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Potsdam Ein Jahr Fridays for Future Potsdam: „Uns geht es zu langsam voran“
Lokales Potsdam Ein Jahr Fridays for Future Potsdam: „Uns geht es zu langsam voran“
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18:36 10.01.2020
Fridays for Future-Aktivisten zu Besuch in der MAZ Redaktion von links Anna Ducksch (16),Otto Richter (18) und Jannika Kelz (16) Foto:Bernd Gartenschläger Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Ein Jahr Fridays for Future Potsdam: Im MAZ-Interview ziehen die Aktivisten Bilanz, äußern sich zu unbesetzten Gremienplätzen – und blicken ins neue Jahr. Otto Richter, Jannika Kelz, Anna Ducksch.

Seit Monaten geht Ihr für den Klimaschutz auf die Straße und fordert, gehört zu werden. Jetzt habt Ihr in verschiedenen Ausschüssen der Stadt die Möglichkeit dazu und nutzt sie nicht. Wie wollt Ihr so die Welt verändern?

Otto Richter: Als Fridays-for-Future-Bewegung möchten wir dem Klimaschutz mehr Priorität zukommen lassen. Wir in Potsdam wollten eigentlich, dass sich dafür Experten mit dem Thema auseinandersetzen. Nicht Meinungen sollen entscheiden, sondern Fakten. Und Politiker entscheiden vor allem auf Grundlage ihrer Meinung. Unser Ziel ist es, dass endlich den Wissenschaftlern mehr Gehör geschenkt wird.

Wäre es dann nicht gut gewesen, dass Ihr in den Ausschüssen darauf hinweist?

Otto Richter: Wir hatten ja schon lange vorher ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister, Vertretern der Stadtverordnetenversammlung und Leuten aus der Koordinierungsstelle Klimaschutz. Und dieses Gesprächsformat sollte weitergeführt werden. Allerdings ist da – von beiden Seiten – der Kontakt ein bisschen eingeschlafen.

Otto Richter, 18 Jahre alt. Quelle: Bernd Gartenschläge

Wie, „eingeschlafen“?

Otto Richter: Wir hatten nach dem ersten Treffen eine E-Mail geschrieben und erläutert, wie wir uns dieses Gesprächsformat vorstellen. Unser Vorschlag war damals, dass man zu jedem Thema kleine Arbeitsgruppen bildet, in denen insbesondere Experten mitarbeiten sollen. Das wurde in der Form allerdings nicht aufgegriffen.

Trotzdem habt Ihr einen Platz in den Ausschüssen, aber Ihr habt ihn nicht wahrgenommen. Wie ist da jetzt der Stand?

Jannika Kelz: Für uns ist das immer ein bisschen schwierig, da wir keine direkten offiziellen Einladungen kriegen und deswegen nicht genau wissen, zu welchen Ausschüssen wir eigentlich gehen dürfen und wann genau die sind. Teilweise liegen sie auch in der Schulzeit. Wir versuchen schon, dass Vertreter von uns konsequent zu den Ausschüssen gehen, die sich mit Politik ein bisschen auskennen. Ich war jetzt erst mit jemandem beim Ausschuss für Klima, Umwelt und Mobilität (KUM).

Das heißt, Ihr wart im KUM-Ausschuss im Dezember. Dann gibt es ja noch den Bauausschuss. Da war aber noch niemand von Euch, oder?

Otto Richter: Da war bislang niemand.

Anna Ducksch: Wir haben die Rückmeldung bekommen, dass alle klima- und umweltrelevanten Sachen sowieso in den KUM-Ausschuss kommen. Daher ist es vor allem wichtig ist, dass wir dahin gehen.

Otto Richter: Ein Fall, für den wir auch mit einer kleinen Demonstration gekämpft haben, ist der Erhalt des Waldes in der Waldstadt. Dafür haben wir unser Rederecht im Ausschuss wahrgenommen. Das hat an der Stelle allerdings nicht funktioniert. Ich selbst war zwar nicht anwesend, habe aber gehört, dass diese Abstimmung relativ intransparent verlief. Unser Vertreter wusste zum Beispiel gar nicht, dass schon abgestimmt wurde. Er war der Meinung, die Entscheidung wäre vertagt worden. Wir kennen uns mit Politik nicht wirklich aus, viele von uns sind erst seit einem Jahr dabei, da wächst man erst langsam rein. Bei einer Demo-Organisation kann man besser inhaltlich arbeiten. Das ist eine ganz andere Geschichte als die Arbeit in Gremien.

