Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Hoffnung für die Hoffnungslosen
Lokales Potsdam Hoffnung für die Hoffnungslosen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:12 01.12.2018
Die MAZ-Weihnachtsaktion Sterntaler ist in Potsdam dem Büro Kindermut gewidmet – eines der vielen Projekt der Awo für Menschen in Not. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Die Nächte, in denen der Himmel leer blieb – Julia möchte sie so gern vergessen. Der Liebe wegen war sie nach Bosnien gegangen. „Aber Der-Liebe-wegen hat mich belogen, betrogen und geschlagen“, sagt Julia (31). Allein in einem fremden Land mit einem Kind unter dem schweren Herzen – da habe man keine Chance. Ein paar Mal schlief Julia draußen auf einer Bank am Busbahnhof. Keine Hoffnung.

Im Familienhaus leben 27 Kinder vom Baby bis zum Teenie

„Ich schaff das nicht.“ Wie oft hat Julia das vor ein paar Wochen noch gedacht. „Wenn ich den Kopf in den Sand stecke, wird es aber nie besser“, sagt sie heute. Seit Oktober ist Julia wieder in Deutschland. Seit Oktober lebt sie mit der zehn Monate alten Tochter in einer kleinen Wohnung im Familienhaus der Awo in Alt-Drewitz. Ihre Nachbarn sind vier Familien, neun alleinerziehende Mütter, zwei alleinerziehende Väter – und Kinder, Kinder, Kinder. 27 vom Baby bis zum Teenie.

Den Job verloren, eine Trennung vollzogen, mit der Firma in die Insolvenz geraten, zu lange zu krank geworden, durchs Raster der verregelten Gesellschaft gefallen: Jeder, der hier in einem der drei Häuser hinter dem tannengrünen Zaun Obdach findet, kann eine andere Geschichte erzählen. Gemeinsam ist allen, dass sie ihr Zuhause verloren haben und nun versuchen, wieder auf die Beine zu kommen. Dafür brauchen die einen weniger, die anderen mehr Unterstützung. Die Schnellen ziehen nach anderthalb Jahren weiter. Die meisten bleiben länger. Das hängt auch vom Immobilienmarkt ab. Je angespannter er wird, desto schwerer ist es, für die Familien etwas zu finden – desto länger bleiben sie. Eine der Familien lebt seit acht Jahren im Awo-Asyl: Die jüngsten der sechs Kinder sind hier geboren.

Die Welt lag im Vuvuzela-Fieber – Tebbis Mann lag im Sterben

„Seit ich da bin, rappelt sich alles wieder zusammen“, sagt Julia. Sie sitzt bei Tebbi auf dem Sofa, das schon da war, bevor Tebbi vor drei Wochen hier eingezogen ist. Tebbi ist 37, sie ist in Duisburg geboren, besitzt einen deutschen Pass und hat die Sprache ihrer Kindheit noch nicht ganz vergessen. Aufgewachsen ist Tebbi in Botswana. In Südafrika hat sie eine Familie und ein Unternehmen gegründet. Alles war gut. Das Haus war groß. Fünf Zimmer, Pool, Garten. Das Geschäft lief. Dann kamen der Sommer 2010 und die Fußball-WM. Die Welt lag im Vuvuzela-Fieber. Tebbis Mann lag im Sterben. Ein Betrunkener hatte nach einem Spiel seinen Wagen gerammt. Die Ärzte versuchten alles und schalteten dann die Maschinen ab. Auf Knopfdruck stand Tebbi mit drei Kleinkindern allein da.

In Großbritannien wollte sie neu angefangen. Jetzt hat sie aus Furcht vor dem Brexit die Koffer gepackt und ist mit den zwei Söhnen (12, 10) und der Tochter (9) in ihre erste Heimat gezogen. „Ich muss jetzt erst mal zur Ruhe kommen und dann einen Job finden“, sagt Tebbi. „Ach, ich bin immer so müde. Aber hier sind gute Menschen. Sie haben mich ankommen lassen, sie haben mir alles erklärt und mich unterstützt. Jobcenter, Schule – ich habe alles fertig!“ Nur ein Platz für den Ältesten – er ist seit einer Impfung behindert – fehlt.

