Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam „Die Mauer war das größte Kondom“
Lokales Potsdam „Die Mauer war das größte Kondom“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:16 01.05.2018
Uwe Fröhlich (Bündnis 90/ Die Grünen) hat seine Homosexualität in der DDR ausgelebt und darüber mit den Studenten gesprochen. Quelle: Christin Iffert
Anzeige
Potsdam

Vor dem Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam ist die Flagge gehisst. Regenbogenleicht weht sie im Wind. Sie ist ein Zeichen für Offenheit und einen queeren Blick im Universitätsleben.

Neun Studierende der Uni haben sich im vergangenen Semester mit dem Thema „Queere Stadt- und Regionalgeschichte“ beschäftigt und eine kleine Ausstellung erarbeitet, die nun im Foyer des Griebnitzsee-Campus während des 25. Jubiläums des CSD in Potsdam noch bis Himmelfahrt in der kommenden Woche während der Campusöffnungszeiten zu sehen ist. Aufgearbeitet wurden Geschichten aus der Region Berlin und Brandenburg verschiedener Sexualitäten in unterschiedlichen Epochen und deren Einfluss auf die Entwicklung – von der Zeit Friedrichs des Großen bis zur DDR.

Anzeige
Gregor Heide und Bastian Brombach hissen vor dem Griebnitzsee-Campus die Regenbogenflagge. Quelle: Christin Iffert

In der Geschichtsforschung gebe es Leerräume zu Lebensaspekten, Handlungsmöglichkeiten und Zwängen diverser Sexualitäten: „Dabei liegt die Substanz in Brandenburg vor der Haustür“, sagt Masterstudent Bastian Brombach. Der 28-Jährige hofft, dass das Seminar Ansporn für nachfolgende Studierende ist. „Die queere Perspektive in der Geschichte fehlt uns an der Uni. Dabei gab es immer Prozesse der Sexualität, die sie beeinflusst haben“, sag er.

Sexualität als Lebensunsicherheit

Der Potsdamer Stadtverordnete Uwe Fröhlich hat als Zeitzeuge in der Uni mitgewirkt. Als Jugendlicher merkte er, dass etwas anders war. Er fühlte sich zu Männern hingezogen. Mit 17 machte er seine erste Erfahrung. „Ich wollte es nicht wahr haben, negierte die Erfahrung, weil ich dachte, dass sei nicht normal“, sagt der 54-Jährige heute. Diese „Lebensunsicherheit“ begleitete ihn fast ein ganzes Jahrzehnt. Immer wieder testete er aus, ob seine Neigung zu Männern richtig ist.

Die Freizügigkeit, die man der DDR gerne unterstellt, sieht er anders. Offenheit gab es in Richtung Nacktbaden, sagt er. Was aber die offene Sexualität anging, war man damals. „Besonders, wenn es eine andere Art der Sexualität wie die Homosexualität war“, erinnert er sich. Die spielte sich in Nischen ab, „in einer doch subkulturellen Ecke.“ Tabuisierung nutzt Fröhlich immer wieder als Wort, dass die Situation gut umschreibt. „Die Mauer war das größte Kondom, das wir hatten“, sagt der ehrenamtliche Kommunalpolitiker, der heute Stadtpolitik für Bündnis 90/Die Grünen mitgestaltet.

Homosexuelle wurden in der DDR von der Stasi überwacht

Damals gründete er mit Gleichgesinnten die Gruppe für Homosexuelle in Potsdam. 1985 war das, als sie sich hinter verschlossenen Türen in der Friedenskirche in Babelsberg trafen. „Plötzlich wusste man, dass man nicht allein war“, erinnert sich der 54-Jährige. In einer Stadt, die zu jener Zeit rund 120000 Einwohner zählte, beschreibt Fröhlich die gleichgeschlechtliche Liebe als Randphänomen, zahlenmäßig gering vertreten. Und die, die da waren, fuhren zum größten Teil nach Ostberlin in die Anonymität, um Sexualität ausleben zu können.

Erst 1988 wagten sie sich in die Öffentlichkeit, die Gruppe wurde zur Homosexuellen Initiative und die Treffen in das Babelsberger Kulturhaus verlagert – unter ständiger Kontrolle der Staatssicherheit. Zwischenzeitlich, das konnte Fröhlich seiner Stasi-Akte in den 90ern entnehmen, seien 20 IM auf ihn angesetzt worden. Es gab zwar in der Zeit, in der die Strukturen zunehmend aufgelockert wurden, keine Strafverfolgungen, aber Benachteiligungen.

