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Potsdam Kabarettistin widerspricht: Christian Näthe „jammert auf hohem Niveau“
Lokales Potsdam Kabarettistin widerspricht: Christian Näthe „jammert auf hohem Niveau“
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07:22 20.12.2019
Barbara Kuster am Eingangstor der Garnisonkirche Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Ach lieber Christian Näthe, ich habe zwar eine andere Meinung als sie, aber so ungleich sind wir eigentlich gar nicht.

Beide sind wir Künstler und beide lieben wir unsere Stadt. Was Sie als Verlust in Ihrem Beitrag fühlen, habe ich auch gefühlt, als die eigentliche Mitte der Stadt Potsdam verschwand und mit belanglosen Bauten überbaut wurde. Ich war damals neun Jahre alt und musste mit ansehen, wie die Abrissbirnen die Ruine des Stadtschlosses zertrümmerten, obwohl es schon Planungen zum Wiederaufbau gab.

Trümmerhaufen neben dem Haus

Später lagen die Trümmerhaufen der Garnisonkirche neben unserem Haus und die eigentliche Höhendominante fehlte schmerzlich im Stadtbild. Meine Straße wurde abgerissen, inclusive mein Elternhaus, Urbanität verschwand! Der Fleischer, der Drogist, der Friseur, Frau Schubert mit ihrem Eisladen und die Gaststätte zum Glockenspiel waren nicht mehr. Statt wunderschöner Häuser nur noch Beton – DDR-Zeit! Autoverkehr beherrschte alles, die einstige Prachtstraße von Potsdam hatte sich aufgelöst.

Die City von Potsdam wurde die Brandenburger Straße. Viele Nachgeborene, wie auch Sie, kennen es nicht anders und empfinden es als Verlust, wenn jetzt DDR-Bauten verschwinden, die Ihre Jugend begleiteten.

Ich kann das alles sehr gut nachempfinden und Ihr Lied hat mich schon gerührt. Eines sollte man aber dabei bedenken: Der Alte Markt und die Garnisonkirche haben eine viel längere Geschichte, als die momentan umkämpften Bauten. Sie waren Wahrzeichen der Stadt und haben sich tief in das gesellschaftliche Gedächtnis gegraben, Initialbauten, Zeichen unserer Stadtgeschichte und darüber hinaus weltweit bekannt. In welchem Geschichtsbuch steht das Rechenzentrum?

Ihre „Trutzburgen“, Fachhochschule und Rechenzentrum, sind nun nicht unbedingt architektonische Glanzleistungen, die es zu bewahren gilt. Dass damit alle DDR-Architektur aus unserer Innenstadt verschwindet, ist nun wirklich übertrieben.

Sehr viel aus der DDR wird bleiben

Ein ganzes Viertel gibt es davon unmittelbar hinter dem Alten Rathaus. Die Bibliothek steht, leider nicht mehr ganz original, am Platz der Einheit. Um den alten Verbinder am Potsdam Museum hat sich Mitteschön bemüht und er ist halbwegs erhalten worden. Hinter dem Stadtschloss ragt das Mercure hoch und dominant in den Himmel, dahinter wird das Minsk wiederbelebt und in Sichtweite sieht man die DDR-Hochhäuser stehen, zu ihren Füßen die Seerose, die das Havelufer säumt. Wenn man das ins Verhältnis setzt, ist sehr viel von diesen wenigen 40 Jahren noch da und wird bleiben.

Aber, wie ich Ihrem Text entnehme, ist es wohl ein Gefühl der Verdrängung, das Sie empfinden. Die Angst vor Vertreibung von selbstverständlich altfrequentierten Räumen. Das empfinde ich als Jammern auf hohem Niveau.

Vertreibung sieht anders aus

Ich bitte Sie, wo „spuckt Sie den der Wandel aus“, wie Sie schreiben? Wird nicht alles getan, dass die Künstler in der Innenstadt bleiben können? Warum freuen Sie sich nicht einfach auf das neue Kreativzentrum an der Plantage? Vertreibung sieht anders aus. Ein ganzer Komplex für Künstler soll da entstehen. Die Ausschreibung der Stadt ist wieder einmal in Ihrem Sinne so gehalten, dass die Mieten moderat bleiben werden und die Bedingungen bei weitem besser sind, als im maroden Rechenzentrum. Würde hier saniert, so wurde erst letztens festgestellt, könnten Sie die Mieten sicherlich nicht mehr bezahlen.

Und bitte, verschließen Sie Ihre Augen nicht davor, dass es viele Bürger gibt, die in der Stadtmitte leben und arbeiten und dabei sehr viel höhere Mieten zahlen müssen. Die Stadt hat erarbeitete Steuergelder dieser Bürger in das Rechenzentrum gesteckt, um den Künstlern die Möglichkeit der Bleibe bis Ende 2023 zu ermöglichen.

Hochkarätige Friedensarbeit

Was die Kirche betrifft: Viele Potsdamer freuen sich darauf und folgen begeistert dem Aufbau, der nicht nur städtische sondern auch nationale Bedeutung besitzt. Die Diskussionen über den Wiederaufbau zeigen doch jetzt schon, wie wichtig dieser Ort ist. Und schon jetzt wird in der Nagelkreuzkapelle hochkarätige internationale Friedensarbeit geleistet!

Lassen Sie sich doch einfach mal auf ein Miteinander ein, wie es schon einige Künstler des Rechenzentrums tun, die in der Kirche im Frühjahr eine Ausstellung gestalten.

Christian Näthe spielt Gitarre in der Potsdamer Band „Hasenscheisse“. Quelle: Friedrich Bungert

 

Das neue Kreativzentrum wird an der Plantage ein Teil der neuen Kulturmeile sein. Vielleicht sogar in Kooperation mit der Garnisonkirche. Ja vielleicht lässt sich der Fries des Rechenzentrums genau da aufstellen, wo er heute steht und umfasst eine Fläche, die man mit Veranstaltungen füllen könnte. Durch die Besucherströme wird auch den Künstlern eine Möglichkeit erschlossen, ihre Kunst besser zu verkaufen. Vielleicht nutzt man da auch die Freifläche auf der Plantage!

Es ist eine enorme und spannende Möglichkeit, die sich hier für die Künstler der Stadt auftut und an der auch Sie teilhaben können. Zu DDR-Zeiten haben wir von so etwas geträumt! Meine Band hat sich in Kellern und alten Garagen zum Proben zusammengefunden. Ich kann sie nur auffordern, daran mitzuwirken. Vertrauen Sie auf die Zukunft, so schlecht wird die nämlich nicht. Zeigen Sie mir eine Stadt, die ihren Künstlern so etwas Großartiges in der Stadtmitte bietet, ich wüsste keine.

Unsere AutorinBarbara Kuster wurde vor 70 Jahren als Tochter eines Kamin- und Ofenbauers geboren. Sie wuchs in einem Haus direkt neben der Garnisonkirche auf und wohnt jetzt in Babelsberg. Die Kabarettistin war zuvor Lehrerin und Rocksängerin. Sie ist Mitbegründerin der auf die Entwicklung der historischen Innenstadt fokussierten Initiative Mitteschön.

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Von Barbara Kuster

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