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Potsdam Der Klang der späten Jahre
Lokales Potsdam Der Klang der späten Jahre
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00:22 10.04.2018
Rudi Kansy, Gründer des Hans-Marchwitza-Chors, feiert 95. Geburtstag – hier mit einem Foto einer Maifeier Rat des Bezirkes 1954. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Wie er es geschafft hat, drei Akkordeons und einen Bass allein von Zehlendorf nach Potsdam zu schleppen? Rudi Kansy weiß es nicht mehr. Aber er hat nicht vergessen, wie es dazu kam, dass er an einem Junitag anno 1954 plötzlich ganz allein auf weiter Flur mit einem Berg Instrumente dastand. Diese Geschichte, sagt er, will er unbedingt erzählen – so viel ist in all den Jahren schon über ihn geschrieben worden: Leiter des in Potsdam geradezu legendären Hans-Marchwitza-Chors; Aktivist der ersten Stunde, der in der jungen DDR von der FDJ den Auftrag erhielt, der Kulturarbeit in der Stadt einen kräftigen Schubs zu geben. Der Lehrer. Der Komponist. Der Maler. Nun möchte Rudi Kansy darüber sprechen, wie er im Juni 1954 „wie ein Schwerverbrecher mit der grünen Minna und mit Blaulicht durch halb Berlin“ gefahren wurde. Endstadtion: Moabit.

Elf massige Alben hat er mit Erinnerungen gefüllt

95 Jahre wird Rudi Kansy am 7. April alt und das Gedächtnis schlägt ihm manchmal ein Schnippchen. Zum Glück hat er all das Erlebte – das schöne, aber auch das nicht so schöne – zu Papier gebracht: Elf massige Alben hat er mit Zeitungsausschnitten, Fotografien, Programmheften und Urkunden gefüllt. Erinnerungen an Auftritte bei Jugendweihen und Betriebsfeiern, an Chorlager, Weihnachtsfeste, Hochzeiten. Da, wo noch das Weiß des Papiers durchblitzte, hat Rudi Kansy in akkuratester Schönschrift seine eigenen Worte zu Papier gebracht oder mit Buntstift eine Illustration eingefügt. Klar, dass auch sein unfreiwilliger Ausflug hinter die berühmtesten Mauern Moabits ein Plätzchen fand.

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Rudi Kansy in Aktion: hier 1983 bei einem Konzert. Quelle: Bernd Gartenschläger

„Der Fall hat damals Schlagzahlen gemacht!“, sagt Rudi Kansy. Sowohl im Osten als auch im Westen haben die Zeitungen berichtet. Fakt ist: Die Falken – die Sozialistische Jugend Deutschlands – hatten Rudi Kansy und den Hans-Marchwitza-Chor zum traditionellen Fischtalfest in den damaligen US-Sektor eingeladen. Doch als der Chor in Zehlendorf eintraf, umstellte ein Polizeikommando die 52 Sänger und Sängerinnen, noch bevor sie auch nur einen Ton anschlagen konnten, lud sie auf Mannschaftswagen und karrte sie zur Dienstelle Zehlendorf, wo sie bis in die Nacht verhört, dann aber entlassen wurden. Rudi Kansy fuhr man indes direkt nach Moabit. „Die Jugendlichen wollten mit Volksliedern und Volkstänzen das Programm bereichern“, schrieb das Neue Deutschland. Der Chor habe sich unter die Feinde gemischt, um das Fischtalfest zu stören, schrieb eine westberliner Zeitung. Fünf Tage saß Rudi Kansy im Gefängnis. Dann kam er frei und musste zusehen, wie er mit einem Bass und drei Akkordeons nach Hause kommt.

Rudi Kansy tritt, als hätte er zwei, drei Jahrzehnte abgestreift, ans Piano

„Ach, so ein Akkordeon!“ Da kommt Rudi Kansy ins Schwärmen. Jetzt, mit 95, kann er den wuchtigen Kasten, mit dem er manch Feier aufgemischt hat, nicht mehr halten. Vieles fällt ihm nun schwer: das Gehen, das Sehen, auch das Hören. „Meine falschen Töne hört er aber immer noch“, sagt Ehefrau Regina, von Rudi Kansy liebevoll Gini genannt. Gini kann zwar nicht zaubern, aber sie kann ihrem Rudi das Alter ein wenig leichter machen. Die Kosmetikmeisterin tritt beruflich kürzer, um für ihren Mann dasein zu können. Beinahe 35 Jahre trennen die beiden, die – wie könnte es anders sein – die Musik einander näher brachte. Ihr Song: „Fernando“. Rudi Kansy kann ihn im Schlaf auf dem Klavier spielen. „Kostprobe?“ Rudi Kansy erhebt sich aus dem Sessel und tritt, als hätte er zwei, drei Jahrzehnte abgestreift, ans Piano. Er setzt sich auf den Schemel, klappt den Deckel auf – los gehts. Elegisch ist der Klang der spätern Jahre.

Von der Orgelbank in den Dienst des Staates

Mit den glatten, weißen Tasten unter den Fingern, hat seine Liebe zur Musik begonnen. 1923 in Beuthen im oberschlesischen Kohlerevier als jüngstes von fünf Kindern geboren, wächst er in einer Familie auf, in der die Musik eine wichtige Rolle spielt – und die katholische Kirche. Schon mit zwölf spielt Rudi Kansy im Gottesdienst Orgel, will Kirchenmusik studieren. Da kommt der Krieg, der für ihn mit einem zerschossenen Arm endet. Aus dem Lazarett entlassen, zieht Rudi Kansy nach Potsdam und musiziert fortan im Auftrag des Staates, an dessen Idee er glaubt und den er mit aufbauen will. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, sagt er heute. Auf den Bildern, die er nach seinem Ausscheiden aus dem Beruf malte, wehen keine Fahnen – Blumen wiegen sich im Wind. So wie im Sommer vor seinem Fenster. Bald kann Rudi Kansy wieder in den Garten. „Ich möchte hier nicht weg“, sagt er. „Ich wünsche mir, möglichst gesund zu bleiben und schöne Jahre mit meiner Frau.“

Von Nadine Fabian

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