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Potsdam Arm im Alter: Eine Potsdamerin berichtet
Lokales Potsdam Arm im Alter: Eine Potsdamerin berichtet
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14:57 24.05.2019
Der Blick in den Rentenbescheid ist für Frieda Meyer oft frustrierend. Ohne zusätzliche Grundsicherung könnte sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Quelle: Foto: Stefan Gloede
Potsdam

Seit Frieda Meyer* Rentnerin ist, steckt ihr ihre Tochter alle paar Wochen ein bisschen Geld zu. „Für dich Mutti“, sagt sie dann und drückt ihr zum Abschied einen Schein in die Hand. Mal zehn, meistens zwanzig, manchmal fünfzig Euro. Davon bezahlt Frieda Meyer offene Rechnungen oder kauft, wofür die Rente selten reicht. Eine neue Bluse. Ein neues Tuch. Eine Karte für ihr heiß geliebtes Kabarett.

720 Euro Rente. Das ist es, was in ihrem Fall nach 44 Jahren Arbeit übrig bleibt – so wenig, dass das Sozialamt als Grundsicherung noch rund 200 Euro oben drauf legt. Hat Frieda Meyer von den knapp 950 die 490 Euro Miete bezahlt, außerdem Wasser, Strom, Versicherungen, Internet und Telefon, bleiben ihr zum Leben knapp 300 Euro im Monat, weniger als zehn Euro am Tag.

Erniedrigende Prozedur beim Amt

Mit dem Geld kommt die 69 Jahre alte Potsdamerin zurecht. „Ich trink nicht, rauch nicht, brauch nicht ständig neue Kleider, esse bescheiden...“ Sie lächelt. „Ohne Laster, kann ich zufrieden leben.“ Nur die Sache mit dem Sozialamt... Sie seufzt und sucht einen Moment nach den richtigen Worten. „...das ist mir einfach peinlich.“ Ihre Kontoauszüge habe sie vorlegen müssen, alle Sparbücher, den Mietvertrag, private Vorsorgeunterlagen, „da kommt man sich vor wie ein Verbrecher“. Und dann dieser Ton in den Briefen, die Antrittsbesuche im Amt. Sie schüttelt den Kopf. „Das ist einfach nur erniedrigend.“

Dabei stand Frieda Meyer ihr Leben lang auf eigenen Beinen. War nie von Männern, geschweige denn vom Sozialamt abhängig. Als Fachkraft im Gastgewerbe hat sie in Potsdam mehr als 40 Jahre lang gekellnert, nebenbei zwei Söhne und eine Tochter groß gezogen. Ihre Ein-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt hat sie vor 22 Jahren gemietet. „Das ist mein Glück“, sagt sie, „denn nur mit so einem alten Vertrag kann ich mir die Miete heute noch leisten.“

Verdienst wird von Grundsicherung abgezogen

Weil sie das Nichtstun hasst, hat Frieda Meyer auch die Arbeit nie ganz aufgegeben, steht nach wie vor 14 Stunden im Monat als Kellnerin in einem Café um die Ecke. Sie nennt es „ne kleine Beschäftigung“. Denn übrig bleiben von den maximal 120 Euro Verdienst am Ende keine 30 Euro. „Den Rest ziehen sie mir von der Grundsicherung ab.“

Frieda Meyer sagt, sie sei zufrieden. „Ich bin gesund, hab meine Kinder und meine Katze Lulu, die da ist, wenn ich nach Hause komme.“ Und trotzdem: Vorgestellt habe sie sich das alles mal anders. In ihren Träumen, da war sie es, die den Kindern und Enkelkindern die Scheine zusteckt. Da hätte sie nie ein Sozialamt besucht. Und da hätte sie in der Presse mit Foto und ihrem richtigen Namen gestanden. Nun besteht sie auf Anonymität. „Ich will nicht, dass die Leute über mich tuscheln.“ Auf der Straße will sie bleiben, wer sie immer war: die Frieda, die verdammt gut alleine klarkommt.

Quote der Altersarmut lag 2016 in Potsdam bei 2,5 Prozent

In Potsdam sind es neben Kindern vor allem ältere Menschen wie sie, die von Armut betroffen sind. Das zeigt ein Blick in die jüngsten Ergebnisse des „Monitors Nachhaltige Kommune“ der Bertelsmann Stiftung. Danach lag die Quote der Altersarmut in der Stadt 2016 bei 2,5 Prozent, fast doppelt so hoch wie in ganz Brandenburg (1,3 Prozent). Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Doch der Vorsitzende des Potsdamer Seniorenbeirates, Wolfgang Puschmann, ist auch ohne Statistik überzeugt. „Das Problem der Altersarmut nimmt zu und wird noch sehr, sehr drastisch werden.“

In Gefahr sieht er vor allem die heute 50- bis 60-Jährigen. „Von denen hatten viele nach der Wende einen beruflichen Einbruch“, sagt er, „und die fehlenden Beitragsjahre werden zu deutlich niedrigeren Renten führen.“ Seine Hoffnung: Die Politik findet einen Weg, um der zunehmenden Altersarmut etwas entgegen zu setzen, den Betroffenen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Ob die Grundrente das wird leisten können? „Dazu fehlen mir die Details“, sagt er, „aber den Grundgedanken dahinter finde ich nicht schlecht.“

Plan B: Mit 69 Jahren wieder arbeiten gehen

Wer mindestens 35 Jahre gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, bekommt bei geringer Rente bis zu 448 Euro mehr im Monat – ohne Bedürftigkeitsprüfung. Das ist die Idee hinter der Grundrente. Die SPD bewirbt sie mit Slogans wie: „Aus Respekt vor der Lebensleistung“ oder „Für drei Millionen Menschen, die ihr Leben lang viel geleistet, aber wenig bekommen haben.“

Frieda Meyer gefällt das. „Weil’s gerechter wäre“, sagt sie, „und weil ich nicht mehr zum Amt müsste.“ Doch ob es klappt? Ob sich das Versprechen am Ende wirklich erfüllt? So richtig kann sie nicht daran glauben. Sie arbeitet lieber an Plan B: ein Job im Pflegeheim. „Da würde ich genug dazu verdienen, um ohne Grundsicherung klarzukommen“, sagt sie. Altersarbeit statt Altersarmut. Für Frieda Meyer eine Option.

*Name der Redaktion bekannt.

Das Konzept Grundrente

Der Gesetzentwurf für die Grundrente ist umstritten. Die Union kritisiert die Finanzierung, fordert zudem eine Bedürftigkeitsprüfung, die die SPD ablehnt.

Bei der Grundrente sollen kleine Renten künftig mit einem Zuschlag erhöht werden – und zwar automatisch. Ein extra Antrag soll nicht gestellt werden müssen.

Profitieren sollen Menschen, die 35 Jahre und mehr gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben und die Regeln für die normale Rente erfüllen.

Von Anna Sprockhoff

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