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Potsdam Das Atelier blieb, wie er es verlassen hat
Lokales Potsdam Das Atelier blieb, wie er es verlassen hat
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22:01 01.07.2019
Walter Lauche in einer undatierten Aufnahme. Quelle: privat
Potsdam/Treuenbrietzen

Die Schildkröte aus Naturstein und Beton von Walter Lauche (1939-2010) ist die Attraktion des kleinen Spielplatzes in der Knobelsdorffstraße in Potsdam-West. Mehr als zwei Meter ist sie hoch, fünf Meter breit, fünf Meter tief. Cosima Hankel war als kleines Mädchen dabei, als das monumentale Werk ihres Vaters mit zwei Tiefladern und Polizeieskorte Anfang der 1970er Jahre aus der Werkstatt in Treuenbrietzen nach Potsdam gebracht wurde: „Das war ein tolles Ereignis“, sagt sie.

Die Schildkröte von Walter Lauche in der Knobelsdorffstraße in Potsdam-West. Quelle: Volker Oelschläger

Walter Lauche ist der 15. Künstler, dessen Werk jetzt in der Internet-Datenbank „Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg“ veröffentlicht wird. Initiiert wurde das Projekt von den Potsdamern Liane Burkhardt und Thomas Kumlehn 2011 mit dem Ziel, private Künstlernachlässe vor dem Vergessen zu bewahren, systematisch aufzubereiten und für die Forschung zugänglich zu machen. Die eigentliche Arbeit liegt bei den Erben, doch der Verein bietet neben der Ermutigung logistische und wissenschaftliche Unterstützung.

Cosima Hankel steht im Atelier ihres Vaters in Neu-Rietz, neun Gehöfte in Reihe nebeneinander an einem einsamen Feldweg zwischen Niemegk und Treuenbrietzen. Am Ortseingang blüht rosa-weiß der Buchweizen, kurz dahinter drehen sich Windräder, von denen es hier sehr viele gibt.

1978 hatte Walter Lauche den kleinen Bauernhof erworben. Seine erste Baustelle war der Heuboden über dem Stall, in dem er links neben dem Fenster seine Staffelei aufstellte. Erst danach, sagt die Tochter, kam das Bad.

Im Atelier von Walter Lauche in Neu-Rietz. Quelle: Volker Oelschläger

Der kleine Raum blieb unverändert. An den Bretterwänden lehnen die Bilder, 450 bis 500 sollen es sein. Auf dem Tisch am Schornstein Becher, Näpfe, Tuben mit erstarrter Farbe, Pinsel, Lappen, Flaschen mit Verdünnung, alles mit Staub überzogen. An der Staffelei lehnt ein großes Blumenstillleben, darüber eine düstere Windmühle ohne Flügel vor gelbem Feld und grauem Himmel. „Das ist das letzte Bild, ,Großkopfs Mühle in Niemegk’, unvollendet“, sagt die Tochter.

Umzug aus der BRD in die DDR

Mit dem Verein „Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg“ sind die Erben Walter Lauches seit mehr als zwei Jahren in Kontakt. Liane Burkhardt war über einen Arzt in Treuenbrietzen auf den Künstler aufmerksam geworden, sagt Cosima Hankel. Am 9. Juli soll das Werkverzeichnis im Internet freigeschaltet werden.

Am Freitag, 5. Juli, um 19 Uhr wird aus diesem Anlass eine Ausstellung mit Malerei von Walter Lauche in der Galerie „Gute Stube“ des Potsdamer Kunstvereins in der Charlottenstraße 121 eröffnet. Die letzte große Ausstellung mit mehr als 100 Arbeiten des Künstlers gab es 2016 in Wiesenburg bei Bad Belzig.

Das künstlerische Werk von Walter Lauche war vielfältig. Hier ein Einblick.

Walter Lauche war nicht nur der Fläming-Maler schlechthin, sondern auch ein Künstler mit ungewöhnlicher Biographie. Geboren in Mähren, heute Tschechien, aufgewachsen in Niedersachsen, wechselte er 1965 nach einem Kunst-Studium in West-Berlin in die DDR.

Zur Bewährung schickten sie den neuen Staatsbürger für eineinhalb Jahre als Produktionsarbeiter in ein Stahlwerk im sächsischen Freital, es folgte ein Jahr an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, schließlich 1967 der Schritt zum freischaffenden Maler und Grafiker.

„Klar, er war ’ne linke Socke“

Der Wechsel in den Osten war sicher politisch motiviert; „Klar, er war ‘ne linke Socke“, sagt Cosima Hankel. Es habe aber auch familiäre Gründe gegeben, ein tiefes Zerwürfnis mit seiner Mutter, und persönliche Beziehungen in die DDR-Szene, vor allem zu der einflussreichen Dresdner Künstlerin Lea Grundig (1906-1977).

