Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam So war die Lesung mit Deniz Yücel im Waschhaus
Lokales Potsdam So war die Lesung mit Deniz Yücel im Waschhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:14 10.10.2019
Der Journalist Deniz Yücel hat aus seinem neuen Buch „Agentterrorist“ im Potsdamer Waschhaus gelesen. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Man ist per du an diesem Mittwochabend in Potsdam. Das hat sich Deniz Yücel von seinen Zuhörern so gewünscht: „Wenn es in Ordnung für Sie ist, würde ich Sie alle gern duzen.“ Mit ihm würden das ohnehin alle tun, seit er in der Türkei im Gefängnis saß – seit der „Free Deniz“-Kampagne und der überwältigenden Solidaritätswelle.

Deniz Yücel – 46 Jahre alt, deutsch-türkischer Journalist, von Recep Tayyip Erdoğan wegen seiner kritischen Berichterstattung zum Staatsfeind erklärt – hatte im Herbst vergangenen Jahres im Potsdamer Alten Rathaus den M100 Media Award entgegen genommen. Mit dem Medienpreis wurde er für „seine mutige und unbestechliche Arbeit“ geehrt. Nun ist er in die brandenburgische Landeshauptstadt zurückgekehrt, um – am Abend vor dem offiziellen Erscheinen – im Waschhaus sein neues Buch vorzustellen. In „Agentterrorist“ arbeitet Deniz Yücel seine Haftzeit auf.

Die Dinge von ihrer unfreiwillig komischen Seite her sehen

Rund 80 Zuschauer sind ins Waschhaus gekommen – eine intime Runde. Bevor er mit dem Publikum in die Erinnerungen an das Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9eintritt, lässt Deniz Yücel das Licht im Saal dimmen. Es ist finster – doch es wird gelacht an diesem Abend, viel sogar. „Lächerlichkeiten und Absurditäten sind charakteristisch für autoritäre Systeme“, sagt Deniz Yücel irgendwann beinahe entschuldigend. Er habe schon damals in der Haft versucht, die Dinge von dieser absurden, von ihrer unfreiwillig komischen Seite her zu sehen. Ein Beispiel: In der Isolationshaft habe man ihn ab und zu auf den Sportplatz gelassen – allein selbstverständlich. Er hatte sich im Gefängnisladen einen Fußball gekauft, um ein wenig kicken zu können. So eine Isolationshaft habe auch Vorteile, meint Deniz Yücel: „Ich habe den Platz nie als Verlierer verlassen.“

Ein mitreißender Redner, ein unruhiger Vorleser

Deniz Yücel ist ein mitreißender Redner. Julia Menger von Radio Eins, die den Abend moderiert, erkannt das schnell und hält sich charmant zurück: Yücel ist am besten, wenn er abschweift, Volten schlägt, im Erzählen Fußnoten setzt. Das Publikum – man kann es nicht anders sagen: gebannt.

Durch den Abend mit Deniz Yücel führte Radio-Eins-Moderatorin Julia Menger Quelle: Friedrich Bungert

Als Leser ist Deniz Yücel unruhig. „Das Lesen ist anstrengend und ich bin darin auch nicht so geübt“, sagt er, „ich vernuschele da mehr.“ Das Potsdamer Publikum entlässt ihn dennoch nicht aus dieser Pflicht – wo Lesung draufsteht, soll eben auch ein bisschen Lesung drin sein. Da mag sich der Star des Abends noch so winden: Zu fortgeschrittener Stunde entledigt sich Deniz Yücel also seines Jacketts, blättert sich noch einmal durch „Agentterrorist“, verwirft eine für den Vortrag verabredete Passage, entscheidet sich für eine andere.

„Es hat mir gut getan zu schreiben und zu erzählen“

Auf dem Weg nach Hause werden viele Gäste einen Stopp am Stand vom Literaturladen Wist einlegen und eines der frisch gedruckten „Agentterrorist“-Exemplare erwerben. Er habe das Buch aus zweieinhalb Gründen geschrieben, sagt Deniz Yücel. Zum einen, weil es seit seinem Zeitungspraktikum bei der „Main-Spitze“ im November 1989 sein Job ist, eine Geschichte zu erzählen, wenn er eine Geschichte gefunden hat. Zum anderen, weil seine Geschichte für interessant und erzählenswert hält und sie selbst für türkische Verhältnisse ungewöhnlich ist („Nicht nur meine Verhaftung, auch meine Freilassung war rechtswidrig!“). Und nicht zuletzt zur Selbsttherapie: „Es hat mir gut getan zu schreiben und zu erzählen. Ich hoffe, dass man dieses Buch auch noch in ein paar Jahren lesen wird – für mich soll es aber der Punkt sein, den ich hinter diese Geschichte setze.“

Ab 10. Oktober für alle zu haben: das Buch „Agentterrorist" von Deniz Yücel Quelle: Christoph Soeder/dpa

Wo es möglich ist, lässt er seine Briefschreiber auf die Gästeliste setzen

Tausende haben am Schicksal des Journalisten teilgenommen. Tausende haben Deniz Yücel Briefe in die Haft geschrieben: Freunde, Fremde, Menschen von nebenan, Menschen wie Sophie. Sie sitzt im Waschhaus in der ersten Reihe. Deniz Yücel begrüßt sie persönlich. „Ich habe mir vorgenommen, mich bei jedem zu bedanken“, sagt Deniz Yücel. Er hoffe, dass er auf der Lesereise, die ihn im Oktober und November durch ganz Deutschland führt, möglichst oft die Gelegenheit dazu bekommen. Wo es möglich ist, lasse er die Briefschreiber auf die Gästeliste setzen. Deniz Yücel ist nahbar an diesem Abend, nach der Lesung – und einer Zigarettenpause – nimmt er sich die Zeit, fürs Signieren der Bücher und für Gespräche über all die Fragen, die seine Gäste während der Lesung nicht loswerden konnten. Lediglich drei Wortmeldungen ließ das Veranstaltungskonzept zu. Lena erinnerte an die Fußball-Episode: „Du hast gesagt, dass du nie als Verlierer vom Platz gegangen bist. Wie gehst du aus deiner eigenen Geschichte raus? Als Gewinner oder als Verlierer?“ Deniz Yücel zögert nicht: „Ich sitze hier bei euch in Potsdam und es ist mir eine Freude.“

Von Nadine Fabian

Der Wunsch nach einer sicheren Querungsmöglichkeit hat nun auch den Ausschuss für Klima, Umwelt und Mobilität beschäftigt. Das Ergebnis: Die Mitglieder wollen eine Fußgängerampel im Bereich Gagarinstraße prüfen lassen.

10.10.2019

Die Sportstadt Potsdam leidet unter knapper werdenden Sport- und Wettkampfmöglichkeiten. In den nächsten Jahren soll deshalb massiv neu gebaut werden. Unklar ist jedoch, wie das alles bezahlt werden soll.

10.10.2019

Was haben Potsdam und Kiel gemeinsam? Beide Landeshauptstädte verfügen über einen historischen Stadtkanal. Ein Potsdamer Ingenieurbüro ist mit beiden Projekten vertraut – und verrät Parallelen.

09.10.2019