Jedem kann es passieren, obdachlos zu werden

Zwanzig Jahre ist es her, dass die Awo das Familienhaus eröffnet hat. „Unsere 18 Wohnungen sind immer belegt“, so die leitende Sozialpädagogin Birgit Hollmann. „Die Wechsel sind fliegend.“ Wenn eine Familie geht, sagen Birgit Hollmann, ihre Kollegin und die ehrenamtlichen Helfer, man wolle sie hier nie wieder sehen – aber natürlich begleite man die Familien weiter. „Wir basteln gemeinsam an einem Stück Lebensweg“, sagt Birgit Hollmann. Sie sagt auch, dass es jedem passieren kann, obdachlos zu werden: „Und es kann ganz schnell gehen.“

Julia überlegt, wie sie ins Berufsleben zurückkehren kann. Gelernt hat sie Bäckereifachverkäuferin. „Das kann ich wohl vergessen. Welche Kita hat um 5.30 Uhr geöffnet?“ Überhaupt: ein Kita-Platz... „Alles Schritt für Schritt“, mahnt Tebbi und lacht dabei. „Wir sind starke Frauen. Wir schaffen das!“ – Hoffnung.

So können Sie helfen

Sterntaler, die MAZ-Weihnachtsaktion, sammelt Spenden für das Büro „Kindermut“ der Arbeiterwohlfahrt (Awo).

Das Büro Kindermut ist für Familien in Not da. Wenig Geld für Bildung, für gesundes Essen, für Hobbys und Ausflüge: In Potsdam leben rund 3500 Kinder in Hartz-IV-Hausalten. Die Zahl der Familien, die nicht über die Runden kommen, ist derweil viel höher. Das Büro Kindermut ist ein erster Ansprechpartner und bietet vielseitige Unterstützung. Allerdings ist bisher nur die Grundfinanzierung gesichert. Daher ist das Büro Kindermut auf Spenden und Partner angewiesen.

Bitte spenden Sie an: AWO Bezirksverband Potsdam Verwendungszweck: Sterntaler Deutsche Kreditbank Berlin BIC: BYLADEM1001 IBAN: DE71 1203 0000 0000 4821 09

Spendenquittungen erhalten Sie, sofern Sie Ihren Namen und Ihre Anschrift bei der Überweisung mit angeben.

Haben Sie Anregungen zur MAZ-Weihnachtsaktion? Möchten Sie uns die Geschichte erzählen, die Sie ganz persönlich mit Kinderarmut und dem Kampf dagegen verbindet? Dann melden Sie sich per Telefon unter der Nummer 0331/2840280 oder auch gern per E-Mail an potsdam-stadt@MAZ-online.de

Spenden für Sterntaler sammelt auch Lakritz-Kontor-Chef Dietmar Teickner an seinem Glögglich-Stand auf dem Weihnachtsmarkt „Blauer Lichterglanz“.

Von Nadine Fabian

Wie bringt man ein Bergwerk auf eine Bühne? Das Wandertheater „Ton und Kirschen“ zeigt es kurz vor der Winterpause eindrucksvoll in Werder.

01.12.2018
Potsdam Streit um zu Kita-Beiträge - Rückzahlungsanspruch droht zu verjähren

Den Potsdamer Eltern, die 2015 zu hohe Kitabeiträge gezahlt haben, droht die Verjährung des Rückzahlungsanspruchs. Träger und Elternbeirat fordern eine schnelle Klarstellung der Stadt, denn die Verzichtserklärung der Stadt halten sie für ungeeignet.

03.12.2018

Der Verein Machbarschaften bewirbt sich mit einem Konzept zur langfristigen Mietpreisbindung um ein zum Festpreis ausgeschriebenes Baugrundstück in Babelsberg. Die Stadt bricht das Verfahren ab und eröffnet es neu – zu deutlich höheren Konditionen.

05.12.2018