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Potsdam Ein Supermarkt-Chef, der Kunden 50 Euro leiht
Lokales Potsdam Ein Supermarkt-Chef, der Kunden 50 Euro leiht
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00:21 01.04.2019
Siegfried Grube: Einzelhändler und bekannt als Wohltäter. Quelle: smirnova
Innenstadt

Verkäufer ist Siegfried Grube eher durch Zufall geworden. Weil er als Kind an einer schweren Augenkrankheit litt, sollte er körperlich nicht zu schwer arbeiten und seine Mutter entschied für ihn: Der Junge wird Verkäufer. Fast 70 Jahre ist das inzwischen her – und wer Siegfried Grube in seinem Rewe-Markt im Marktcenter an der Havelbucht erlebt hat, der weiß: Eine bessere Wahl hätte seine Mutter kaum treffen könne. Der Markt, das ist seine Bühne, der Einzelhandel seine Berufung. Nun wird Siegfried Grube 80 Jahre alt. Die MAZ hat ihn vorab in Supermarkt getroffen und mit ihm über Kunden, Konsum und seine Rolle als Wohltäter gesprochen.

Herr Grube, Sie sind seit fast 70 Jahren erfolgreich im Einzelhandel. Was ist Ihr Geheimnis?

Siegfried Grube: Wissen Sie, wenn Vertreter kommen, dann gucken die in die Zahlen und sagen: Läuft doch super! Aber ich sage, das sind nur die Zahlen, wir müssen den Kunden ins Gesicht schauen, spüren, ob es ihnen gut geht bei uns, ob sie zufrieden sind mit uns. Wenn ich hier bin, muss ich mindestens zwei Stunden im Markt sein, muss mit den Kunden sprechen, viele kenne ich seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Da weiß ich, wenn jemand in der Familie gestorben ist, da muss man sich mal ein bisschen unterhalten, jemanden stützen, ein bisschen aufrichten. Ich hab mal gesagt, der Kunde ist wie ein Diamant und der muss jeden Tag poliert werden, damit er glänzt.

Aber Kunden meckern doch auch, sind unfreundlich. Ist Ihnen das nicht manchmal zuviel?

Ein Kunde hat mich noch nie genervt. Man soll sich auch nie mit einem Kunden anlegen, das bringt nichts. Gar nichts. Sie müssen versuchen, ihn irgendwie runter zu holen, Lösungen aufzeigen. Wenn zum Beispiel abends jemand kommt und die EC-Karte funktioniert nicht, er hat kein Bargeld und der Automat gibt auch kein Geld raus. Dann hab ich schon oft gesagt: Wissen Sie was, ich leih Ihnen die 50 Euro, Sie bezahlen und bringen das Geld nächste Woche vorbei. Viele sind dann ungläubig und sagen: Sie können mir doch kein Geld leihen. Ich sag dann: Wissen Sie, Sie kommen hierher und Sie haben Vertrauen zu uns – und ich habe auch Vertrauen. Sie kommen wieder. Und: Es gab bisher keinen Kunden, der nicht wiedergekommen ist. Noch keiner!

Ausbildung im Konsum-Warenhaus

Aufgewachsen ist Siegfried Grube in Niemegk, gelernt hat er seinen Beruf im Konsum-Warenhaus, dem heutigen Karstadt in Potsdam.

Nach der Wende eröffnete er am 30. April 1991 im alten Marktcenter an der Breiten Straße auf nur 80 Quadratmetern den Kiezmarkt Grube.

1996 öffnete er seinen ersten Rewe-Markt in Bornstedt, 1997 den zweiten im neuen Marktcenter. Bornstedt hat er nun abgegeben.

Und trotzdem müssen Sie als Kaufmann Geld verdienen.

Das stimmt. Aber wissen Sie, wer ein Herz für seine Kunden hat und sich mit dem Geld nicht ganz dumm anstellt, der macht schon seinen Weg. Wenn ein Kaufmann nur gierig nach dem Erlös ist, vergisst er, dass er von den Menschen lebt, seinen Kunden. Zu den Kollegen sage ich immer: Wisst ihr, wir haben einen der schönsten Berufe überhaupt. Wir haben jeden Tag eine neue Bühne, erleben jeden Tag ein Schauspiel. Das Textbuch ist nicht vorgeschrieben, man weiß nicht, was kommt, was passiert und man hat immer wieder ein neues Publikum. Wenn alles gut läuft, dann ist am Ende des Tages der Beifall des Publikums das Klappern der Kasse.

Bekannt sind Sie in Potsdam aber nicht nur als Supermarkt-Besitzer, sondern auch als Wohltäter. Sie organisieren regelmäßig Spendenaktionen zum Beispiel für die Multiple-Sklerose-Gesellschaft. Und Sie sammeln regelmäßig Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Warum das alles?

Ich fühle mich der Stadt Potsdam einfach verbunden. Und ich fühle mich den Kunden sehr verbunden. Dass ich so ein gutes Leben habe, verdanke ich meinen Kunden. Da muss man ein bisschen was zurückgeben. Und deswegen engagiere ich mich auch so für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Ich möchte dazu beitragen, dass dieser schöne barocke Bau wieder entstehen kann, aber es ist eben auch eine kleine Dankbarkeit an die Kunden.

Doch gerade deswegen gibt es auch Kritik, zuletzt hat man Ihre Garnisonkirchen-Schokolade in Verbindung gebracht mit dem Nationalsozialismus. Da gab es auch eine Schokolade mit dem Kirchen-Motiv.

Das halte ich aus. Und dieser Vorwurf ist nicht nur weit hergeholt, die Berichterstattung in Ihrer Zeitung darüber hat unserer Aktion eher genützt als geschadet. Der Umsatz der Schokolade hat sich seitdem mehr als versechsfacht, viele Kunden sprechen mich darauf an und bestärken mich. Da gab es so viel positive Resonanz.

Andere in Ihrem Alter sind längst in Rente. Wann werden Ihre Kunden auf Sie verzichten müssen?

Solange ich den Kollegen noch was beibringen kann, bleibe ich, auch wenn meine Frau langsam drängt, dass ich mal kürzer treten soll. Doch ich brauch das: Jeden Morgen um halb sieben telefoniere ich noch mit dem Laden, kriege jeden Abend um halb elf die Umsätze. Doch eines Tages ist es sicherlich Zeit, mich zu verabschieden. Die Generation von Kaufleuten, der ich angehöre, die ist ja leider ohnehin schon am Aussterben.

Von Anna Sprockhoff

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