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Potsdam Die verlorene Villa des Plakatmalers
Lokales Potsdam Die verlorene Villa des Plakatmalers
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00:21 06.02.2019
Im Bahnhof Babelsberg mehrere Filmplakate von Josef Fenneker
Im Bahnhof Babelsberg mehrere Filmplakate von Josef Fenneker Quelle: Friedrich Bungert
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Babelsberg/Am Stern

Eine Reihe von Filmplakaten hängt in einer Bahnhofshalle. Der Grafiker Josef Fenneker beobachtet die Menschen auf dem Weg zu den Gleisen. „Alles hastet in die U-Bahn, doch jeder wird von dieser großzügigen Reklame gepackt. Während das Fahrgeld aus der Tasche geholt wird, erfasst der Blick das Bildplakat. Ich ziehe Bilanz: also gute Wirkung, denn der Effekt ist in ganz kurzer Zeit, nämlich im Vorbeigehen, erreicht worden“, schreibt Fenneker über seine Beobachtung am Potsdamer Platz in Berlin im Jahr 1934.

17 Filmplakate erinnern im Bahnhof Babelsberg erinnern an Fenneker

Wer heute den S-Bahnhof Babelsberg betritt, kann in der Eingangshalle nahe des Thalia-Kinos ähnliche Beobachtungen machen. Seit einigen Wochen hängen dort in historischen Holzrahmen über den gekachelten Wänden insgesamt 17 prächtige Filmplakate aus Fennekers Hand und erinnern an seine kunstvollen Werke im Stil des Art Déco.

Seit kurzem wird im S-Bahnhof Babelsberg mit historischen Filmplakaten aus der Weimarer Zeit an Josef Fenneker erinnert, der mit seinem Art-Déco-Stil viel Erfolg hatte.

Im Winter 1919 begann seine Karriere in Berlin

Josef Fenneker wurde 1895 in Bocholt im Münsterland geboren, seine Karriere begann im Winter 1919 in Berlin und führte ihn auch nach Babelsberg. Vor genau 100 Jahren nahm ihn der Geschäftsführer des „Marmorhaus“-Kinos am Berliner Kurfürstendamm unter Vertrag – eines der renommierten Premierenkinos dieser Tage. Für das Marmorhaus schuf er in wenigen Jahren Plakate für über 144 Filme – nicht nur für Streifen aus der hiesigen Filmstadt, sondern auch zur Bewerbung internationaler Filme. In seiner gesamten Schaffenszeit gestaltete Josef Fenneker neben Bühnenbildern für Theateraufführungen und Opern fast 400 Plakate.

Josef Fenneker (1895-1956) Quelle: Stadtmuseum Bocholt

In der Nähe des Jagdschlosses Stern ließ Fenneker sein Haus errichten

Die Nähe zu den Filmstudios und den deutschen Kinostars bewog Fenneker sich ebenfalls in Neubabelsberg niederzulassen. Während mit der dauerhaften Plakate-Schau der S-Bahn im Bahnhof Babelsberg nun wieder an Fenneker erinnert wird, ist von seinem Atelier- und Wohnhaus jede Spur verschwunden – dabei stand die eingeschossige Villa noch bis vor wenigen Jahren. Es wusste nur niemand, wo.

Hinweis der MAZ war Auslöser für Frage der Denkmalpflege

Ein Hinweis der MAZ auf die Otto-Haseloff-Straße war jetzt der Auslöser für die Potsdamer Denkmalpflege zur Lösung des Rätsel. „Der damalige Postbezirk Neubabelsberg war viel größer, als was wir heute darunter verstehen. Er reichte bis in das heutige Wohngebiet Am Stern “, sagt Denkmalpfleger Jörg Limberg.

So befand sich das eingeschossige, luxuriös mit Marmorbad und Kamin ausgestattete Haus Fennekers nicht in der Nähe des Griebnitzsees, sondern in der damaligen Prinz-Heinrich-Straße am Jagdschloss Stern umgeben von einem 3500 Quadratmeter großen Garten.

Mit seiner großen Fensterfront nach Süden wurde Fennekers Atelierhaus nach der Erbauung 1930 in einer Berliner Illustrierten präsentiert. Quelle: privat

Das Haus stand bis 2016 noch fast unverändert da

„Ich habe mich jetzt dort umgesehen und bin auf einen Anwohner gestoßen, der dort seit 70 Jahren lebt. Er erinnerte sich an das Haus mit den großen Atelierfenstern“, erzählt Denkmalpfleger Limberg. Doch zugleich musste Limberg feststellen, dass das Haus nicht mehr existiert. „Es stand nicht unter Schutz und wurde erst vor zwei Jahren abgerissen“, so Limberg.

Das Haus, das nach eigenen Entwürfen Fennekers und mit einem Garten aus der Hand des renommierten Gartenarchitekten Berthold Körting um 1930 errichtet wurde, ist bis zu seinem Abriss zumindest äußerlich kaum verändert worden. „Ein individuelles Atelier- und Wohnhaus ist schon als Bautyp selten und mit dem berühmten Bewohner wäre eine Eintragung als Denkmal keine Frage gewesen“, sagt Limberg.

Fenneker und seine Frau hatten das Haus seit 1949 nicht mehr betreten

Die Unkenntnis über die Existenz und Bedeutung des Hauses begründet Limberg mit der deutschen Geschichte. „In der DDR waren solche Gebäude nicht von Interesse“, sagt er. Fenneker und seine Frau Charlotte verließen im Zweiten Weltkrieg Potsdam und haben das Haus nach Gründung der DDR 1949 nicht mehr betreten. Er war bis zu seinem Tod 1956 erfolgreicher Grafiker und Bühnenbildner in West-Berlin, Stockholm und zuletzt Frankfurt/Main. Fennekers Geburtsstadt Bocholt erwarb 1960 von der Witwe seinen Nachlass und auch das Haus im anderen Teil Deutschlands.

Bis zum Abriss, der vermutlich 2016 erfolgte, hatte sich das Haus äußerlich kaum verändert. Das Foto zeigt die Nordfassade mit dem Eingang. Quelle: privat

Bocholt und Potsdam stritten sich bis 2007 um das Grundstück

Laut einem Bericht des Bocholter-Borkener Volksblatts enteignete die DDR 1983 das Grundstück, das mittlerweile von zwei Hochhäusern des neuen Wohngebiets Am Stern umgeben war. Nach dem Mauerfall erhob die Stadt Bocholt Anspruch auf Rückenteignung des Anwesens. Es wurde spätestens seit 1985 von zwei Privatleuten bewohnt, die eine Pacht an die Stadt zahlten.

2007 unterlag die Stadt Potsdam in dem Streit vor Gericht. Bocholt bekam den Park zugesprochen, die Bewohner eine kleinere Parzelle mit Fennekers Haus. 2015 versteigerte die Stadt gemeinsam mit den Bewohnern die laut Zeitungsbericht „baufällige Villa“ an einen Bocholter Unternehmer. Er ließ Fennekers Haus abreißen und einen Neubau errichten. Erst im Herbst 2018 eröffnete das Seniorenheim „Sternenblick“ auf dem Grundstück. „Es ist tragisch. Wir haben ein wertvolles Zeugnis verloren“, sagt Denkmalpfleger Jörg Limberg.

Von Peter Degener

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