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Potsdam So fährt es sich mit der neuen Straßenbahn ohne Fahrer
Lokales Potsdam So fährt es sich mit der neuen Straßenbahn ohne Fahrer
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00:21 20.09.2018
Die erste autonome Straßenbahn der Welt wird von Manfred Kienitz gefahren, Tram-Pilot seit 29 Jahren. Er sitzt hier neben dem eigentlichen Fahrersitz an einem Notpult, wo er vom manuellen Betrieb auf Automatik umschalten und bei unerkannten Gefahren eingreifen kann. Quelle: Rainer Schüler
Am Stern

Die erste autonome Straßenbahn der Welt hat ihren Pressetest bestanden. Montagmittag fuhr Manfred Kienitz (68) den Siemens-Combino des Verkehrsbetriebes ViP vom Betriebshof hinaus zur Strecke und überließ im regulären Schienennetz den Zug sich selbst. Der legte die sechs Kilometer bis zur Wendeschleife am Stern vollautomatisch zurück, erkannte jede Ampel, jedes Signal, jede Kreuzung, jeden Schienenübergang, alle Wartenden an den Haltestellen, Bäume, Büsche und Geländer, beschleunigte und bremste von allein und klingelte warnend jeden an, der dem Kollisionsbereich zu nahe kam.

Die Kameras und Scanner schauen nach vorn und zur Seite, erkennen alle Hindernisse. Der blaue Balken zeigt, wie weit nach vor auf dem Gleis die Kameras schauen. Auch das Geländer der Haltestelle rechts vorn ist zu sehen und wo sich Menschen aufhalten und bewegen. Quelle: Rainer Schüler

 

Lediglich die Ausfahrt vom Betriebshof in der Fritz-Zubeil-Straße und die Wiedereinfahrt sowie eine Weichenstellung in der Wendeschleife musste Kienitz von einem Not-Steuerpult aus per Hand erledigen. Das ist für die Tests neben dem Fahrersitz eingebaut; der Fahrer hat keinerlei Kontakt zu den üblichen Steuerelementen, aber eine kleine Bildschirmansicht von der Strecke vor sich.

Kienitz findet das „spannend“ und „superbequem“. Er fährt seit 29 Jahren Straßenbahnen jeden Typs und ist inzwischen Rentner. Abwechselnd mit einem Kollegen hat er mehr als 450 Testfahrten mit dem Zug Nr. 400 gemacht, dem Prototypen der Potsdamer Combinos, benannt nach der italienischen Partnerstadt Perugia. Der wurde 1996 in Dienst gestellt und läutet nun ein dramatisch neues Zeitalter der Personenbeförderung ein, denn Straßenbahnen gelten innerstädtisch als effektivstes Transportmittel überhaupt, müssen sich aber den in Potsdam sehr beengten Straßenraum mit Bussen, Autos, Lastern, Fahrrädern und Fußgängern teilen.

Auf die innerstädtischen Strecken lässt man den Automatik-Zug deshalb noch nicht. Er hat auch keine „digitalen Augen“ nach hinten und könnte deshalb zum Beispiel an der Endhaltestelle Glienicker Brücke nicht allein in ein Wendedreieck und dort rückwärts wieder raus fahren.

Die Teststrecke mit ihren Hindernissen. Quelle: Rainer Schüler

 

„Das ist ferne Zukunftsmusik“, sagt Ivo Kühler, Projektleiter beim ViP: „Hier werden die Assistenzsysteme erstmal getestet. Auch wenn es so schnell keine autonome Straßenbahn gibt, kann man diese Fahrassistenten schon in herkömmlichen Fahrzeugen einsetzen. Bei den Neubestellungen machen wir das.“ Köhler zufolge sind dadurch schwere Unfälle vermeidbar und Unfallfolgen zu begrenzen. Vor allem linksabbiegende Kraftfahrzeuge machen dem ViP zu schaffen. Sie fahren rechts neben den Bussen und Straßenbahnen her und vergessen sie, wenn sie vor ihnen links abbiegen.

