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Potsdam Der Kinderbauernhof Groß Glienicke ist abrissbedroht
Lokales Potsdam Der Kinderbauernhof Groß Glienicke ist abrissbedroht
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00:18 19.02.2019
Kinderbauernhof Groß Glienicke: Selma (9) füttert die Schafe. Quelle: Rainer Schüler
Groß Glienicke

Hänsel und Gretel leben im Wald – man kennt das aus dem Märchen. Auch in Groß Glienicke ist das so: Im Eichengrund – einst der Schwarze Weg; die Brüder Grimm würden sich freuen – leben die beiden zusammen mit Luise. Die drei sind Schafe, derzeit voll in Winterwolle. „Wenn der Scherer kommt, erfahren die Kinder, was aus dem Fell gemacht wird“, erzählt Katja Diekmeyer (43), Leiterin der Kita-Spatzennest, für die der Kinderbauernhof am Ortsrand ein Paradies auf Erden ist, Natur zum Anfassen, zum Gärtnern und Ackern, zum Relaxen, ein Ort der Umweltbildung, des sozialen Miteinanders.

Der Kinderbauernhof Groß Glienicke ist aus einer LPG der DDR entstanden, aber baurechtlich nicht gesichert. Seit 12 Jahren funktioniert er, doch die Stadt will ihn mangels Genehmigungen abreißen.

An diesem sonnigen Donnerstagnachmittag kommt wieder eine Handvoll Kinder erster und dritter Klassen durch den Wald zum Bauernhof gelaufen, wo nicht nur die Wollknäuel auf vier Beinen sie schon erwarten: Auch sieben Ziegen, acht Kaninchen, fünf Enten, siebzehn Hühner und vier Pferde leben leben hier. Im Teich tummeln sich Koi-Karpfen; auf dem Wasser paddelt ein Stockentenpärchen scheinbar ungerührt vor sich hin; die beiden haben aber stets den Steg im Blick, auf den bäuchlings sich die Kinder legen und aufgeweichte Brötchen an die Fische füttern. Im Sommer wird der Lösch- und Bewässerungsteich sogar zum Badesee.

Kinder haben alles, was sie brauchen

Die Kinder kennen sich hier aus, haben Aufenthalts- und Waschräume, Duschen und Toiletten, eine Garderobe. Sie füttern und tränken Fell- und Feder-Tiere, striegeln und streicheln Pferde. Die Tiere haben keine Angst vor ihnen und sie nicht vor den Tieren; sie lieben sich. Frei dürfen die Kinder durch’s Gelände streifen, doch es gibt Regeln: Nicht rennen etwa, und immer die Tore und die Gatter schließen!

Je nach Jahreszeit wird aber auch gepflanzt und geerntet: Kartoffeln und Tomaten, Mohren, Kohlrabi, Kräuter, Kürbisse _ damit wird gekocht in Kita-Kursen. „Der Rotkohl kommt nicht aus dem Glas, auch wenn viele Stadtkinder das glauben“, sagt die Kita-Chefin, die eine Mitarbeiterin nur für den Kinderbauernhof bezahlt.

Kinder streicheln und pflegen die Pferde. Quelle: Rainer Schüler

Denn die Tiere müssen jeden Tag versorgt und gepflegt werden, sollen aber nicht täglich Besuch empfangen, und allzuviele kleine Menschen dürfen es auf einmal auch nicht sein. Das schreibt der Tierschutz vor.

Michael Fruth hat das Objekt saniert

2006 hat der Groß Glienicker Michael Fruth das alte LPG-Gelände gekauft, auf dem damals gerade ein ganz legaler Berliner Pferdehof sein Geschäft gekündigt hatte. Fruth sanierte die einstigen Schweineställe der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Ernst Thälmann“; er ließ die Mauern stehen, setzte neue Dächer auf, um Räume für eine Ergotherapie mit Pferden zu bekommen, die seine Tochter Elisa Marie Fruth betreibt für Kinder und alte Leute aus dem Ort und aus Berlin. Für den Umbau hatte er das mündliche Okay mehrerer städtischer Instanzen, aber keine förmliche Genehmigung.

Unter anderem diese Gebäude auf Basis früherer Schweineställe soll Hof-Sanierer Michael Fruth jetzt wieder abreißen. Er wehrt sich juristisch dagegen. Quelle: Rainer Schüler

Deshalb soll er sie jetzt wieder abreißen. Er wehrt sich gegen 20 Nutzungsuntersagungen und Abrissverfügungen, die deshalb auch nicht vollzogen werden; der Kinderbauernhof macht erstmal weiter.

Dicke Mauern von Vorgängerbauten

Fruths Nerven liegen blank. „Ich werde von der Stadt wie ein Aussätziger behandelt“, sagt er: Die Bauverwaltung behaupte, er habe neue Gebäude hochgezogen; es gebe deshalb keinen Bestandsschutz für die alten. Fruth klopft auf die Klinkermauern: „70 Zentimeter dick. Ich bau doch soetwas nicht neu; ich bin doch nicht verrückt!“

Verrückt aber finden es er und die Kita als Bauernhofbetreiber, die gesamte Anlage abzureißen und auf der anderen Seite der vielgenutzten Landesstraße 20 neu zu erreichten, die Groß Glienicke mit der Bundesstraße 5 verbindet, mit Dallgow-Döberitz und Spandau. Da drüben, gleich neben einem Moto-Cross-Gelände, möchte die Stadt den Hof auf Kosten des Vereins neu bauen und Tiere einstallen lassen, die schon beim Fallen eines Holzbretts die Flucht ergreifen, von Motorenlärm gar nicht zu reden.

Unterstützer sehen Menschenwürde verletzt

Psychotherapeutin Kathrin Sonntag aus dem sächsischen Schneeberg verfolgt die Ereignisse um den Kinderbauernhof besorgt.

„Die Kinder sind in unserer Gesellschaft das wichtigste Gut“, schreibt sie der MAZ: „Aber das Beispiel des Kinderbauernhofes zeigt, dass hier das Wohl der Kinder nicht im Mittelpunkt zu stehen scheint.“

Für sie ist es „unverständlich, warum sich nicht alle Beteiligten an einen Tisch setzen und versuchen, Probleme aus der Welt zu schaffen.“

Michael Fruth arbeite „fleißig und oft am Limit seiner Kraft“. Es sei „hoch bedenklich, einem Menschen sein Lebenwerk zu zerstören. Die Würde des Menschen ist unantastbar“, stehe im Grundgesetz. Was Fruth erlebe, sei „weit von diesem Grundrecht entfernt.“

Das „Gebahren der Stadt erinnert“ Sonntag „mehr an Diffamierung und Existenzvernichtung, jedoch überhaupt nicht an Gesprächsbereitschaft und Achtung der Menschenwürde und der Arbeitsleistung von Herrn Fruth.“

 

Zweifelhafter Ausweichstandort

Der „Ausweichstandort“ ist viel kleiner, ohne Zuweg, ohne Wasser und Abwasser, ohne Strom. Und zwischen beiden Standorten, dem funktionierenden von heute und dem absurden der Zukunft, floriert der Straßenstich. „Sehen Sie die?“ fragt Fruth den MAZ-Reporter und zeigt auf eine Rumänin am Waldesrand; das Auto des Zuhälters in Sichtweite: „Jeder hier im Ort weiß, was bei der was kostet. Die Gummis liegen überall herum; keiner macht etwas dagegen. Sollen die Kinder hier vorbei?“

Eine Prostituierte wartet an der nahen Straße auf Freier; der Zuhälter sitzt unweit davon in einem Auto. Quelle: Privat

Von Rainer Schüler

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