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Potsdam Der Potsdamer Südosten wandelt sich
Lokales Potsdam Der Potsdamer Südosten wandelt sich
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00:25 19.05.2019
Hirsch Heinrich steht am Waldrand von Drewitz, das sich zu einem durchgrünten Stadtteil entwickelt hat. Quelle: Peter Degener
Stern/Drewitz/Kirchsteigfeld

Hirsch Heinrich röhrt am Übergang von Drewitz in die Natur. Wer von dort in das Wohngebiet hineinläuft, kommt auch an einem hölzernen Fuchs, einer Fliege und einem Grashüpfer vorbei. Neben den überdimensionierten Spielfiguren prägt mittlerweile echtes Grün den Plattenbaukiez mit seinen eng beieinanderstehenden Blöcken. Der heiße Asphalt wurde zugunsten von Bäumen und Beeten zurückgedrängt, der Autoverkehr mit Schwellen in den Kreuzungsbereichen gebremst.

Die Gartenstadt wird angenommen

„Die Platte ist besser als ihr Ruf“, sagt Günter Mäder und spricht eine alte Weisheit aus, die in Drewitz kaum deutlicher werden kann als an einem schönen Frühlingstag. Er sitzt im Stadtteilrat, engagiert sich seit fast 25 Jahren für den Stadtteil.

Günter Mäder engagiert sich in Drewitz. Quelle: Peter Degener

In einigen Monaten wird das „Café im Park“ in der Konrad-Wolf-Allee eröffnet und neue Anlaufstelle zwischen Wasserspielen, Spielplatz und den Senioren-Trainingsgeräten sein. „Die Bänke hier sind voll, der Park wird angenommen“, sagt Mäder. Erst war das Projekt der Gartenstadt Drewitz umstritten, „weil so viele Parkplätze wegfielen, aber die Zustimmung ist nun da“, sagt er.

Weniger Einkommen, aber ein höheres Armutsrisiko

Drewitz liegt mitten im Potsdamer Wahlkreis 6, der auch die Wohngebiete Stern und das Kirchsteigfeld umfasst. Im Unterschied zum Rest der Stadt Potsdam gehören die rund 29 000 Bewohner des Wahlkreises zu den Politikmuffeln – die Wahlbeteiligung vor fünf Jahren lag je nach Stadtteil zwischen 15 und 21 Prozent unter dem Schnitt der Stadt. Bei den Einkommen ist der Wahlkreis mit durchschnittlich 2300 Euro Haushaltseinkommen fast das Schlusslicht – nur Schlaatz, Waldstadt und Potsdam-Süd liegen noch leicht darunter.

Wahlkreis 6: Fakten und Kandidaten

Wahlkreis 6 umfasst die Stadtteile Stern, Drewitz und Kirchsteigfeld. 89 Kandidaten an, darunter der einzige Einzelkandidat in ganz Potsdam. Bei der Kommunalwahl 2014 waren es nur 79 Kandidaten.

Die Linke: 14 Kandidaten; Spitzenkandidat: Hans-Jürgen Scharfenberg

SPD: 14 Kandidaten; Daniel Keller

CDU: 7 Kandidaten; Lars Eichert

Bündnis 90/Die Grünen: 14 Kandidaten; Wiebke Bartelt

Die Andere: 14 Kandidaten; Juliane Kuba

Bürgerbündnis: 8 Kandidaten; Michael Schröder

AfD: 3 Kandidaten; Chaled-Uwe Said

FDP: 9 Kandidaten; Andrea Ney

BVB/Freie Wähler: 2 Kandidaten; Mohammad Ahmadian

Einzelkandidat: Ingo Charnow

Bei der Armutsgefährdung ist die Quote im Wahlkreis 6 wiederum höher als im Rest der Stadt. Wer aus der Fremde nach Potsdam zuzieht, landet höchst selten im Südosten – laut der Umfrage „Leben in Potsdam“ von 2017 ziehen nur sechs Prozent der Menschen als erstes in diese drei Stadtteile.

Wenige Arbeitsplätze existieren vor Ort, die meisten pendeln mit dem Auto oder der Straßenbahn. „Wir hoffen hier auch auf das neue Gewerbegebiet im Kirchsteigfeld. Da könnte wohnortnahe Beschäftigung entstehen“, sagt Mäder.

Der einstige Vorzeigestadtteil Kirchsteigfeld ist keiner mehr

Im Kirchsteigfeld schaut Marcus Müller fast neidisch auf Drewitz. Der Polizist hat vor fast zwei Jahren die Initiative Kirchsteigfeld mitbegründet, ein Netzwerk, das die Probleme der Bewohner aufnehmen und angehen will. Die Begegnungsräume im Freien, die Drewitz in der Gartenstadt mittlerweile gewonnen hat, fehlen ihm.

Marcus Müller (40) will den Marktplatz und andere Orte im Kirchsteigfeld beleben. Quelle: Bernd Gartenschläger

Der langgestreckte Platz an der Nelly-Sachs-Straße ist „komplett tot“. Bänke stehen zwar unter den Bäumen, doch bis auf einen Turm für Schwalbennester findet sich nichts auf der riesigen Fläche. „Uns fehlt ein großer Spielplatz“, sagt Müller. Der könnte dort errichtet werden. Auch einen Strom- und Wasseranschluss gäbe es, sodass ein Pavillon mit Imbiss-Angeboten möglich wäre. „Das könnte hier belebt werden wie in der Gartenstadt“, findet er.