Die Gesellschaft ist offener, aber ...

Noch nach der Wende galten Homosexuelle in den frühen 90er-Jahren als krank. Man brachte sie mit HIV in Verbindung. Heute sei die Situation eine andere. „Die Drucksituation, in der wir in den 80er und 90er Jahren waren, ist überwunden. Es ist eine gewisse Verbürgerlichung eingetreten, weil Homosexuell inzwischen normaler geworden ist“, sagt Fröhlich. Und aus der Initiative wurde das „Homosexuellen Integrationsprojekt Potsdam HIP“.

Die Gesellschaft sei inzwischen in Deutschland offener. Doch es gibt ein Aber. Noch immer gibt es Taburäume. In manchen Stadtteilen oder im ländlichen Raum sei es für Menschen oft befremdlich, wenn Schwule oder Lesben Hand in Hand gingen. Eine offene Gesellschaft braucht Aufklärung. „Da haben wir noch viel zu tun.“ Allein, dass Homosexualität oder auch andere sexuelle Strömungen wie Transsexualität in 80 Prozent der Länder weltweit Verfolgungsgrund seien, sollte wach rütteln, meint Fröhlich. Die Stigmatisierung und die Menschenfeindlichkeit dürfe es nicht mehr geben. Er bezeichnet sie als Gefahr für die Gesellschaft.

Das Coming Out hat sich verändert

Verändert hat sich das Coming Out in den vergangenen Jahren. Es sei leichter geworden, offen über seine Sexualität zu sprechen. „Es gibt Menschen, die das reibungslos hinbekommen und diese kleine Stufe im Leben schnell überwinden“, sagt er. Doch es gebe auch jene, die sich zurück in „den Schrank verirren“, weil sie sich mit dem Druck in der Gesellschaft nicht trauen, ihre Sexualität auszuleben.

Gerade in Zeiten, in der es durch politische Einflüsse durch einen Rechtsruck etwa mit der AfD eine Rollback-Bewegung gebe, die auf das klassische Rollenmuster „Vater-Mutter-Kind“ zielt oder die katholische Kirche noch immer Homosexuelle ausgrenzt, die ihre Sexualität offen ausleben, brauche es laut Uwe Fröhlich ein Aufeinanderzugehen, ein Miteinander und den Abbau von Abgrenzung.

Universitäten brauchen einen queeren Blick in der Forschung

Dass nun auch im Unibetrieb ein queerer Blick auf die Geschichte und die Gesellschaft stattfindet, sieht Fröhlich als positives Zeichen. Zu viele Dunkelfelder gäbe es in der Forschung. Schließlich habe man Homosexuelle oftmals nicht nur als solche benannt, sondern auch als asozial, nicht willig, einer Gesellschaft anzugehören. Die Strafakten seit der Nazizeit, in der es einen Paragrafen zur Verfolgung jener gab, müssten durchleuchtet werden – bis in die DDR-Zeit, in der dieser zwar abgeschafft wurde, sexuell anders lebende aber trotzdem ins Visier des Staates gerieten.

Denn eines sei gesetzt: Studierende, die heute an der Uni sind, entscheiden schon morgen als Forscher, Rechtsanwälte und in anderen Positionen die Entwicklung der Gesellschaft entscheidend mit. Eine, die noch offener werden muss.

Programm zum CSD in Potsdam

Der Christopher Street Day findet zum 25. Mal in Potsdam statt.

Zahlreiche Veranstaltungen sind anlässlich des Jubiläums bis zum 17. Mai geplant.

Der Queens Day im Holländischen Viertel vom 5.-6. Mai wartet mit einem Starprogramm mit Travestie-Künstlern auf und liefert außerdem den Auftakt zur „Hass bringt dir nix!“-Tour.

Pornostar Hans Berlin frühstückt am 6. Mai im Rat+Tat in der Jägerallee mit den Potsdamern und spricht über HIV.

Am 13. Mai gibt es einen Trans-Spaziergang mit Treffpunkt 14 Uhr am LaLeander.

Mehr Informationen:
www.csd-potsdam.de

Von Christin Iffert

Potsdam Potsdam Innenstadt - Schlag ins Gesicht
01.05.2018