Jannika Kelz, 16 Jahre alt. Quelle: Bernd Gartenschläger

Was würdet Ihr denn dann Menschen entgegen, die behaupten: Auf der Straße wird laut gefordert, aber in der „richtigen“ Politik sind sie dann plötzlich ganz leise?

Otto Richter: Ich würde darauf verweisen, was wir schon tun. Und dass wir uns auf jeden Fall weiterentwickeln. Und dass wir auch schon einiges in dieser Richtung erreicht haben. Wir haben im Landtag ein Gespräch geführt, sind mit Vertretern der Stadt im Gespräch und nehmen zumindest immer wieder mal auch unsere Ausschusssitze wahr, beschäftigen uns mit der Thematik. Ausschussarbeit ist immer noch freiwillig. Auch Politiker nehmen nicht jede Sitzung wahr, obwohl es für sie als gewählte Volksvertreter eigentlich Pflicht ist.

Im Gegensatz zu den Politikern habt Ihr im Ausschuss kein Stimmrecht. Demotiviert Euch das?

Otto Richter: Das ist schade, ich halte es an der Stelle aber auch für nicht gerechtfertigt, wenn eine so lose Gruppierung wie Fridays for Future, die ein Jahr lang auf die Straße geht, plötzlich groß mitbestimmen darf. Das ist schon in Ordnung, dass das den gewählten Vertretern vorbehalten bleibt.

Aber Euer Ziel wäre schon, die Plätze zu besetzen?

Otto Richter: Natürlich versuchen wir, die Möglichkeiten der Mitbestimmung auszunutzen – sofern wir die Leute dafür haben. Wir müssen dort ansetzen, wo es am effektivsten ist.

Wo ist das?

Otto Richter: Wir müssen mit den Demonstrationen den Druck aufrechterhalten. Sonst hätten wir gar nicht erst den Fuß in die Tür bekommen. Und wir müssen beobachten, welche Themen gerade auf der Agenda der Politik stehen: Was betrifft uns und wo müssen wir uns dringend zu Wort melden?

Anna Ducksch, 16 Jahre alt. Quelle: Bernd Gartenschläger

Schauen wir auf 2020. Es heißt, dass Fridays for Future in Brandenburg und Berlin seine Strategie ändern will. Künftig soll nicht mehr wöchentlich gestreikt werden. Könnt Ihr das bestätigen?

Anna Ducksch: Eigentlich nicht. In Potsdam haben wir auch nie wöchentlich gestreikt. Ich denke, wir werden hier vor allem schauen: Wo ist es sinnvoll, etwas zu machen? Welche Themen interessieren uns? Zu welchen Themen wollen wir laut werden? Jede Ortsgruppe von Fridays for Future ist autonom und darf selbst entscheiden, wie sie was angeht. Dass die Berliner Gruppe eine Zeit lang gesagt hat, dass sie nicht mehr wöchentlich streikt, hatte auch mit den Kräften und Prioritäten zu tun. Denn es ist schon viel Arbeit, vor allem das, was Berlin jede Woche geleistet hat.

Habt Ihr eine Strategie für 2020?

Otto Richter: Bei unserem Jahresrückblick im Dezember haben wir uns ausgewertet. Wir haben uns ja sehr stark entwickelt, allein was die interne Organisation angeht. Die Gruppe existiert gerade mal ein Jahr. Das Team hat sich auch verändert. Für 2020 werden wir nun ein Organisationstreffen haben. Da hoffen wir auf ganz viele neue Gesichter, die auch den Kurs für 2020 mitbestimmen sollen.

Wird Fridays for Future größer oder ist der Hype bald vorbei?

Jannika Kelz: Wir hoffen natürlich, dass wir größer werden. In Potsdam gibt es den „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz 2050“. Wir hoffen sehr, dass die Politik anfängt, diese Maßnahmen effektiv umzusetzen. Wir wollen den Druck aufrechterhalten.

