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Potsdam Klassik-Festival lässt sich von Protestlern inspirieren
Lokales Potsdam Klassik-Festival lässt sich von Protestlern inspirieren
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12:02 17.01.2020
Der Alte Fritz mit Joint wirbt für die Musikfestspiele. Quelle: promo
Potsdam

Georg Friedrich Händel starb vor gut 260 Jahren, und der Tod von Jimi Hendrix jährt sich im September 2020 zum 50. Mal.

Der Barockkomponist und der E-Gitarren-Revoluzzer kommen beim Eröffnungskonzert der Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci am 12. Juni in der Friedenskirche gleichermaßen zu Ehren.

Allein das ist eine kleine Sensation, denn das angestammte Publikum des Alte-Musik-Festivals steht bekanntlich eher auf leise, unverstärkte Töne.

Ausblick auf ein Heizkraftwerk

Intendantin Dorothee Oberlinger stellte gestern in einer ausgefallenen Location in Berlin-Mitte mit Ausblick auf ein Heizkraftwerk das diesjährige Programm des Potsdamer Musikfestivals vor, das überregional beachtet wird.

Dass es 2020 unter dem Motto „Flower Power“ steht, ist schon seit einem Jahr bekannt. Doch schmückte sich die Impresarin hier nicht mit falschen Federn? Nahm sie den Mund vielleicht zu voll?

Das Motto „Flower Power“ steht schon seit rund zwölf Monaten fest. Quelle: promo

Der Alte Fritz mit Joint

Von den Plakaten prangt ein Alter Fritz mit einem dicken Joint in der Hand. Seine Frau Elisabeth-Christine trägt eine Kette mit dem Peace-Zeichen der Friedensbewegung.

Das preußische Königspaar trägt Sonnenbrillen im John-Lennon-Stil. Allein diese Hingucker werden den Vorverkauf für die 40 Konzertformate mächtig befeuern.

Hendrix verehrte Händel

Dorothee Oberlinger erzählt, was sie auf die „Flower Power“-Idee brachte. Im Londoner Stadtteil Mayfair in der Brock Street waren Händel und Hendrix unmittelbare Nachbarn. Das Händel-Museum besorgte deshalb 2016 einen Wanddurchbruch zu Hendrix’ Appartment.

Besucher können heute sehen, welche Händel-Schallplatten bei Hendrix neben dem immer noch frisch bezogenen Bett stehen. „Freiheit hat für beide Musiker eine große Rolle gespielt, sie waren Virtuosen des freien Spiels und Stars in ihrer Zeit“, versichert Oberlinger.

Besucher können sich auf die Oper „Indian Queen“ von Henry Purcell freuen. Quelle: promo

Dramaturg Carsten Hinrichs ergänzt: „Die Alte-Musik-Szene entstand in der Hippiezeit um 1968 und verstand sich als Protestbewegung gegen die Herbert-von-Karajan-Zeit. Für ihre Experimentierfreude wurden die jungen Musiker oft belächelt, wenn sie mühsam alte Instrumente nachbauten, sich für vierteltönige Stimmungen begeisterten und beim Musikmachen ihre Darmsaiten auch mal knallen ließen.“

Vier Musiktheaterproduktionen

Die Freunde der historischen Aufführungspraxis kommen bis zum 28. Juni reichlich auf ihre Kosten. Allein vier Musiktheaterproduktionen stehen in diesem Jahr auf dem Programm.

Am 20. Juni wird mit Georg Philipp Telemanns „Pastorelle en musique“ das Schlosstheater im Neuen Palais nach sieben Jahren wiedereröffnet. Hier wird Dorothee Oberlinger selber Regie führen.

Das stand bereits fest, als bekannt wurde, dass die Blockflötistin für ihre Interpretationen der Telemann-Preis 2020 zuerkannt wird. Die Versailler Produktion „Les Arts florissans“ in der Pflanzenhalle des Orangerieschlosses und das Henry-Purcell-Opernspektakel „Indian Queen“ auf den Terrassen der Maulbeerallee versprechen Selbstläufer zu werden. Monteverdis „Orfeo“ als halbszenische „BaRock-Oper“ im Ehrenhof von Schloss Sanssouci (13. Juni) könnte durch die Mitwirkung einer Rockband auch jüngeres Publikum ziehen.

Kleine Preise für Jugendliche bis 30

Für Jugendliche unter 30 Jahren haben die Veranstalter übrigens wieder ein Kartenkontingent zu Preisen von zehn oder 15 Euro eingeplant.

Neben vielen eher elitären Veranstaltungen gibt es auch einen Termine umsonst und draußen: „Ein Fest für alle“ am 12. Juni, 21 Uhr, mit Liveacts und einem Berlin-Berghain-DJ auf den Luisenplatz.

Dorothee Oberlinger, Intendantin der Musikfestspiele Sanssouci Quelle: Stefan Gloede

Wittstock statt Woodstock

Durch die Einbeziehung besonderer Spielstätten soll die Stadtgesellschaft erreicht werden. So stehen Konzerte in den attraktiven Sälen der Max-Dortu-Grundschule und im Helmholtz-Gynasium auf dem Programm.

Im Thalia-Kino wird der Dokumentarfilm „Wittstock statt Woodstock“ laufen, verbunden mit Livemusik von ehemaligen DDR-Hippies.

Ohne Noten

An mehreren Tagen wird der Improvisation gehuldigt. Über das Musizieren ohne Noten wird es öffentliche Unterrichtsstunden geben.

Die Meisterschaft auf diesem Feld soll bei Jamsessions und einem Freejazz-Konzert auf alten wie neuen Instrumenten bewiesen werden.

„Friday for Future“ beim Fahrradkonzert

Die Ziele der aktuellen „Friday for Future“-Bewegung nimmt das Fahrradkonzert am 14. Juni überaus ernst, das von der langjährigen Musikspiel-Chefin Andrea Palent organisiert wird.

Angefahren wird diesmal auch der Wertstoffhof Drewitz, das Heizkraftwerk Potsdam-Süd und das Institut für transformative Nachhaltigkeit. Wer unterwegs einen Fruchtsaft trinken will, muss in die Pedale treten, um den Mixer anzuwerfen.

Die Musikfestspiele Sanssouci 2020 wagen ein ungewöhnliches Thema und ein buntes Programm Quelle: promo

Es gibt auch einen „Nelkensonntag“

Das „Blumenkinderfest“, wie der Veranstalter die diesjährigen Musikfestspiele tauft, ist aber ohne Potsdams idyllische Schlösser und Gärten gar nicht denkbar. Der 21. Juni wurde zum „Nelkensonntag“ ausgerufen.

Anknüpfungspunkte bieten hier Kompositionen aus Zeiten mittelalterlicher Marien-Verehrung, die Vorliebe des 18. Jahrhundert für die Düfte der Nelken und auch Lieder der Arbeiterbewegung, die sich nach dem Fahnenverbot die rote Nelke zum Erkennungszeichen wählte.

Dorothee Oberlinger hat mit dem ungewöhnlichen Thema „Flower Power“ nicht zu viel versprochen. Ihr Programm liest sich wie eine ausgewogene Komposition, die viele Perspektiven einbringt und auch Überraschendes bietet.

Programm und Karten unterwww.musikfestspiele-potsdam.de. Die Karten sind auch in der MAZ-Ticketeria erhältlich, Telefon: 0331/2840 284.

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Von Karim Saab

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