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Potsdam Der letzte Vorhang für krebskranke Christine Kilian
Lokales Potsdam Der letzte Vorhang für krebskranke Christine Kilian
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00:19 26.10.2017
Christine Kilian – hier mit Uwe Sterr vom ASB-Wünschewagen – im Theater des Westens.
Christine Kilian – hier mit Uwe Sterr vom ASB-Wünschewagen – im Theater des Westens. Quelle: ASB
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Potsdam

Was morgen ist, wer weiß das schon. Christine Kilian weiß hingegen sicher, was morgen nicht sein wird: radfahren, auf Berge steigen, barfuß am Strand entlang spazieren, sich in Städten und Museen verlieren. Für die Dinge, die ihr Freude machen, die sie interessieren und sie erfüllen, hat Christine Kilian keine Kraft mehr. Zwei Jahre ist es her, dass sie die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bekam, drei Wochen, dass sie ins Hospiz auf Hermannswerder gezogen ist. Die 61-Jährige denkt nun von Tag zu Tag.

Abschiede prägen die Zeit, die ihr noch bleibt. Gerade ist Christine Kilian ein letztes Mal über die Havel geschippert. Viele Freunde und Bekannte hat sie in ihrem Zimmer, das sie mit ihren Lieblingssachen dekoriert hat, ein letztes Mal zu Besuch empfangen. Am Samstag war sie zum letzten Mal im Theater – der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) hat’s möglich gemacht und Christine Kilian und ihren Enkelsohn zum „Glöckner von Notre Dame“ eingeladen und mit dem Wünschemobil nach Berlin gefahren. Das Musical, das auf dem Roman-Klassiker von Victor Hugo und dem Disney-Zeichentrickfilm basiert, ist im Theater des Westens zu sehen. Bevor es dort auf der Bühne losging, drehte der Wünschewagen noch eine Runde durch Berlin. Die kleine Stadtrundfahrt führte unter anderem am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei.

Christine Kilian und ihr Enkel – der Zehnjährige lebt am Steinhuder Meer in Niedersachsen – sind eng miteinander verbunden. Manch einer sagt, sie sei wie eine zweite Mutter für ihn. Weinen, lachen, schweigen – das alles können die beiden miteinander. Als Christine Kilian krank wurde, wollte der Junge ganz genau wissen, was mit ihr ist. „Er hat viel gefragt und ich habe ihm alles erklärt. Er ist traurig, aber er geht ganz normal mit mir um – und das ist unheimlich schön.“

Christine Kilian im Hospiz auf Hermannswerder. Quelle: Bernd Gartenschläger

In den vergangenen Monaten haben Oma und Enkel trotz der Kilometer, die zwischen ihnen liegen, viele Stunden miteinander verbracht. Was sie in Potsdam und in der Umgebung erleben konnten, schließt der Junge in seine Erinnerungen ein – Eintrittskarten und Andenken sammelt er in einer kleinen Schatzkiste, wo nun auch die „Glöckner“-Tickets und die Wünschewagen-Maus einziehen.

Wie das Musical den beiden gefallen hat? Super – keine Frage! „Es war rundum wunderbar – auch die Organisation“, sagt Christine Kilian. Nachdem der Vorhang gefallen war, ließ das Wünschwagen-Team Oma und Enkel für einen Moment allein. Wieder ein letztes Mal. Wieder ein Abschied. „Es war ein sehr emotionaler Abend für mich und meinen Enkel“, sagt Christine Kilian. „Dafür kann ich nur dankbar sein...“ – Hoch über der Welt, singt die schöne Esmeralda im Musical, sind der Schmerz und die Angst überwunden.

Von Nadine Fabian

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