Was würdet Ihr Euch von der Stadt wünschen?

Otto Richter: Die Stadt und die Experten hier vor Ort haben einen tollen Masterplan ausgearbeitet. Doch uns geht es zu langsam voran, wobei man natürlich schauen muss, was realistisch und umsetzbar ist. Bei den Maßnahmen, die umsetzbar sind, ist die Stadt aus unserer Sicht langsam in Zugzwang. Und es gibt sehr viele Aufgabenfelder, wo dringend gehandelt werden muss. Beim Fernwärmenetz zum Beispiel oder bei der Förderung erneuerbarer Energien. Und natürlich ist der Verkehrsumbau ein großes Feld.

Stichwort Jahresrückblick. Wie war das erste Jahr Fridays for Future in Potsdam?

Otto Richter: Wir sind erstaunlich schnell gewachsen. Wir haben sehr viel gelernt. Diese Erfahrung will ich nicht gegen Theorieunterricht eintauschen, den ich an einigen Tagen verpasst habe. Ich denke, dass unser Anliegen viel mehr in die Öffentlichkeit gerückt ist. Wenn ich sehe, wie akribisch etwa an der „Flotte Potsdam“ für eine freie Lastenrad-Nutzung gewerkelt wird, wie viele Leute uns ansprechen und erzählen, was sie privat tun, dann denke ich, dass wir politisch noch nicht viel bewegt haben, aber dass wir ein Umdenken angestoßen haben. Auch wenn Fridays for Future bei der Streikzahlen stagniert, denke ich, dass wir eine Grundlage geschaffen haben, auf der etwas für den Klimaschutz getan werden kann.

Was macht Ihr konkret privat?

Otto Richter: Die Standardfrage! (lacht) Ich bin 18. Ich fahre kein Auto und bin bei der „Flotte Potsdam“ aktiv, versuche Lastenräder zu Verfügung zu stellen. Ich bin auf den Demos für die Technik zuständig, deswegen probiere ich gerade aus, wie man Veranstaltungstechnik ökologischer machen kann. Zu Hause versuche ich, fair und gebraucht zu kaufen. Alles, was man im Kleinen machen kann, wird getan.

Anna Ducksch: Ich fahre immer mit dem Fahrrad und versuche, meine Familie ebenfalls dazu zu animieren. Auch versuche ich, mehr Bewusstsein für das Thema Konsum zu schaffen. In der Schule haben wir eine Nachhaltigkeits-Task-Force, in der wir uns damit beschäftigen, wie wir das Schulleben nachhaltiger gestalten können.

Jannika Kelz: Seit ich bei Fridays for Future bin, reflektiere ich mehr, wie ich lebe. Meine Eltern sind mit uns früher gern verreist, auch mit dem Flugzeug. Dafür bin ich sehr dankbar, aber in letzter Zeit denken wir öfter darüber danach, vielleicht eher an die Ostsee zu fahren. Ich bin auch Vegetarierin und fahre eigentlich überall mit dem Fahrrad hin.

Habt ihr Verständnis dafür, dass Leute Angst oder Skepsis haben, dass sie nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren dürfen oder dass ihnen etwas weggenommen wird?

Otto Richter: Verständnis habe ich erstmal für alles. Aber ich unterscheide klar: Geht es um reine Bequemlichkeit oder Gewohnheit? Oder kann jemand sich etwas finanziell nicht leisten? Das ist ein Unterschied. Ich finde: Das was man tun kann, sollte man tun – da gibt es keine Ausrede. Bei den anderen Sachen muss man gemeinsam Lösungen finden.

Anna Ducksch: Wichtig ist auch, Verständnis zu zeigen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Geht man ohne Verständnis auf die Menschen zu, sind sie nicht so offen für Lösungsvorschläge.

Wollt Ihr noch etwas loswerden?

Otto Richter: Jede Kleinigkeit hilft. Und sei es, einmal mehr aufs Fahrrad zu steigen. Oder sei es, sich in Umweltprojekte stark zu machen oder sich für freie Lastenräder zu interessieren. Und an der Stelle lade ich jeden ein, auf den Demos zu erscheinen und die eigene Stimme zu erheben.

Von Johanna Apel

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