Im Atelier von Walter Lauche. Quelle: Volker Oelschläger

In der Abgeschiedenheit des Flämings fand Lauche dann offenbar, was er 1987 auch seinem Potsdamer Künstlerfreund Heinz Böhm (1907-1988) in einer Rezension ins Stammbuch schrieb: „Es ist das absolut Alltägliche, was er malt. Die Straßen, in denen er lebt, das Haus, in dem er wohnt, die Menschen, mit denen er lebt, den Garten mit seinen Blumen, die Zimmer, die Möbel … Es ist dies seine künstlerische Botschaft, dass dieses einfache Leben interessant genug ist und hinreichend Stoff bietet zum Nachdenken und für die Kunst.“

Lauche malte die Neu-Rietzer Bauern bei der Kartoffelernte und bei der Versammlung der gegenseitigen Bauernhilfe, er malte mit lufterfüllter Leichtigkeit „Hildes Scheune“ und „Wäsche im Garten“, er malte Feuer auf dem Feld mit geheimnisvollem Glimmen und Teichbilder mit Seerosen auf unergründlichem Grün, die sich immer sofort verkauften; er malte sämtliche Windmühlen der Umgebung.

Briefwechsel mit Angela Merkel

Er malte aber auch wunderliche Stillleben, Sprotten unter Sonnenblumen, Glühbirnen mit Matratzenfedern, und Porträts, eine Serie mit Indianern und „8 Variationen über Angela Merkel“. Die spätere Bundeskanzlerin antwortete dem Künstler auf seinen Brief im Juli 2000: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Reaktionen auf ihre Porträts sehr vielfältig waren bzw. sind.“ Gekauft hat sie sie nicht.

Cosima Hankel mit den Angela-Merkel-Porträts. Quelle: Volker Oelschläger

Der Mauerfall 1989 und das Ende der DDR hatten Walter Lauche hart getroffen. Er erwog einen Umzug nach Ostpolen, sagt Cosima Hankel. In einem Interview antwortete er auf die Frage, wie sich die Menschen seit dem Mauerfall verändert hätten: „Früher hat es sich nicht gelohnt, schäbig zu sein, heute scheint es sich zu lohnen.“

Der Mauerfall trieb Walter Lauche an den Rand des wirtschaftlichen Ruins, denn staatliche Aufträge für Kunst im öffentlichen Raum wie die Schildkröte in Potsdam-West fielen komplett weg. „Eigentlich hat er seine Bilder jetzt verscherbelt, um den Tank zu füllen, oder für Brennholz“, erzählt die Tochter. Naturalienwirtschaft auf dem Land.

Bilder von der Wut des Künstlers

Von der Wut des Künstlers erzählen zur Stromerzeugung in die Landschaft gesetzte Windmühlen, die er mit geborstenen Flügeln malte, und letzte Bilder vom Palast der Republik, der da nur noch ein geschleifter Torso aus schwarzem Beton ist.

Stillleben mit Sonnenblumen und Sprotten, undatiert. Quelle: Privat

Die Aufnahme in das Nachlassverzeichnis ist für die Erben ein Herzensanliegen: „Für uns ist es total wichtig, dass er nicht vergessen wird“, sagt Cosima Hankel, „dass er immer präsent bleibt.“ Für Unruhe sorgt aktuell eine Marderfamilie, die sich hinter der Holzwand gleich neben den Werken eingenistet hat.

Der Verein Künstlernachlässe im Land Brandenburg eröffnet am Dienstag um 18 Uhr im Foyer des Landtags eine Ausstellung „Sichtbares Erbe – Geteiltes Erbe“, die im Herbst als Wanderausstellung durchs Land ziehen soll. Mittelfristig plant der Verein die Einrichtung eines Depots mit den Kernbeständen der Künstlernachlässe. Da fänden dann auch Werke von Walter Lauche ihren Platz.

Ausstellungstermine und weitere Informationen

Die Ausstellung „Sichtbares Erbe – Geteiltes Erbe“ über private Künstlernachlässe ist im Landtag vom 3. Juli bis zum 27. September zu sehen.

Die Ausstellung mit Werken von Walter Lauche in der Charlottenstraße 121 in Potsdam wird am Freitag um 19 Uhr eröffnet. Laufzeit bis 7. Oktober, Sa/So 15-18 Uhr, Mo 10-14 Uhr.

Eine weitere Ausstellung mit Werken von Walter Lauche wird am 12. Juli um 18 Uhr in der Kunstkirche Hohenwerbig in Niemegk eröffnet.

Wieder aufgelegt wird das Buch „Man kann im Leben gar nicht genug verpassen“ von und über Walter Lauche.

Mehr auf www.maler-walter-lauche.de

Von Volker Oelschläger

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