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Potsdam Hier leuchtet Potsdams größter Schwibb-Bogen
Lokales Potsdam Hier leuchtet Potsdams größter Schwibb-Bogen
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13:38 24.12.2019
Riesige Schwibb-Bögen entstehen in der Metallwerkstatt der Behindertenwerkstätten des Oberlinhauses auf Hermannswerder. Quelle: Andreas Paetsch
Templiner Vorstadt

Der größte Schwibb-Bogen von Potsdam steht auf Hermannswerder: Drei Meter breit ist er, 2,20 Meter hoch, 30 Zentimeter tief und etwa 60 Kilo schwer. In drei Ebenen hintereinander zeigt er den Schlitten des Weihnachtsmanns, gezogen von vier Rentieren. Den typischen Bogen säumen Tannen, aus denen der Wasserturm der Insel ragt, und die Behindertenwerkstatt des Oberlinhauses. Auf deren Vordach ist das riesige Advents-Kunstwerk seit dem 13. Dezember aufgestellt und fest verzurrt, einen Tag vor der Weihnachtsfeier der Werkstätten. Im Dunkeln leuchtet das Kunstwerk magisch von innen. Das macht es gut sichtbar für die Beschäftigten und die Bewohner der Insel, doch der großen Mehrheit der Potsdamer entgeht der Anblick, der den Laien und sogar den Bastler staunen lässt. Wer hat das Riesen-Ding gemacht?

Am Computer entworfen, an der Fräse umgesetzt

Andreas Paetsch ist Chef der Oberlin-Metallwerkstatt auf der Insel: Der 53-jährige Maschinenbaumeister hat den Schwibb-Bogen am Computer entworfen. Der Rechner hat die Idee umgesetzt in Steuerbefehle für die gewaltige Portalfräsmaschine, deren drei mal zwei Meter großer Tisch den Behinderten das Arbeiten mit Metallobjekten besonders leicht macht: Man muss die Werkstücke nämlich nicht mühsam einspannen; der Tisch hat unter sich ein Vakuum, das die Aluminumplatten ansaugt, mit denen sie da meistens arbeiten.

Ein umständlich mit Stichsägen hergestellter Riesen-Schwibb-Bogen in Beelitz brachte die Behindertenwerkstätten auf Hermannswerder auf eine neue Geschäftsidee.

Und wie man sieht, geht das auch mit Holz – und das sogar besonders gut. Denn die Sperrholz- oder Spanplatten sind oft gebogen, verzogen oder sogar wellig. Das Vakuum aber zieht jede krumme Platte platt. Und die Maschine hat verschiedenste Bohrer und Fräsköpfe bereits in ihrem Portal eingeschraubt und wechselt das Werkzeug automatisch. Alles wird ihr vom Computerr, den Paetsch programmiert hat vorgegeben; sie führt es in fast schon gespenstisch leiser Weise aus.

Die Beelitzer Bürgermeisterei machte den Anfang

Die Idee zu solch großen Schwibb-Bögen indes ist nicht im Kopf von Andreas Paetsch entstanden, sondern in der Bürgermeisterei von Beelitz. Auf dem dortigen Weihnachtsmarkt stand so ein Schwibb-Bogen mit Beelitz-Motiven, gemacht von Azubis, die alles mühsam mit der Stichsäge aussägten. Das ist mühsam, weil für alles, was rausgesägt werden soll, erst ein Loch gebohrt werden muss fürs Sägeblatt, das dann auch noch zu breit ist für allzu enge Kurven. Und die Stichsäge lässt Sperrholz schnell aussplittern.

Zwölf Aufträge sind den Werkstätten so gut wie sicher

Das alles macht die Portalfräse viel einfacher, sauberer und schneller: Eineinhalb Stunden braucht die 200 000 Euro teure Maschine im Schnitt für eine Platte, also einen Tag für alle drei. Dann mussten vier Mitarbeiter der Werkstätten in drei Tagen Handarbeit mit Schleifpapier alle Kanten und Flächen glätten, damit das Holz dann dreifach lackiert werden konnte. Die Tischlerei Beelitz fertigte den massiven Holzfuß an, in den die Motivplatten eingelassen werden. Und schließlich legte man handelsübliche Lichtschläuche als Hintergrundbeleuchtung zwischen die Platten. Nicht nur für das Objekt auf Hermannswerder hat man das gemacht, auch für mehrere Firmen, die sich das als weihnachtliche Werbung vor’s Dienstgebäude stellten. Und Beelitz will für alle seine zwölf Mitgliedsgemeinden solche Schwibb-Bögen in Potsdam anfertigen lassen, immer mit Ortsteil-Szenen. Jeder Bogen kostet rund 3500 Euro. Was die Oberlin-Werkstätten mit ihren Metallbau- und Holzarbeiten, aber auch mit den vielen anderen Produkten aus Keramik, Kunststoff und Textil verdienen, wird zu 70 Prozent wieder als Lohn an die Beschäftigten bezahlt, die Behinderten und ihre Anleiter.

Werkstattleiter ist stolz auf seine Beschäftigten

„Den Behinderten macht das Arbeiten in den Werkstätten riesig Spaß“, sagt Paetsch. Sonst fertigen sie Metallgegenstände als Bestandteil von irgendetwas, das sie nie wiedersehen. Die Schwibb-Bögen aber sind anfassbar; die Macher können ihr Werk anschauen, und andere Menschen sehen es. „Das macht sie stolz“, sagt Paetsch über seine Mitarbeiter in der über die Jahre stetig gewachsenen Werkstatt, die es jetzt 20 Jahre gibt. 35 Menschen mit Behinderung arbeiten dort, vor allem an CNC-Maschinen, die Paetsch ihnen einstellt. Michael Hänel etwa die Maschine gut bedienen, obwohl er von Geburt an blind ist. „Micha ist immer mit voller Power dabei“, lobt der Chef den 42-Jährigen: „Der bedient alles, was die Werkstatt hat.“

Wer sehen möchte, wie so ein Schwibb-Bogen entsteht, schaue sich das hier an.

Die Werkstätten des Oberlin-Hauses

Es gibt rund 400 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen.

Die Werkstätten sind auf Hermannswerder, in der Leiterstraße, in Michendorf und im Campus Babelsberg.

Viele Dienstleistungenund Produkte werden angeboten: Digitalisierung, Aktenvernichtung, Fahrradwerkstätten, Montage, Pulverbeschichtung, Briefwerkstatt, Landschaftspflege, Hauswirtschaft, Bautenschutz, Keramik- und Metallwerkstatt, Bürstenmacherei, Korbflechterei.

Von Rainer Schüler

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