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Potsdam Defa-Film wird zum Abgesang auf die DDR
Lokales Potsdam Defa-Film wird zum Abgesang auf die DDR
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13:59 09.11.2019
Als die Mauer fiel, drehten Regisseur Peter Kahane (l.) und Kameramann Andreas Köfer gerade in Berlin „Die Architekten“. Der Defa-Streifen wurde zum Abgesang auf die DDR. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

In einer der letzten Szenen des 1990 veröffentlichten Filmdramas „Die Architekten“ von Peter Kahane sieht man die Hauptfigur Daniel Brenner, einen 38-jährigen in Ost-Berlin arbeitenden Architekten, an einem Schaufenster voller Fernseher vorbeilaufen. Sämtliche Bildschirme zeigen den Sprecher der „Aktuellen Kamera“. Der völlig frustrierte Brenner genehmigt sich einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Der SED-Staat hat ihm gerade sein ambitioniertes Großprojekt kaputt gemacht, seine Freunde haben sich von ihm getrennt – und seine Frau ist mitsamt Tochter zum neuen Lebensgefährten in die Schweiz ausgereist. Brenner interessiert sich nicht für die Fernseher. Er wankt weiter.

Maueröffnung während der Dreharbeiten

Das Elektrofachgeschäft der Filmszene war echt. Das Gebäude selbst existiert am Alexanderplatz noch heute. Als der Schauspieler Kurt Naumann an diesem Schaufenster vorbeilaufen musste, gaben manche seiner Kollegen vom Defa-Film-Team hinter der Szene bereits Interviews für Reporter ausländischer Fernsehsender. Sie waren für die kleine Filmaufnahme mit Scheinwerfern, Mikros und Kabeln an den Original-Schauplatz im Zentrum Berlins gefahren – und unversehens in der aufregenden Zeitgeschichte gelandet. Es war der Abend des 9. Novembers 1989. „Was machen Sie denn jetzt mit der neuen Freiheit?“, wollten Reporter von Mitarbeitern am „Architekten“-Set wissen.

Kurz vor der Aufnahme hatte Günter Schabowski vielleicht drei Kilometer vom Drehort entfernt den Geschichte gewordenen Satz zur neuen Reisefreiheit geäußert: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Natürlich hatten Regisseur Peter Kahane, Kameramann Andreas Köfer und all die anderen aus dem Team diese Pressekonferenz mitbekommen. „Aber es war die Zeit der Spekulationen, und wir hatten Zweifel, ob das Gerücht über die Grenzöffnung stimmt“, sagt Kahane. Das Team packte seine Ausrüstung zusammen und fuhr zum Brandenburger Tor. Dort war es wie immer.

Dann drehten sie an anderer Stelle sogar noch eine weitere Einstellung – und fuhren danach erst einmal brav nach Hause. Lediglich Kameramann Andreas Köfer brach, nachdem er zu Hause von den neuesten Entwicklungen erfahren hatte, spät in der Nacht doch noch einmal mit dem Auto auf, überquerte bei Drewitz den Grenzübergang nach West-Berlin und bretterte vom Westen her durch die Stadt – überwältigt von der Euphorie, die ihm später am Grenzübergang Invalidenstraße vom Osten her entgegen schäumte.

Zeitgeschichte überholt die Filmgeschichte

Es war nicht das erste Mal in der von Oktober 1989 bis Februar 1990 dauernden Entstehung der ziemlich aufwendigen Defa-Produktion, dass die reale Weltgeschichte die im Film erzählte Geschichte überholte. Als zum Beispiel am 16. Oktober Andreas Köfer durch ein ebenfalls echtes Wohnzimmerfenster eine spektakuläre Aufnahme von der Berliner Karl-Marx-Allee drehte, vermeldete das Radio gerade, dass Erich Honecker zurückgetreten sei. Das war nicht unproblematisch, denn es machte das ursprüngliche Anliegen der Autoren Thomas Knauf und Peter Kahane praktisch obsolet. Eigentlich hatte der Film über ein siebenköpfiges Team junger Architekten erzählen sollen, wie idealistisch gesinnte Kreative mit ihren originellen Vorstellungen für den Bau eines neuen Sozialzentrums an Betonköpfen scheitern und sich gegen den verantwortlichen Bauminister nicht durchsetzen können.

Dass es am Ende des Jahres 1990 gar keinen DDR-Bauminister mehr geben würde, konnte zu Drehbeginn noch niemand ahnen – und schon gar nicht 1988, als Peter Kahane und Autor Thomas Knauf zur Feder gegriffen und auf Grundlage eines Exposés Knaufs sich mit den „Architekten“ ihre filmischen Alter Egos für die Künstlerszene in der DDR schlechthin geschaffen hatten.

Ergab der Film überhaupt noch einen Sinn?

Kahane gibt zu, dass er nach dem 9. November zusammen mit Köfer auch die Frage diskutiert hatte, ob der Film „Die Architekten“ überhaupt noch einen Sinn ergebe. Der ursprünglichen Konzeption des 1988 entstandenen Drehbuchs zufolge wäre der Film eine Aufforderung gewesen, sich trotz aller Widerstände und Hoffnungslosigkeit gesellschaftlich einzubringen und das System der DDR von unten her zu verändern.

Architekten eigneten sich dabei besonders gut als tragende Figuren. „Das Bauen war in der DDR pathetisch überhöht worden“, sagt Kahane. Es galt gerade nach der Kriegszerstörung, buchstäblich die DDR mit eigenen Händen neu zu schaffen. Bauarbeiter, Ingenieure und Architekten waren Helden des sozialistischen Zeitalters.

