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Potsdam „Ein Viertel Holland, bitte!“
Lokales Potsdam „Ein Viertel Holland, bitte!“
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13:32 07.04.2018
In der Wendezeit entstanden diese Fotos des Verfalls. Die Ausstellung „Ein Viertel Holland, bitte!" zeigt sie in der Wilhelmgalerie. Quelle: Martin Müller
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Innenstadt

Es ereignete sich im Juni 1990, nur wenige Monate nach dem Mauerfall und noch weniger Monate vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober: Detlef Kaminski – seines Zeichens frisch gekürter Potsdamer Baustadtrat – ließ sich von seinen Mitarbeitern berichten, was so auf der Agenda stand. Unter anderem gab es da ein Hotelprojekt, aber nicht irgendeines. Das ganze große Karree zwischen Behlert-, Mittel-, Hebbel- und Kurfürstenstraße sollte nur noch als Potemkinsches Dorf erhalten bleiben – die roten Backstein-Fassaden sollten zwar stehen bleiben dürfen, doch dahinter wollte man die historischen spitzgiebeligen Gebäude total entkernen. „Da sollte ein riesiges Hotel entstehen und die Pläne waren schon weit fortgeschritten“, erinnerte sich Kaminski am Freitagnachmittag bei der Eröffnung der Ausstellung „Ein Viertel Holland, bitte!“ im Foyer der Wilhelmgalerie.

Vom Aschenputtel zur Prinzessin

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Die Schau mit vielen eindrucksvollen Fotos, die den „Aschenputtel zur Prinzessin“-Wandel im Kiez nachzeichnen, lässt den 25-jährigen Sanierungsprozess zwischen 1990 und 2015 Revue passieren. Im Holländischen Viertel galt Potsdams erste Sanierungssatzung. Die Vorbereitenden Untersuchungen dafür hatten die Stadtverordneten schon am 12. September 1990 beschlossen.

Eine Besucherin betracht einen Flyer während der Eröffnung der Ausstellung. Quelle: Martin Müller

Die Hotelpläne wurden von Kaminski im Handumdrehen begraben, stattdessen sollte Kleinteiligkeit regieren. Auch andere Ideen hatten keine Chance. Etwa jene, dass das Lapidarium der Schlösserstiftung in einen der Türme des Nauener Tores einziehen solle – heute residiert hier ein italienisches Restaurant. Und dann gab es da noch das von ihm sehr energisch abgewürgte Vorhaben, das Café Heider in eine Filiale der Deutschen Bank umzuwandeln, erzählte Ex-Stadtrat Kaminski, der 1998 wegen einer Bauaffäre zurücktreten musste und heute im Bereich Projektentwicklung und -steuerung privat tätig ist.

Bernd Rubelt (l., Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt) und Detlef Kaminski (ehemaliger Baustadtrat der Landeshauptstadt) unterhalten sich während der Eröffnung der Ausstellung in der Wilhelmgalerie. Quelle: Martin Müller

Aus der Öffentlichkeit hat er sich weitgehend zurückgezogen. Für die Eröffnung der Ausstellung, die zum Veranstaltungsreigen des Potsdamer Themenjahres „1000 Jahre und ein Vierteljahrhundert“ gehört, machte er jedoch sichtlich gerne eine Ausnahme. „Ich weiß, dass ihm das Thema sehr am Herzen liegt“, sagte Stadtmarketingchefin Sigrid Sommer, die für das Themenjahr verantwortlich ist und den Gast gewonnen hatte.

Eine Herzenssache war es auch den vielen neugierigen Besuchern der Eröffnungsfeier, einen visuellen Streifzug durch die Geschichte des Viertels zu machen. Obwohl die Aufnahmen teilweise erst 25 Jahre alt sind, scheint der zeitliche Graben zwischen den Beinahe-Ruinen der Wende-Ära und den strahlenden Häuserfassaden von heute doch ungleich größer.

