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Potsdam „Die Pflegekrise in Potsdam ist längst da“
Lokales Potsdam „Die Pflegekrise in Potsdam ist längst da“
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08:06 07.04.2017
Dirk Brigmann (42) ist der neue Geschäftsführer der Volkssolidarität in Potsdam, Potsdam-Mittelmark und Brandenburg an der Havel. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Dirk Brigmann ist der Neue an der Spitze der Volkssolidarität in Potsdam, Potsdam-Mittelmark und Brandenburg an der Havel. Die Aufgabe, die der 42-Jährige angenommen hat, ist alles andere als leicht, denn der Notstand in der Pflege ist akut, wie er sagt.

Herr Brigmann, wie stellen Sie sich Ihr Leben mit 85 vor?

85? Bis dahin ist es weit – zumal die durchschnittliche Lebenserwartung bei 78 Jahren liegt. Ich hoffe, dass ich bis dahin nicht pflegebedürftig bin und in körperlich und geistig guter Verfassung im Kreise der Familie alt werde.

Und wenn Sie auf Hilfe angewiesen sein sollten – wie sähe diese im Idealfall aus?

Für die meisten Menschen gilt: ambulant vor stationär. Eine stationäre Pflege ist auch für mich eine schwierige Vorstellung. Meine Frau ist Krankenschwester und arbeitet im stationären Bereich – ich bin ganz ehrlich: Ich sehe die stationäre Pflege als Verwahrungsanstalt. Sicher, man kann sich auch teuer einkaufen und es dann schön haben. Aber man sieht eben auch andere Einrichtungen.

Sie sind seit dem 1. Januar Geschäftsführer der Volkssolidarität in Potsdam, Potsdam-Mittelmark und Brandenburg an der Havel – sind Sie gut angekommen?

Ich bin schon mittendrin. Es ist sehr viel zu tun und ich habe keinen einzigen Tag zum Durchatmen gehabt. Die Geschäftsstelle ist mit nicht allzu vielen Mitarbeitern gesegnet. Um genau zu sein, haben wir eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft für die Mitgliederbetreuung, eine Stelle für die Personalverwaltung und zwei Stellen für die Buchhaltung – und das für mehr als 120 Mitarbeiter in unseren verschiedenen Pflegediensten und Einrichtungen. Es ist wirklich extrem viel zu tun, aber zum Glück habe ich hier ein eingespieltes Team, das mir einen leichten und guten Start beschert hat. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was genau sind denn die Aufgaben in der Geschäftsstelle?

Wir erledigen einen Großteil der Personalarbeit, das heißt wir rekrutieren und betreuen unsere Mitarbeiter. Zudem geht es um die strategische Ausrichtung des Verbandsbereichs, also um die Frage, auf welchen Geschäftsbereichen man sich engagiert. Bei uns ist das unter anderem die Pflege. Aber wir sind nicht nur für alte Menschen da. Wir haben in Eiche und in Marquardt auch einen Wohnverbund in der stationären Jugendhilfe. Dort wohnen zu Zeit unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der Wohnverbund ist ganz neu in unserem Verbandsbereich, er war zunächst auf Landesebene angesiedelt. Nun geht es um die Konsolidierung des Angebots und die Frage, was wir zukünftig machen.

In den vergangenen Wochen machte eine drohende Pflegekrise in Potsdam Schlagzeilen – angestoßen hat die Diskussion die Volkssolidarität. Wie beurteilen Sie persönlich die Lage?

Wenn Sie mich fragen – die Pflegekrise ist schon längst da und die Situation ist akut. Wir suchen ständig Personal. Das ist nicht nur bei der Volkssolidarität so, sondern im gesamten ambulanten Pflegebereich und auch bei den Heimen. Über die Gründe für diesen Notstand kann man viel philosophieren. Die Pflege erfährt nicht die Wertschätzung in der Gesellschaft, die sie verdient hat. Darüber hinaus bekommen Pflegekräfte auch zu wenig Geld und die Arbeitsbedingungen sind – vor allem im stationären Bereich – schlecht. Es werden von der Politik und der Gesellschaft hohe Ansprüche an die Pflege gestellt, aber keiner will etwas dafür tun.

Sie haben in den vergangenen Jahren in Berlin gearbeitet, wo Pfleger mehr verdienen als in Potsdam – sind Ihnen dort viele abgewanderte Potsdamer begegnet?