3000 Testkilometer hat „Perugia“ seit dem Frühjahr zurückgelegt. Davor war im Herbst 2017 eine alte Tatra-Straßenbahn unterwegs, um die Strecke mit all ihren Gegebenheiten zu erfassen. Jetzt ist „Perugia“ bereit für die internationale Verkehrsmesse InnoTrans, die am Dienstag in Berlin eröffnet wird.

Das Interesse der Fachwelt werde gewaltig sein, sagte Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs am Montag voraus; es werde eine Shuttle-Verbindung in die Landeshauptstadt von Brandenburg geben, die zur Lösung ihrer Verkehrsprobleme auf innovative Lösungen angewiesen sei.

Die Bahn hat neun Kameras an der Vorderfront und den beiden Fahrerseiten, dazu drei Laserscanner. Die derzeit noch kommodengroße Rechnereinheit, die zwei Sitzplätze einnimmt und künftig deutlich kleiner konstruiert wird, vereint Kamera- und Scannerbilder und wirft ein buntes Konturenbild der Gegenstände auf den Bildschirm. Menschen sind darauf zu sehen, bevor die Echtzeitbilder der optischen Kameras sie zeigen. Je nachdem, wie nahe Menschen oder Tiere dem Gleis und der Tram darauf kommen, werden sie als Gefahrenpunkte angezeigt; der Rechner muss entscheiden, ob er die Bahn anhält deswegen. Das passiert dann nicht abrupt, sondern mit der üblichen Bremsgeschwindigkeit: Bei 50 Stundenkilometern braucht die Combino etwa 80 Meter, bis sie steht.

Die Kameras und Scanner nehmen alles wahr, was nicht höher liegt oder fliegt als 1,50 Meter und mindestens so groß ist wie eine Katze. Ein Vogel oder umher segelnde Blätter würde das System ingnorieren und nichts ändern an der Route.

Die erste autonome Straßenbahn der Welt. Quelle: Rainer Schüler

 Nun, Blätter fallen nicht an diesem Montag, als Kienitz, noch per Hand, den Zug hinaus fährt auf die reguläre Strecke zum Stern. Gleich hinter der Zwei-Richtungs-Weiche schaltet er auf autonom und nimmt die Hände vom Notpult. Die Bahn fährt von nun an ganz allein; man spürt keinen Unterschied zum Normalverkehr. An den Haltestellen bremst sie, auf 40 Zentimeter genau. Wer zu dicht dran ist, wird von der Automatik-Klingel unüberhörbar ermahnt, und natürlich ist auch das Abfahrklingeln programmiert, falls die Kameras dem System signalisieren, dass niemand mehr außen an den Türen ist. Rote und grüne Ampeln erkennt die Bahn und reagiert entsprechend. Kreuzende Autos und Menschen werden vom System erfasst, und es rechnet blitzschnell durch, ob ein Zusammenstoß zu fürchten ist.

Seit Monaten laufen Tests mit der ersten autonomen Straßenbahn der Welt in Potsdam. Hersteller Siemens hat den ersten Combino-Zug des Verkehrsbetriebes Potsdam mit Kameras und Scannern bestückt.

 

Als die Bahn die Neuendorfer Straße passiert, „hirscht“ ein Auto von der rechten Trambegleitseite links vor der Bahn über die Kreuzung in Richtung Kirchsteigfeld. Ivo Köhler hält kurz die Luft an ob des Kollisionskurses, den die Bahn fährt, doch der Eindruck auf dem für die Presse aufgebauten Bildschirm trügt: Die Kamera ist im Fernsicht-Modus und hat die Bilder rangezoomt. Auch die Scanner sind weitblickig: 100 Meter vor sich tasten sie ab.

Auch bei einem Kinderwagen auf dem Gleis am Kepplerplatz zucken die Reporter in der Tram zusammen, weil „Perugia“ mit Tempo 50 darauf zu hält, doch das Mädchen hat eine rote Warnweste an und gehört zu Siemens. Die Kamera erfassen sie, und weil das Mädchen nicht weicht vom Übergang, stoppt sie auch. Test bestanden.

Ein Video von der Fahrt der „Geisterbahn“ sehen sie unter maz-online.de

Von Rainer Schüler

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