Besucher betrachten Fotografien während der Eröffnung der Ausstellung „Ein Viertel Holland, bitte!" in der Wilhelmgalerie. Quelle: Müller

Auch mehrere ehemalige Kiez-Bewohner machten sich auf zur Foto-Reise in die Vergangenheit. Wolfgang Schuboth (80) entdeckte auf einem der Bilder seine Wohnung in einem Hof an der Gutenbergstraße/Benkertstraße wieder, wo er vor vielen Jahrzehnten gewohnt hatte. „Die Toilette war eine Treppe tiefer“, erzählte der ehemalige Drucker über die nicht gerade fürstlichen Wohnbedingungen.

Es gab 50 Prozent Leerstand

Tatsächlich zählte das Holländische Viertel vor der Wende nicht gerade zu den Top-Adressen in der Stadt. „Das Hauptproblem war, dass es weniger als 350 Bewohner gab und einen Leerstand von 50 Prozent“, berichtete Catrin During, Projektleiterin beim Sanierungsträger Potsdam. Mittlerweile hat das Viertel kräftig zugelegt. Knapp tausend Bewohner leben in 450 bis 500 Wohnungen; außerdem gibt es etwa 300 Gewerbebetriebe.

Dennoch: Genüsslich zurücklehnen darf man sich nicht. So warnte Kaminski vor den möglichen Folgen, wenn nach 25-jähriger Laufzeit die Bindungen aus den Städtebaufördermitteln enden – teilweise ist das im Viertel sogar schon passiert. Die Verwaltung müsse darauf drängen, dass die Mieterhöhungen nach dem Miethöhegesetz durchgesetzt werden. Kaminskis Schreckgespenst: „Luxussanierungen, um die Menschen kalt aus den Wohnungen rauszudrängen.“

Detlef Kaminski (ehemaliger Baustadtrat der Landeshauptstadt Potsdam) spricht während der Eröffnung der Ausstellung "Ein Viertel Holland Bitte" in der Wilhelmgalerie in Potsdam, 6. April 2018. Quelle: Martin Müller

Auch Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) will beim Thema Holländisches Viertel nicht die Hände in den Schoß legen. Besonders wichtig sei die Frage „Mobilität, ruhender Verkehr – was wollen wir?“ Noch in diesem Monat soll eine Werkstatt zum Verkehr in der Friedrich-Ebert-Straße stattfinden. Dass auch in Sachen Verkehrsführung früher nicht unbedingt alles besser war, führte Kaminski den Ausstellungsbesuchern vor Augen: „Viele Potsdamerinnen und Potsdamer erinnern sich zum Teil mit Wehmut daran, dass das Nauener Tor einmal gelb gewesen ist. Daran, dass es inmitten eines Kreisverkehrs lag und Gastronomie an dieser Stelle völlig unmöglich war, denkt man aber kaum noch.“

Ein Blick auf 25 wechselvolle Jahre

Die Ausstellung ist bis 27. April zu sehen. Die vom Sanierungsträger zusammen mit dem Bereich Stadterneuerung für den Abschluss der Sanierungsmaßnahme im Jahr 2015 konzipierte und seinerzeit im Jan-Bouman-Haus erstmals präsentierte Ausstellung wird anlässlich des 1025-jährigen Stadtjubiläums erneut gezeigt.

Mit Plänen, Bildern und Grafiken illustriert die Schau die wechselvolle Geschichte des Holländischen Viertels, dessen Bau im Jahr 1735 im Auftrag von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., bekannt als Soldatenkönig, begann.

Zu sehen sind etwa alte Ansichten der Gloriette auf dem Bassinplatz und des Nauener Tores. Gezeigt werden alte Pläne und Planungsunterlagen der Sanierungssatzung. Besonders interessant sind Aufnahmen, die vor der Wende und Anfang der 1990er-Jahre gemacht wurden. Die Ausstellung und Filmausschnitte, die zu sehen sind, illustrieren eindrucksvoll, wie sehr sich das Viertel mit Umfeld verändert hat.

Aus Anlass der Ausstellung gibt es einen Flyer mit einem Plan des Quartiers und Fotos von 17 unsanierten Häusern mit Adressangaben, so- dass man das Holländische Viertel neu entdecken kann. Der Flyer ist auch im Jan-Bouman-Haus in der Mittelstraße erhältlich.

Von Ildiko Röd

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