Der Hirtengraben fließt durch das Kirchsteigfeld. Quelle: Peter Degener

Hirtengraben und Marktplatz sind die Baustellen im Quartier

Ähnlich denkt er auch über den Marktplatz an der Kirche. Die Mitte des Stadtteils ist ein einziger großer Parkplatz. „Hier ist meine Vision ein Parkhaus wie unter dem Luisenplatz“, sagt Müller, dann könnten die Bewohner den Raum für sich nutzen. Direkt dahinter fließt der Hirtengraben – oder was davon noch übrig ist. „Im Sommer ist das eine Kloake“, stellt er fest und hofft gemeinsam mit der Stadt und dem Wohnungskonzern Vonovia, dem fast die Hälfte der Wohnungen im Kirchsteigfeld gehört, das kleine Fließ zu ertüchtigen.

Das drängendste Problem war lange Zeit die mangelnde Nahversorgung. Mehr als anderthalb Jahre lang gab es für die 5000 Einwohner keinen einzigen Supermarkt. Mittlerweile hat ein Rewe-Markt eröffnet. „Aber es fehlt auch eine Bar oder ein weiteres Restaurant“, sagt Müller.

Die Entwicklung der Brache an der Autobahn ist eine neue Chance

Ein „Vorzeigestadtteil“ sei man nicht mehr. „Wir waren zu lange nicht im Fokus der Stadt. Durch die Brache haben wir aber nun neue Aufmerksamkeit“, sagt Müller und spricht das größte Projekt des Kirchsteigfelds an – die Entwicklung der großen Gewerbebrache entlang der Autobahn 115. Dort könnte 25 Jahre nach Gründung des Quartiers endlich etwas passieren.

Die Stadtverordneten haben einen Kompromiss mit willigen Investoren geschlossen, wonach neben Gewerberäumen auch Wohnungen und soziale Infrastruktur errichtet werden soll. „Natürlich haben einige Angst vor dem großen Gewerbegebiet, vor fast 2000 neuen Einwohnern, dem Verkehr, dem Lärm, den Hochhäusern. Aber unser Netzwerk ist trotzdem positiv gestimmt“, sagt Müller.

Platte und Kleinstadt in einem – der Südosten Potsdams Quelle: Bernd Gartenschläger

Ein Wunsch: eine Autobahnquerung in die Parforceheide

Er hofft, dass mit den Investoren auch eine Querung der Autobahn möglich wird. Bislang gibt es nur einen Trampelpfad am Hirtengraben unter der Autobahn hindurch“, sagt er. Dann wäre die Parforceheide leicht zu erreichen – ein „toller Ausgleich“ für das riesige Projekt, findet Müller.

Mangelnde Sportflächen und Beschäftigung der Jugendlichen nennt er als weitere Probleme. Eigentlich ist das Kirchsteigfeld mit den Sportgelände des SC Potsdam gut versorgt. Der Platz stand auch lange offen. Aber der Vandalismus wurde zu groß, nun kann man den Platz nur noch nach Anmeldung betreten. „Wenn da mit Mopeds drauf rumgefahren wird, ist das auch verständlich.“ Der Polizist fordert deshalb Freiräume für Jugendliche, die beschäftigt werden müssten.

Auch der Stern ist grüner als viele denken. Quelle: Bernd Gartenschläger

Am Stern fehlt Beschäftigung für Kinder und Eltern

Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen – das fällt Lars Kiwel als Erstes ein, wenn man ihn auf die Probleme am Stern anspricht. „Ich würde gerne noch eine Etage draufsetzen und mehr Personal einstellen“, sagt der Leiter des Kindertreffs Am Stern. Dort werden nicht nur Kinder betreut, sondern auch Eltern beraten „bei Sorgen, Nöten und Anträgen“, sagt Kiwel.

Überall gilt am Stern, in Drewitz und am Kirchsteigfeld: die Mieten steigen

Sein Eindruck: „Die Freizeitangebote reichen nicht aus – für Kinder nicht und auch nicht für ihre Eltern.“ Ein gemütliches Bistro oder Restaurant, eine Skaterbahn fallen ihm spontan ein, was Abhilfe schaffen könne. Davon abgesehen habe sich der Stern sehr gut entwickelt. „Durch die Sanierungen ist es wirklich schön geworden“, sagt er. Der Schulcampus mit Gymnasium, Grundschule und Musikschule sei ein großer Gewinn. Doch er fügt zugleich an: „Durch die Wohnungssanierungen sind die Mieten anschließend so sehr gestiegen, dass viele Alteingesessene mittlerweile wegziehen müssen.“

Hier gleichen sich Stern, Drewitz und das Kirchsteigfeld. „Vor den Mietsteigerungen nach den Sanierungen haben die Leute Angst“, sagt der Drewitzer Günter Mäder. Der Netzwerker Marcus Müller will sich zum Vermieter Vonovia nicht näher äußern. Deren Mieter aber klagen über überproportional gestiegene Betriebskosten. Der Eindruck der drei Kümmerer wird von der Umfrage „Leben in Potsdam“ gestützt. Zwei von drei Befragten haben angegeben, dass ihre Miete in den letzten vier Jahren erhöht worden ist – nirgendwo sonst in der gesamten Stadt sagten das so viele Bewohner.

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Von Peter Degener

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