Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam „So ein Gewitter kommt nur einmal in 100 Jahren vor“
Lokales Potsdam „So ein Gewitter kommt nur einmal in 100 Jahren vor“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 12.06.2019
Blitze zucken am Himmel über Michendorf. Quelle: Julian Stähle/dpa-Zentralbild/d
Potsdam

In der Nacht zu Mittwoch ist ein Gewitter mit Starkregen über Brandenburg gezogen: Allein in Potsdam hatte die Feuerwehr fast 200 Einsätze. Und es drohen weitere. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) rechnet auch am Mittwochabend im Nordosten mit starken Niederschlägen, größeren Hagelkörnern und orkanartigen Böen. In der Nacht klingen dann die Gewitter größtenteils ab oder ziehen Richtung Polen. Müssen wir uns jetzt an solche Extreme gewöhnen? Darüber haben wir mit Angelika Sowart gesprochen. Die Meteorologie-Ingenieurin ist Sachgebietsleiterin bei der Abteilung Klima- und Umweltberatung (KU1) im Regionalen Klimabüro des DWD in Potsdam.

Frau Sowart, wir hatten von Dienstag auf Mittwoch ziemlich heftige Gewitter. Wie heftig fielen sie denn aus, wenn man sich einzelne Stationen etwas genauer anschaut?

Angelika Sowart: Wir hatten an der Station in Potsdam eine Tagessumme von 79,7 Millimeter. Das entspricht 79,7 Litern auf den Quadratmeter. In Langerwisch hatten wir sogar 91,3 Millimeter. In Berlin ging es etwas humaner zu. Tempelhof maß 34 Millimeter, Berlin-Buch 55 Millimeter.

Sind das denn hohe Werte?

An der Station in Potsdam ist so eine Tagessumme in den letzten 120 Jahren gestern eingeschlossen nur viermal erreicht oder überschritten worden. Wenn man dann noch bedenkt, dass das Gewitter höchstens sechs bis acht Stunden andauerte und sich in unserem Kostra-Atlas solche Starkniederschlagsereignisse anschaut, dann kann man von einem Niederschlagsereignis sprechen, das statistisch gesehen nur einmal in hundert Jahren vorkommt.

Natürlich liegt da die Frage nahe: Ist der Klimawandel schuld?

Zunächst: Gewitter im Juni sind wirklich nicht ungewöhnlich. In Potsdam kommen seit 1893 im Monat Juni zwischen 1 und 15 Tage mit Gewittern vor. Im Juni 1910 gab es in Potsdam zum Beispiel 15 Tage mit Gewittern. Die hohe Gewitterneigung zieht sich so durch die Jahrzehnte. Im Juli und im August erhöht sich diese Zahl sogar noch.

Aber warum fiel es diesmal so heftig aus?

Weil sich mehrere Gewittercluster zu einer Linie formiert haben. Es waren praktisch mehrere Gewitter, die von Süden nach Norden zogen. Deswegen dauerte das alles auch so lange. Es liegt daran, dass wir eine Grenzlage hatten zwischen heißer subtropischer Luft über dem östlichen Mitteleuropa und kühler Atlantikluft über Westeuropa.

Im Westen waren die Höchsttemperaturen zum Teil 15 Grad niedriger als hier in Brandenburg. An der Grenze von so heißer und so kalter Luft bilden sich dann Gewitter. Manche Gewitter sind auch vor Ort entstanden und haben sich verstärkt, während von Süden neuer Nachschub kam. Ob diese ganze Situation dem Klimawandel geschuldet ist, kann ich aber nicht einschätzen.

In der Nacht zu Mittwoch krachte es über Potsdam. Eine Gewitterfront mit Starkregen zog über die Landeshauptstadt und überflutete Straßen und Keller. Die Folgen sind auch am Morgen noch sichtbar.

Die Klimaforscher sagen, durch die Erderwärmung ist mehr Energie im System. Werden dann nicht solche extremen Phänomene zwangsläufig häufiger?

Es kann passieren - muss aber nicht. Vergangenes Jahr hatten wir jedenfalls in Berlin Ende Juni ein Starkregenereignis mit 197 Millimeter Niederschlag, allerdings mit nur wenig Gewittertätigkeit. Grundsätzlich bleibt die Wassermenge auf der Erde natürlich gleich. Da sich die Meere aber schon erwärmt haben, ist mehr Potenzial für starke Niederschläge da. Es kann bei entsprechender Wetterlage mehr Wasser nach oben gehen und sich sammeln - und irgendwo kommt es dann wieder herunter.

Die Klimaforscher sagen zwar, dass die Anzahl der Starkregenereignisse zunehmen kann. Von der meteorologischen Beobachtung her ist dieser Anstieg anhand von Statistiken bisher verfügbarer Daten noch nicht endgültig nachgewiesen. Das ist bei der Durchschnittstemperatur anders. Hier können wir den Anstieg schon sehen.

Sind wir solchen Ereignissen wehrlos ausgeliefert?

Man kann die Medien verfolgen, denn es werden immer rechtzeitig Warnungen herausgegeben. Das haben wir auch am Dienstag getan. Man kann sich im Internet auch die Radarbilder anschauen und abschätzen, ob man selbst betroffen ist. Wir warnen immer, dass man nicht vor die Tür gehen soll oder dass Hagel möglicherweise Schäden anrichtet.

Und dann reagieren, indem ich zum Beispiel die Rollläden herunter lasse?

Genau, aber wenn so starker Hagel kommt wie an Pfingsten im München, zerschlägt es Ihnen unter Umständen auch die Rollläden. Extreme Wetterphänomene sind Naturgewalten, dagegen kann man manchmal in der konkreten Situation nichts machen.

Lesen Sie dazu auch:

Von Rüdiger Braun

Die Stadtordnung wird überarbeitet – die Verwaltung will Störer bei Bombenentschärfungen schneller ahnden, Alkohol auf Spielplätzen verbieten und eine Zwangspause für Straßenmusiker. Noch bis Sonnabend können Bürger Vorschläge machen.

12.06.2019

Die Ursache ist noch unklar. In der Berliner Straße gab es einen Unfall mit einem Verletzten, und die Straßenbahn fiel zwei Stunden aus.

12.06.2019
Potsdam Schulausfall durch Starkregen - Schulausfall durch Starkregen

An mehreren Potsdamer Schulen kam es durch das Unwetter zu Wassereinbrüchen. Im Bornstedter Feld fiel Unterricht und Hortbetreuung aus, anderswo ging der Schulbetrieb mit Einschränkungen weiter.

15.06.2019