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Potsdam Die Drahtzieher aus dem Großen Waisenhaus
Lokales Potsdam Die Drahtzieher aus dem Großen Waisenhaus
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00:27 29.08.2015
Museumsleiter René Schreiter zeigt „Epauletten“ mit spiralförmigem Silberdraht. Sie stammen von den Schultern einer Majors-Uniform des 3. Garde-Ulanen-Regiments um 1850. Quelle: Christel Köster
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Wie sähe unser Leben ohne Drähte aus? Mit Büroklammern, Kabeln, Fahrradspeichen und Sprungfedern in einer Matratze würde auch eine Menge Bequemlichkeit des Alltags verschwinden. Auch in Potsdam wurden früher feinste Drähte hergestellt – aus Silber und Gold. Zum „Tag des Offenen Denkmals" am 13. September lädt die Stiftung Waisenhaus zu einer kleinen Sonderausstellung über die „Drahtzieher“ der Potsdamer Gold- und Silbermanufaktur ein. „Handwerk hat (nicht immer) goldenen Boden“ nennt sich die vom Leiter des Waisenhausmuseums René Schreiter erarbeitete Schau.

Das Waisenhaus war Quelle billiger Arbeitskräfte

Seit seiner Gründung 1724 vermittelte das Militärwaisenhaus Kinder an externe Manufakturen, damit diese auf königlichen Wunsch eine Ausbildung erhielten. Sie arbeiteten in der Gewehrfabrik und den Wollmanufakturen, lernten das Schuster-, Schneider- und Fleischerhandwerk. „In Realität war das Waisenhaus eine Quelle billiger Arbeitskräfte im aufblühenden Frühkapitalismus“, stellt Schreiter klar. Wann genau die Ausbildung einzelner Kinder zu „Drahtziehern“ begann, ist unklar.

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Spätestens 1763 wurde aber ein Vertrag des Waisenhauses mit dem Berliner Hofjuden Veitel Ephraim geschlossen, der Inhaber der Berliner Gold- und Silbermanufaktur war. „Er schloss einen Kontrakt, wonach hier eine Gold- und Silbermanufaktur zum Drahtziehen eingerichtet wird, in der jährlich 30 Knaben ausgebildet werden sollten“, erzählt Schreiter.

Die Manufaktur befand sich im heutigen Naturkundemuseum

Diese Werkstatt befand sich im Erdgeschoss und den Kellerräumen des heutigen Naturkundemuseums in der Breiten Straße. Ephraim zahlte Lehrgeld und Miete an das Waisenhaus. Die Lehrzeit dauerte mindestens sieben Jahre, tatsächlich wohl eher neun, weil zu Beginn der Ausbildung die Knaben parallel die Schule besuchten. Der Vertrag sah neben dem Unterricht täglich mehr als sechs Stunden Arbeit als Drahtzieher vor.

Die Löcher eines „Zieheisens“ bestimmen die Form des Drahts. Mit viel Kraft wurde das Metall dort hindurch gezogen. Schon damals war es technisch möglich Drähte mit einem Durchmesser von einem Zehntel Millimeter zu ziehen. Quelle: Christel Köster

Die Arbeit war mühsam, das Prinzip dagegen recht einfach: Das Metall wurde durch immer kleiner werdende Löcher immer feiner und länger gezogen. Ein Zehntel Millimeter Durchmesser war damals technisch möglich. Bis 1806 wurden in Potsdam Drahtzieher ausgebildet, dann wurde die Manufaktur geschlossen.

In einer Vitrine sind historische Zieheisen und auch die Schulterstücke einer Garde-Uniform zu sehen. Diese Leihgaben stammen vom Berliner Ralf Maehnel. „Er hat herausgefunden, dass seine Vorfahren Drahtzieher im Potsdamer Waisenhaus gewesen waren. Sie gehörten ab 1763 zu den ersten Auszubildenden“, sagt Schreiter.

Installation zur heutigen Bedeutung von Drähten im Alltag

Eine große Raum-Installation mit Drähten der Gegenwart, die Besuchern die Bedeutung von Drähten im Alltag vor Augen führen soll, ergänzt die Ausstellung. Die negative Bedeutung des Drahtziehers, der im Hintergrund die Fäden zieht, stammt übrigens nicht aus diesem Handwerksberuf. „Das kommt von den Marionettenspielern“, weiß Schreiter.

Besucherinformation: Die Ausstellung wird im barocken Treppenhaus des Waisenhauses (Lindenstraße 34) vom 13. September bis 9. Oktober gezeigt. Geöffnet ist wochentags von 8 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

Am Tag des offenen Denkmals am 13. September finden um 11, 13 und 15 Uhr Kuratorenführungen statt.

Von Peter Degener

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