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Potsdam Die 40 Glocken des Max Klaar – und welche Inschriften sie tragen
Lokales Potsdam Die 40 Glocken des Max Klaar – und welche Inschriften sie tragen
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15:29 12.09.2019
Das Potsdamer Glockenspiel auf der Plantage ist verstummt. Quelle: Bernd Gartenschläger
Innenstadt

Die Abschaltung des Glockenspiels der Garnisonkirche auf der Plantage vor einer Woche hat zu einer Debatte darüber geführt, ob die Entscheidung des Oberbürgermeisters angemessen oder überzogen ist. Kritiker des Glockenspiels führen an, dass auf den 40 Glocken teilweise revisionistische, rechtsradikale und militaristische Widmungen stünden.

Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel steckt hinter den Glocken

Das Glockenspiel entstand in mehreren Abschnitten seit 1984 durch eine „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ (TPG) um den Oberstleutnant der Bundeswehr, Max Klaar.

Die Auf- und Inschriften der Glocken sollen auf Initiative der Stadt wissenschaftlich untersucht werden, bevor über eine neuerliche Anschaltung geredet wird.

Mitteschön listet alle bekannten Inschriften und Widmungen auf

Die Initiative Mitteschön hat nunauf ihrer Internetseite nach eigenen Angaben „erstmals für die Potsdamer alle Widmungen der 40 Glocken des umstrittenen Glockenspiels“ aufgelistet.

„Zusätzlich haben wir, ohne wissenschaftliche Bewertung, kurze Erläuterungen zum besseren Verständnis gegeben“, schreiben die Autoren und fordern zur Auseinandersetzung mit den Glockenwidmungen auf.

Zehn Gebote, Mitglieder der Hohenzollern, preußische Provinzen

Die größten Glocken sind den zehn biblischen Geboten gewidmet. Auch die Namen von Königin Luise oder anderen Mitgliedern der Hohenzollernfamilie, Zitate von Friedrich II. und dem Generalfeldmarschall Moltke, sowie die Ehrung manches preußischen Militärs wie Clausewitz und Gneisenau finden sich auf den Instrumenten.

Auf den größten Glocken werden die zehn Gebote zitiert, aber auch das Grundgesetz und Hohenzollern-Mitglieder zitiert. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Namen früherer deutscher Städte und Regionen, die seit 1945 zu Polen oder Russland gehören, sind bereits kurz nach der Aufstellung in Potsdam 1991 wegen revisionistischer Verdächtigungen von sieben Glocken getilgt worden, wie in der Mitteschön-Liste korrekt vermerkt wird.

Die Namen der Städte Potsdam, Berlin oder Iserlohn und auch einzelne genannte Bundeswehreinheiten waren nie der Stein des Anstoßes bei den Kritikern.

„Suum cuique“ oder „Jedem das Seine“?

Diese bemängeln dagegen den mehrdeutigen lateinischen Wahlspruch „Suum cuique“. Man könnte ihn je nach Sichtweise als antike philosophische Maxime verstehen, die in Preußen mit dem Schwarzen Adlerorden verknüpft ist.

Der Spruch wurde allerdings in seiner deutschen Übersetzung „Jedem das Seine“ von den Nationalsozialisten missbraucht – er stand beispielsweise über dem Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald.

Fünf Wehrmachtsverbände werden auf den Glocken geehrt

Fünf Glocken tragen auch die Namen von Militärverbänden der Wehrmacht: Die 121. Infanteriedivision der Wehrmacht wird da genannt. Dieser Großverband war am Angriff auf die Sowjetunion und an der Blockade von Leningrad beteiligt, einem der schlimmsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs, bei dem die Deutschen die Einwohner der Stadt über zweieinhalb Jahre verhungern ließen. Über eine Million Zivilisten starben.

Was tat das Infanterieregiment 67 aus Spandau in diesem Krieg in Frankreich und Italien? Welche Einsätze absolvierte die Fallschirm-Panzerjägerabteilung 1? Womit brüsteten sich die „Berliner Bären“, wie die 257. Infanteriedivision der Wehrmacht genannt wurde, die am Überfall auf die Sowjetunion teilnahm?

Auch das Infanterieregiment Nr. 9 ist auf einer Glocke verewigt

Auch dem traditionsreichen Potsdamer Infanterieregiment Nr. 9 ist eine Glocke gewidmet. Dessen Weltkriegsgeschichte wird zumeist auf den Widerständler Henning von Tresckow fokussiert.

Grundsätzlich gilt: Seitdem die Glocken zwischen 1984 und 1987 gegossen wurden, sind zahlreiche Verbrechen der Wehrmacht erst bekannt geworden.

Der Luftwaffen-Kampfflieger Joachim Helbig wird ebenfalls genannt

Eine Glocke ehrt den Luftwaffen-Kommandeur Joachim Helbig, der einer bekannter Kampfflieger gewesen sein soll. Ob Helbig mit seinen zahlreichen Abschüssen auch aus heutiger Sicht ein Kriegsheld ist, wird durch die angekündigte Untersuchung vielleicht beantwortet.

„Verband deutscher Soldaten“ – die Bundeswehr distanzierte sich davon

Schließlich wird auch der „Verband deutscher Soldaten“ auf einer der Glocken genannt. TPG-Gründer Max Klaar war der letzte Vorsitzende dieser Institution ehemaliger deutscher Militärangehöriger. Die Bundeswehr distanzierte sich 2004 wegen extremistischer Tendenzen vom VdS, sprach den aktiven Soldaten sogar ein Kontaktverbot zu dem Verband aus.

„Möge sich jeder selbst ein Bild machen, ob diese Widmungen ein Abstellen des Glockenspiels rechtfertigen“, schreibt die Initiative Mitteschön. Ein Blick auf die Liste offenbart zahlreiche offene Fragen, die nun genauer wissenschaftlich betrachtet werden.

Die Liste von Mitteschön mit allen Widmungen finden Sie hier.

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