Teil „Sicheloperette“ 1988 nicht verboten, sondern von der Staatssicherheit zur geschlossenen Veranstaltung erklärt und mit eigenem Publikum besetzt wurde.

Zum Finale der „Off Ground“- Reihe wurde im September 1989 das achttägige Alternativkunstfestival „Art betweens“, das ein staatlicher Beobachter in seinem Bericht erbost mit der Feststellung verriss: „Das breite Spektrum beschränkte sich im Wesentlichen auf die Erzeugung von düsteren Gegenwartsgefühlen und Chaos.“

Kurz darauf war es mit der DDR vorbei. Der Lindenpark schied schließlich 1990 als erste Einrichtung in Potsdam aus dem Verband der staatlichen Kulturhäuser aus und ging als Verein in die Selbstständigkeit. vo

Infos: Mehr zum Künstlerkollektiv "Kombinat" auf www.kombinat.co, mehr zum Programm auf www.lindenpark.de.

Von Volker Oelschläger

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