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Potsdam Creative Village: „Ich kenne kein weiteres Projekt dieser Größe“
Lokales Potsdam Creative Village: „Ich kenne kein weiteres Projekt dieser Größe“
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01:16 03.06.2019
Hans-Hermann Albers ist Architekt und Stadtforscher. Er lehrt Stadt- und Regionalökonomie an der TU Berlin und hat sich mit den Plänen des Potsdamer „Creative Village“ auseinandergesetzt. Quelle: privat
Potsdam

Hans-Hermann Albers, 42, ist Architekt und Stadtforscher und lehrt Stadt- und Regionalökonomie an der TU Berlin. Sein Schwerpunkt sind Unternehmensverantwortung und nachhaltige Stadtentwicklung, sowie Digitalwirtschaft und die Frage, wie Unternehmen durch ihre Geschäftsmodelle und an ihren Standorten die Stadt verändern. 2018 war er Mitgründer des Instituts für Wirtschaft und Stadt „Inwista“ in Berlin, das Unternehmen und Kommunen gleichermaßen darin berät, wie die Bewohner von Quartieren bei großen Gewerbeansiedlungen berücksichtigt und eingebunden werden können.


Im Umfeld des RAW-Projekts gibt es große Sorge
vor Verdrängung und Mietsteigerungen. Können Sie das nachvollziehen?

Hans-Hermann Albers: Ich glaube, das Projekt trifft auf große Sensibilität. Vieles, was in Berlin-Kreuzberg wegen der möglichen Ansiedlung des Google Campus befürchtet worden ist, wird nun auf Potsdam projiziert. Da ging es zwar nur um wenige Mitarbeiter, aber man sorgte sich trotzdem um Mietsteigerungen bei Wohnungen und insbesondere auch beim bestehenden Gewerbe. Neben Einwohnern kann „Nachbarschaftsgewerbe“ für den täglichen Bedarf verdrängt werden. Da wurde in Immobilienanzeigen schon mit der Nähe zum Google-Campus geworben. Solche Effekte sind auch durchaus realistisch für Potsdam.

Gibt es in Deutschland vergleichbare Projekte wie das „Creative Village“ am RAW?

Nein, ich kenne kein weiteres Projekt in der Größe des „Creative Village“. In vielen deutschen Städten gibt es Startup-Campi, die sind aber deutlich kleiner. Aber im finnischen Helsinki gibt es einen Campus, der mit Potsdam vergleichbar ist. Das heißt „Maria 01“ und wächst gerade von 12.000 auf über 70.000 Quadratmeter Gewerbefläche. Da wird ein altes Krankenhauses um Neubauten erweitert. Das Projekt wird von der Stadt umgesetzt, aber auch dort steigen die Immobilienpreise im Umfeld, obwohl es erst vor zwei Jahren losging.

Welche Folgen erwarten Sie?

Das ist schwer abzuschätzen, aber ich schildere Ihnen ein Extrembeispiel. Denken Sie an San Francisco. Da haben Technologie-Firmen wie Twitter oder Airbnb ihre Zentralen im Stadtzentrum. Die Preise sind derart nach oben gegangen, dass die jungen gut bezahlten Mitarbeiter der Tech-Firmen in teuren Wohnungen leben können. Familien werden an den Stadtrand gedrängt. Es gibt im Zentrum von San Francisco deshalb nahezu keine Jugendlichen oder Kinder mehr. das hat natürlich Auswirkungen auf die öffentliche Infrastruktur, etwa Schulen.

Wie könnte die Stadt Potsdam die Verdrängung abmildern?

Es gibt die sogenannten Milieuschutzgebiete. Damit kann verhindert werden, dass Mietwohnungen in Eigentumswohnungen oder Ferienwohnungen umgewandelt werden. Luxussanierungen werden damit ebenfalls verhindert. Oft wird dabei aber die gewerbliche Entwicklung außen vorgelassen. Nachbarschaftlich orientiertes Gewerbe darf aber kein Problem bekommen und verdrängt werden und da kann man als Stadt gegenlenken und Flächen sicherstellen oder neue schaffen – das gilt natürlich auch für bestehende Freizeiteinrichtungen.

Was empfehlen Sie für die weitere Planung am RAW?

Ein offener Austausch mit den Projektentwicklern und den neuen Unternehmen, aber auch der Einwohnerschaft ist wichtig. Frühzeitige Information sorgt für größere Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis – also Betroffene zu Beteiligten machen. Die neuen Firmen müssen als Teil der Nachbarschaft gesehen werden. Das fängt bei der Gestaltung der Erdgeschosszone an: Ein schlechtes Beispiel ist da die neue Zalando-Zentrale in Berlin. Da ist die Erdgeschosszone völlig abgeschottet. Wenn in dem Quartier keiner arbeitet ist es eine tote Gegend. Das Gebiet am RAW könnte dagegen auch öffentliche Funktionen und einen Mehrwert für den Stadtteil bieten. Das kann im Planungsprozess von der Stadt eingebracht werden.

Welche soziale Verantwortung hat so ein Investor?

Ein Unternehmen profitiert von der Stadt, der urbanen Dichte und Lebensqualität. Es stellt sich daher die Frage, wie es der Stadt auch etwas zurückgeben kann. Wer sich als „Creative Village“ verkauft, will seine Mitarbeitern mit Lebensqualität locken. Dann liegt es auch in der Verantwortung des Unternehmens weiche Standortfaktoren, die Potsdam so attraktiv machen, zu sichern. Anderswo bauen große Firmen Kitas, Sporthallen oder Werkswohnungen und unterstützen Stadtteile mit Patenschaften.

Gibt es gute Beispiele, wie Investoren mitgewirkt haben?

Beim Projekt „Urbane Mitte“ am Gleisdreieck in Berlin gab es eine Zukunftswerkstatt mit den Anwohnern. Die hat für größere Akzeptanz gesorgt, allein weil frühzeitig informiert wurde. Es kamen aber auch Zugeständnisse für die Anwohner heraus. In Potsdam ist nun schon einiges an Gerüchten in der Welt, die es auch schwieriger machen, die Unternehmen von ihrer Verantwortung für den Stadtraum zu überzeugen.

Welche positiven Effekte erwarten Sie von dem Projekt für Potsdam?

Positiv zu nennen ist, dass die Stadt hier ein neues Image als Technologiestandort aufbauen kann. Auch die Verbindung zur Universität kann erwünschte Effekte haben. Dazu kommen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.

Von Peter Degener

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