In der ursprünglichen Version des Filmes hätte die Hauptfigur Daniel Brenner in der letzten Einstellung trotz aller Rückschläge symbolisch gegen das System rebelliert und sich am Brandenburger Tor in der Nähe der Mauer positioniert, um sich seiner auf der Westseite befindlichen Tochter zu präsentieren. Im Drehbuch steht: „Sein Gesicht zeigt Schmerz aber auch Energie.“

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In der tatsächlichen Schlussszene übergibt sich Brenner nachts einsam auf der Baustelle, deren Eröffnung am Tag noch gefeiert wurde. Brenner leitet das Projekt zwar immer noch, baut aber das genaue Gegenteil von dem, was er wollte: DDR-Ödnis statt fantasievoller Begegnungsstätte. Das Ende des Films zeigt einen gescheiterten Mann, der alle Hoffnungen auf Veränderungen verloren hat.

„Der Mauerfall hat uns gezeigt, dass der Film nur ein Abgesang auf die DDR werden konnte“, sagt Kahane. „Die Architekten“ machten deutlich, wie das System des SED-Staats seine besten und kreativsten Menschen entweder deformiert oder vertrieben hatte – und daher zum Scheitern verurteilt war. Erstaunlich ist, wie wenig für diese Neukonzeption geändert werden musste. Fast alle Szenen, die am 21. Juni 1990 im Berliner Kino International bei der Premiere zu sehen waren, standen auch so im Drehbuch – nur teilweise in einer anderen Reihenfolge.

Drehstart wurde immer wieder hinauszögert

Dass zum Beispiel auch ein Auto ziemlich lange an der Berliner Mauer entlangfährt oder sich Mitglieder des Architektenkollektivs über die Stasi und die SED echauffieren, mag manchen heute noch verwundern, besonders weil diese Inhalte keineswegs erst nach dem Mauerfall konzipiert wurden. Sie standen genau so im Drehbuch aus dem Jahr 1988. Dieses hatte die Defa-Leitung auch abgesegnet und in den Plan der etwa 14 jährlich zu drehenden Defa-Filme für das Jahr 1989 aufgenommen. Kahane und Köfer vermuten, dass die Verantwortlichen für Kulturpolitik schon damals eine wie immer geartete Veränderung erwartet hatten und geschichtlich gerne auf der richtigen Seite stehen wollten. Zwischendurch schien sie dann doch der Mut wieder zu verlassen, denn der Drehbeginn wurde immer wieder hinausgezögert. Erst am 2. Oktober fiel in den Defa-Studios in Babelsberg die erste Klappe.

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Kahane und Köfer hatten von da an keine Hemmungen, all das auf die Leinwand zu bringen, was ihnen sauer aufstieß. Schon in ihren Werken „Ete und Ali“ (1985) und „Vorspiel“ (1987) hatten sie, zumindest was die Optik angeht, kein Blatt über die realen Zustände in der DDR vor den Mund genommen. Für „Ete und Ali“ verwendete Aufnahmen der Stadt Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern zeigten eine damals wenig glanzvolle „Hinterhof-DDR“, und die jugendlichen Protagonisten von „Vorspiel“ mussten sich mit einer trostlosen Provinz und deren kultureller wie intellektueller Unterversorgung begnügen.

„Im Grunde war das unser Leben“, sagt Kameramann Andreas Köfer. „Wir sind nur mit wachen Augen umhergegangen.“ Sowohl „Ete und Ali“ wie auch „Vorspiel“ wurden ein Erfolg. Das Komödiantisch-Leichte dieser Jugendfilme haben die Autoren dann in „Die Architekten“ ins Ernst-Tragische überführt. Und auch hier überwiegt ein realistischer Blick: öde Brachen, Plattenbauansichten, graue Straßen – aber auch die existierenden Perlen wie das frisch renovierte Schloss Lindstedt.

Nur 8000 Zuschauer im Kino

So zufrieden Kahane und Köfer mit dem Ergebnis auch heute noch sind – ein Renner wurden „Die Architekten“ nach der Veröffentlichung nicht. Auf ganze 8000 Zuschauer kam einer der letzten Defa-Filme. Im Jahr der Wiedervereinigung hatte das Publikum vermutlich andere Interessen, als noch einmal einen Blick auf die eben untergegangene DDR zu werfen und auf deren Umgang mit Intellektuellen, die im gleichen Jahr geboren worden waren wie der Arbeiter- und Bauernstaat, nämlich 1949. Es ist Kahanes eigener Jahrgang – und der seiner Hauptfigur Daniel Brenner.

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Peter Kahane sieht den Film nachträglich auch als „Therapie“ und Bearbeitung eigenen Erlebens als Regisseur in der DDR. Ähnlich wie dem Filmhelden Brenner war ihm und seinem Kameramann Andreas Köfer 1988 von Kulturpolitikern der DDR ein wichtiges Projekt zunichte gemacht worden: ein Filmdrama nach Ideen des Autors Friedrich Wolf. Die Figur eines in einem Internierungslager der Deutschen mit einem jüdischen Mitgefangenen debattierenden Kommunisten war der Obrigkeit nicht großartig und vorbildlich genug. Doch Kahane bestand darauf, im Film zwei Weltanschauungen gleichberechtigt aufeinanderprallen zu lassen. Als das nicht geduldet wurde, ließen er und Köfer die Produktion sein. Viele der damals real geführten Auseinandersetzungen klingen in „Die Architekten“ an.

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