Dazu kann ich gar nichts sagen, denn ich habe in Berlin nicht in der Pflege, sondern für eine internationale Entwicklungshilfe-Organisation gearbeitet – die Christoffel-Blindenmission. Ich habe die Geschäftsstelle geleitet und in den neuen Bundesländern unter anderem Großspender betreut – private Personen die aus der unterschiedlichsten, oft christlichen, Motivation heraus Geld gespendet haben.

Das ist ein Kontrastprogramm – von der christlichen, von einem Pfarrer gegründeten Organisation hin zu einer nach dem Krieg gegründeten, vor allem in Ostdeutschland aktiven.

Die Volkssolidarität ist für mich der erste nicht-christliche Arbeitgeber. Zugegeben, mir fehlt ein bisschen die Ideologie – das Entscheidende ist aber das Aufgabengebiet. Der christliche Glaube ist mir sehr wichtig, aber man kann christliche Werte überall vertreten und zum Beispiel in die Mitarbeiterführung einfließen lassen und in die Art und Weise, wie man anderen Menschen begegnet.

Wo begegnet man denn alten, pflegebedürftigen Menschen so, wie Sie es sich vorstellen? Wo läuft es besonders gut? An wem in der Welt kann man sich ein Beispiel nehmen?

Die Volkssolidarität ist kein kleines Licht. Wir müssen uns nicht verstecken. Was unsere Mitarbeiter in den Pflegediensten leisten, ist qualitativ hochwertig und mit der nötigen Wertschätzen den Patienten gegenüber. Unsere Pflegearbeit befindet sich auf einem sehr guten Niveau. Natürlich lohnt es auch im Bereich Pflege, die skandinavischen Länder zu betrachten.Dort hat man eine ganz andere Auffassung von Pflege, die Pflegeberufe sind höher geachtet als in Deutschland, die Ausbildung dauert länger, die Gehälter sind besser.

Wie könnte eine Lösung für Potsdam aussehen?

Eine Lösung wäre, die Bezahlung anzupassen, dass uns das Personal nicht weiterhin nach Berlin abwandert. Das ist sicher nicht die Komplettlösung – aber irgendwo muss man anfangen. Ändern muss sich in der Pflege grundsätzlich vieles – man darf auch nicht vergessen, dass wir von einem körperlich schweren Beruf reden – wer schafft das schon bis zur Rente?

Was haben Sie sich für Ihr erstes Jahr auf dem neuen Posten vorgenommen?

Eine gute Frage – ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mir einen richtigen Plan zu machen. Auf jeden Fall geht’s darum, den Potsdamer Pflegedienst und Wohnverbund zu stabilieren, das heißt Personal zu finden und zu binden. Auch die Arbeit mit Ehrenamtlichen ist von großer Bedeutung. Aktuell suchen wir ehrenamtliche Helfer für unsere Kontakt und Beratungsstelle für Menschen mit Demenz. Dann würde ich gerne das, was wir leisten, sichtbarer machen. Zum Beispiel ist unsere Internetpräsenz ein großes Thema für mich. Aber wir brauchen auch Broschüren und Flyer – eben alles, was die Öffentlichkeitsarbeit betrifft. Da müssen und werden wir viel Arbeit und Mühe reinstecken.

Sie leben seit 2007 in Potsdam – was gefällt Ihnen besonders gut an der Stadt?

Das Wasser. Ich stamme zwar aus Thüringen, aber die Berge liegen mir nicht sonderlich. Immer, wenn ich aus der alten Heimat zurück nach Potsdam komme, die weite Landschaft und all das Wasser ringsum sehe, atme ich auf.

Sie sind jetzt 42 – können Sie sich vorstellen, hier alt zu werden?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich fühle mich gern frei. Ich kann mir jederzeit vorstellen, woanders zu wohnen, auch in anderen Ländern. Die Frage ist, ob das auch die Kinder wollen – und die wollen gerade nicht. Aber wer weiß, wo es mich und meine Frau hintreibt, wenn sie einmal groß sind.

Zur Person

Dirk Brigmann wurde 1974 im thüringischen Ilmenau geboren, wo er auch aufgewachsen und zur Schule gegangen ist.

Das Abitur hat er in Wernigerode auf dem Landesgymnasium für Musik abgelegt.

Das Studium hat ihn nach Berlin an die Evangelische Hochschule geführt. Sein Fach: Sozialpädagogik mit Zusatzqualifizierung in Sozialmanagement.

Gearbeitet hat Dirk Brigmann unter anderem für das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg und für die Christoffel-Blindenmission. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Von Nadine Fabian

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