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Potsdam Die Geschichte des Schachtürken – und wie er angeblich nach Potsdam kam
Lokales Potsdam Die Geschichte des Schachtürken – und wie er angeblich nach Potsdam kam
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14:00 20.04.2019
So stellte sich Kammerherr Joseph von Racknitz die Schachmaschine vor – und lag damit nicht so falsch.
So stellte sich Kammerherr Joseph von Racknitz die Schachmaschine vor – und lag damit nicht so falsch. Quelle: MAZ-Repro (von Racknitz)
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Potsdam

Die Geschichte des Schachtürken, dieses scheinbar ersten Schachautomaten der Welt, ist eine voller Legenden, vager Behauptungen und Munkeleien. Doch vor allem ist sie die eines Bluffs.

Sie beginnt, als ihr Erbauer, der Erfinder und Ingenieur Wolfgang von Kempelen seinen wundersamen Apparat vor 250 Jahren zum ersten Mal am Wiener Hof vorführt. Vor den Augen der Habsburger-Kaiserin Maria Theresia rollt Kempelen einen 1,20 Meter hohen Holzkasten in den Raum. Daran sitzt eine menschengroße, geschnitzte und mit Turban und orientalischem Kaftan ausstaffierte Figur – vor einem Schachbrett.

Ein Automat, der Schach spielt

Der Figur verdankt der Schachtürke seinen Namen – und wohl auch einen Teil seiner Berühmtheit. Denn türkische Kleidung, türkischer Kaffee und osmanische Musik sind die angesagte Mode der Zeit am Hof – und was en vogue ist, erzeugt Aufmerksamkeit.

Seinen Legendenstatus aber verdankt der Türke einem Clou. Denn der Automat kann gegen menschliche Gegner Schach spielen. Eröffnet ein Kontrahent die Partie, dann hebt sich unter mechanischem Surren die linke Hand des Holzwesens, bewegt sich über das Brett und versetzt eine eigene Figur.

Zahlreiche Autoren zerbrechen sich den Kopf über die Funktionsweise der Maschine

Sein Erbauer steht dabei meterweit von seiner Maschine entfernt. Nur ab und an tritt er an den Apparat und zieht das mechanische Uhrwerk auf, das er jedem Interessierten durch eine von drei Türen an der Frontseite der Maschine zeigt.

Da der Automat zudem noch ausgesprochen gut Schach spielt und zahlreiche Gegner schlägt, wächst das Interesse an der Maschine immer weiter. Zahlreiche Autoren schreiben Aufsätze und ganze Abhandlungen darüber, wie der Apparat funktionieren und scheinbar eigenständig handeln kann. Etliche suchen den Trick, keiner aber lüftet das Geheimnis.

Der Ruhm des Automaten reicht soweit, dass immer wieder Herzöge und Fürsten nach Wien reisen um den Schach spielenden Automaten zu sehen. Das bleibt auch Maria Theresia nicht verborgen, an deren Hof Erfinder Kempelen als Ingenieur angestellt ist. Im Jahr 1783 schickt sie ihn auf Europatournee. Mit Familie, Diener und dem Automaten im Gepäck reist Kempelen zunächst nach Paris, dann nach London und auf dem Rückweg durch zahlreiche deutsche Städte.

Eine Geschichte voller Legenden

Doch hier beginnen die Legenden – und viele halten sich bis heute. Eine der berühmtesten besagt, dass Kempelen auf seiner Tour auch in Potsdam und Berlin Station machte – und seine Maschine gegen Friedrich den Großen spielen ließ. Der soll im Anschluss der Partie so fasziniert gewesen sein, dass er Kempelen für viel Geld die Maschine abkaufte – um das Geheimnis des Apparates zu erfahren.

Eine andere Geschichte erzählt, dass Napoleon Bonaparte in seiner Zeit in Potsdam gegen den Türken spielte. Ein ehemaliger Diener des französischen Kaisers schreibt in seinen Memoiren sogar von einer Partie in Wien, bei der Napoleon versuchte den Automaten zu täuschen.

Napoleon hat niemals gegen den Apparat gespielt

Wahr ist aber wohl keine dieser Geschichten – auch wenn die Mär des Automaten in Potsdam es bis in den deutschen Wikipedia-Artikel geschafft hat. Historiker Jürgen Luh, der das Research Center Sanssouci für Wissen und Gesellschaft in Potsdam leitet, ist sich da sicher. „Keiner der beiden hat je gegen den Automaten gespielt“, sagt Luh. „Friedrich der II. war ein Monarch von Gottes Gnaden. Er hatte keine Freunde, nur Bekannte, die in der Hierarchie unter ihm standen. Die Blöße gegen die Maschine zu spielen und dabei möglicherweise zu verlieren, hätte er sich nie gegeben“.

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Zudem habe Friedrich der Große gar kein Schach gespielt. Napoleon habe das Spiel sogar gehasst. „Die Erzählungen des Dieners von der Partie Napoleons in Wien sind frei erfunden“, sagt Luh. Alle dieser Legenden aber befeuern den Mythos der Maschine.

Gesichert ist nur, dass Wolfgang von Kempelen auf seiner Rückreise aus London mit seinem Automaten in Leipzig und Dresden Halt machte – und ihn einem Schausteller gleich der Öffentlichkeit vorführte. Dort studierte der sächsische Kammerherr Freiherr Joseph Friedrich zu Racknitz die Maschine und schrieb im Anschluss die wohl detaillierteste Analyse der Funktionsweise des Türken. Fünf Theorien entwickelt Racknitz in seinem Aufsatz „Über den Schachspieler des Herrn von Kempelen“. Jede einzelne verwirft er im Anschluss. Trotzdem kommt er dem Geheimnis so nahe wie niemand zuvor.

Des Rätsels Lösung

Gelüftet aber wird es erst wesentlich später. 1857 beschreibt Silas Weir Mitchell, der Sohn des letzten Besitzers die Funktionsweise. Und tatsächlich passt ein kleiner Mann in die Maschine, der sich in verborgenen Hohlräumen im Inneren versteckt.

Er verfolgt das Spiel auf der Oberseite durch Magnete in den Figuren, die immer wenn sie versetzt werden, kleine metallene Springfedern, auf der Unterseite des Kastens anziehen. Die entsprechenden Züge überträgt er auf ein Brett vor sich und bewegt dann über einen Hebelmechanismus die Hand des Türken für seinen eigenen Zug.

Der Bluff ist perfekt durchdacht und meisterhaft konstruiert. Doch sein Erfinder ist da schon lange tot. Wolfgang von Kempelen erfindet neben dem Schachtürken auch eine Sprechmaschine und die erste Schreibmaschine für Blinde. 1804 stirbt er in Wien.

Der Automat schafft es bis nach Amerika

Kempelen erlebt nicht mehr mit, wie der Automat in den Besitz des Konstrukteurs Johann Nepomuk Mälzel übergeht – und seine letzte große Reise antritt. Mälzel fährt mit dem Schachtürken nach Amerika, stellt ihn aus, verdient sich mit den Eintrittspreisen seinen Lebensunterhalt.

In Amerika fasziniert die wundersame Maschine die Menschen wie zuvor in Europa. In Amerika sieht der Schriftsteller Edgar Allen Poe den Automaten und widmet ihr den Essay „Mälzels Schachspieler“. Und in Amerika endet auch die Geschichte des Schachtürken. Bei einem Feuer in Philadelphia verbrennt der Automat 1854. Wer ihn von innen gesteuert hat, bleibt sein letztes Geheimnis.

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Von Ansgar Nehls