Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Das Potsdamer Oberlinhaus versucht die Rückkehr in den Alltag
Lokales Potsdam

Das Potsdamer Oberlinhaus versucht die Rückkehr in den Alltag

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:47 23.10.2021
Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer vom 28. April vor der Behinderteneinrichtung Oberlinhaus in Potsdam. (Foto vom 28.04.2021)
Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer vom 28. April vor der Behinderteneinrichtung Oberlinhaus in Potsdam. (Foto vom 28.04.2021) Quelle: Rolf Zoellner
Anzeige
Potsdam

Blumen und Kerzen sind weggeräumt, alles sieht wieder nach Alltag aus: Sechs Monate nach dem Gewaltverbrechen mit vier Toten in einer Einrichtung für Schwerstbehinderte bemühen sich Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitende im Potsdamer Oberlinhaus, wieder in einer Art von Normalität zu leben. Trauer und Ratlosigkeit über die Gewalttat, die für alle aus dem Nichts kam, bleiben. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen die tatverdächtige Mitarbeiterin.

Dass irgendetwas nicht stimmte in der Nacht vom 28. zum 29. April, sei schnell klar gewesen, sagt Diana Krause. Die 40-Jährige mit flotter Kurzhaarfrisur ist seit der Geburt auf Assistenz angewiesen, sitzt im Rollstuhl und lebt seit sechs Jahren im Oberlinhaus. Polizei war im Haus, erzählt sie. Pflegekräfte waren in Straßenkleidung unterwegs. Für den Vormittag wurde eine Versammlung angekündigt. Und dann haben es alle erfahren.

„Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie das passiert sein kann.“

Die langjährige Mitarbeiterin des evangelischen Sozialunternehmens, die noch in der Tatnacht als Verdächtige festgenommen und am Tag darauf in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, muss sich nun vor dem Landgericht Potsdam wegen Mordes und weiterer Straftaten verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus. Ein fünftes Opfer überlebte schwer verletzt und konnte durch eine schnelle ärztliche Intensivbehandlung gerettet werden.

Diana Krause hat selbst einmal in der Etage gewohnt, in der die Gewalttaten verübt wurden. Sie kenne die Opfer und die nun angeklagte Frau „sehr, sehr gut“, erzählt sie: „Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie das passiert sein kann. Sie war immer ein sehr mütterlicher und sehr lieber Mensch.“

Newsletter MAZ kompakt

Die wichtigsten Nachrichten und Top-Meldungen des Tages aus Brandenburg – täglich gegen 6 Uhr in Ihrem Postfach.

Abonnieren
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Genauso geht es Mandy Blaßert. Auch sie ist seit der Geburt auf Unterstützung angewiesen, sitzt im Rollstuhl, kennt die Angeklagte. „Sie war eine ganz normale, liebe, zuvorkommende Mitarbeiterin“, erzählt die 45-Jährige, die seit 23 Jahren im Oberlinhaus lebt: „Ich habe sie nie böse erlebt.“

Möglichen Stress bei der Arbeit lassen Diana Krause, Mandy Blaßert und die Leiterin des Wohnbereichs der Oberlin-Lebenswelten, Tina Mäueler, nicht als plausible Erklärung gelten. „Im Pflegebereich gibt es in ganz Deutschland Probleme“, sagt Tina Mäueler: „Wenn das nun eine Begründung dafür sein soll, eine solche Tat zu begehen, dann wird mir angst und bange.“ Im Fall von Überlastung gebe es Hilfe, sagt Mandy Blaßert.

Lesen Sie auch:

Vier Tote im Oberlinhaus: Tatverdächtige bricht ihr Schweigen

Nach der Bluttat im Oberlinhaus: Bewohner reden über ihre Ängste

Tote im Oberlinhaus: Potsdamer Staatsanwalt kennt keinen ähnlichen Fall in den vergangenen Jahrzehnten

Oberlin-Vorstand Fichtmüller: „Wir haben nicht einmal Zeit zu trauern“

Die Gewalttaten machen ihnen weiter zu schaffen, aber auch der Umgang damit. Sie würden beim Einkaufen komisch angeguckt, erzählen die beiden energischen und selbstbewussten Frauen im Rollstuhl, die beide einige Stunden am Tag arbeiten gehen. Es werde getuschelt, ob sie aus dem Haus kämen, in dem es passiert ist. Und sie machen sich Sorgen um ihren Lebensmittelpunkt, das Oberlinhaus, und dessen Ruf.

„Manchmal fragen Leute, wohnen Sie da?“, erzählt Mandy Blaßert: „Ich sage dann, ja, und es geht mir gut da! Ich kann hier tun und lassen, was ich möchte. Ich lebe hier mein eigenes Leben, wenn ich Bock habe auf meine Eltern, rufe ich an, wenn nicht, dann nicht. Ich entscheide, wann stehe ich auf, wann gehe ich ins Bett, wann gehe ich Party machen.“

Trotz schrecklichem Verbrechen: Das Leben geht weiter

Selbstständigkeit werde ermöglicht und durch Therapien unterstützt, erzählt Diana Krause. Seit ihrer Geburt brauche sie Physiotherapie, sonst hätte sie nicht einmal im Rollstuhl sitzen können, sagt die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation. Alleine wohnen, das könne sie nicht. Nicht alle, die im Oberlinhaus leben, seien auch darauf angewiesen, sagt Tina Mäueler: „Manche könnten auch in einer eigenen Wohnung leben, wollen das aber nicht. Die mögen ihren geschützten Raum hier und die Serviceleistungen.“

„Wir leben ein normales Leben, nur dass wir auf Hilfe angewiesen sind“, sagt Mandy Blaßert: „Das ist mein Zuhause, ich habe hier viele Freunde gefunden. Wir leben hier gut, es geht uns gut. Man fühlt sich hier nicht alleine, man weint zusammen, man lacht zusammen.“

Der Arbeitsalltag der Beschäftigten werde auch weiterhin von den Bewohnerinnen und Bewohnern bestimmt, sagt Tina Mäueler: „Ich möchte aufstehen, ich möchte Therapie, ich möchte einkaufen gehen.“ Davon werde das Oberlinhaus auch nicht abweichen. „Ich geh jetzt erst noch eine rauchen“, sagt Mandy Blaßert und setzt ihren Rollstuhl in Bewegung: „Und dann geh ich zur Arbeit.“

Von RND/epd