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Potsdam Er sah das Stadtschloss brennen und löschte das Neue Palais
Lokales Potsdam Er sah das Stadtschloss brennen und löschte das Neue Palais
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17:58 14.05.2019
Gerhard Brademann ist seit 76 Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Quelle: Varvara Smirnova
Drewitz

Er hat das Stadtschloss brennen sehen, die Garnisonkirche, das Neue Palais; er war als Feuerwehrmann dabei. Schloss und Kirche konnte er nicht retten, das Palais schon; es war der größte Einsatz seines Lebens. 89 ist Gerhard Brademann heute, seit 76 Jahren bei der Feuerwehr. Er erinnert sich genau an jenen 12. Juni 1954: Das Neue Palais brennt lichterloh. Vier Uhr morgens schlagen Flammen aus dem gesamten Kellergeschoss. Gerhard Brademann, freiwilliger Feuerwehrmann der Wehr von Drewitz, erst 24 Jahre alt und Leiter dieses Großeinsatzes, kommt als erster an am Schloss. Er springt aus dem Fahrerhaus seines LF 25 und erstarrt: In den Kellerräumen lodert es heftig; flüssiges Kerzen-Stearin strömt brennend durch die Gänge. Sich geduckt und kriechend unter der Hitze hindurch nach drinnen vorzukämpfen, kommt hier nicht in Frage. Brademann und Maschinist Rudi Lehmann schauen sich an und wissen, dass sie allein hier gar nichts machen können. Wehren aus Potsdam, Brandenburg und Magdeburg werden alarmiert, doch das kostet Zeit; die Einsatzfahrzeuge haben keinen Funk. Und der Anfahrtweg für die Brandenburger und Magdeburger ist lang.

Feuer dringt vom Keller ins Dach vor

Unterdessen schlägt das Feuer durch bis unters Dach; die Essensfahrstuhlschächte sind der Flammen schnellster Weg nach oben. Es gibt einen Tunnel zwischen der Küche in den Communs gegenüber und dem Palais, durch den einst die Speisen getragen wurden ins Schloss; dieser Feuerweg muss unbedingt verschlossen werden. Eine Kompanie sowjetischer Soldaten holt derweil in aller Eile die wertvollsten Kunstgüter aus dem weitläufigen Komplex.

Was war passiert? Ein Großhandelsunternehmen hatte die Gewölbe des Schlosses angemietet: Massen an Scheuerlappen, Reinigungsmittel und Kerzen lagerten hier. Und die Bestände waren erst am Tag zuvor aufgefüllt worden. Weil es keinen Strom und wenig Licht da unten gab, machte man sich Licht mit Kerzen; das ging schief. Bis zum Abend dauerte der Löscheinsatz.

Unfreiwillig für die Wehr rekrutiert

Zehn Jahre war Gerhard Brademann da schon bei der Feuerwehr, zehn schwere Jahre. Im September 1943 war er eingetreten, unfreiwillig. Weil alle wehrfähigen Männer längst im Krieg waren, holte man acht Schüler aus der achten Klasse der Schule Drewitz, bildete sie aus, füllte die Wehr mit ihnen, acht Feuerwehranwärter von 14 Jahren. Ein Jahr später war das Ende schon fast täglich hörbar: Die alliierten Bomber knöpften sich Berlin vor; in Drewitz heulten abends die Sirenen. Bis auf einen Einsatz in Ludwigsfelde aber passierte nichts, denn die Bomber hatten Wichtigeres vor.

Bombenhölle zum Kriegsende

Doch dann brach die Hölle über Potsdam los: Die Bombennacht des 14. April 1945. Der Fliegeralarm trieb die 16-Jährigen in die Splittergräben; erste Moskito-Jagdbomber warfen Leucht-„Raketen“ ab. Die gingen anfangs noch weit entfernt vor Drewitz nieder, kamen aber immer näher. Die erste Bomberwelle „rollte“ an; die Flak begann zu schießen. Als es wieder ruhiger wurde, eilten die Jungs zu ihrem Löschfahrzeug und versuchten, mit der Spritze irgendwie in die zerbombte Stadt hinein zu kommen. Zum Lustgarten sollten sie, kamen aber wegen Bombentrichtern und zerstörter Straßen nicht über die Lange Brücke.

Stadtzentrum nicht erreichbar

Also drehten sie um zur Glienicker Brücke und nahmen die Berliner Straße in Richtung Stadtschloss. Am Palais Barberini vorbei, erreichten sie das Parkhotel, mussten ihre Spritze über abgestürzte Säulen des Schlosses wuchten und bauten sie schließlich am Havelufer auf. Brademann folgte seiner Truppe mit dem Fahrrad zum Schloss. Das fing gerade an zu brennen; der Garnisonkirchturm stand längst in hellen Flammen. Ans Schloss kam keiner ran; sie löschten erst das Alte Rathaus ab. So viele Schläuche lagen übereinander, dass einige von ihnen platzten.

Gerhard Brademann (89) ist fast sein ganzes Leben bei der Feuerwehr. In die Freiwilligenwehr von Drewitz trat er 1943 ein. Die MAZ schaut in die Geschichte dieser Wehr.

Als am Morgen ein heftiger Sturm aufkam und aus den Schlosskellern fünf Meter hohe Flammen schlugen, versuchten sie es wieder mit dem Löschen, spritzen, was das Zeug hielt, doch machten sie es nur noch schlimmer. Schließlich gab erst die Spritze auf, dann die ganze erschöpfte Truppe; Ablösung kam nach 36 Stunden mit Fahrrädern aus Drewitz. Zu retten war das Schloss nicht mehr. „Was da brennt“, dachte Gerhard damals, „kommt nie wieder.“

Kamerad denunziert Jugendführer

Schon Rademanns Vater Otto war bei der Feuerwehr; sein Sohn wurde der Jugendgruppenführer.

Schon Gerhards Vater Otto Brademann war bei der Feuerwehr; hier ein Bild von 1940. Quelle: Feuerwehr Drewitz

Wie viele Jungen damals, trug er noch Armee-Feldmütze, als „die Russen“ kamen und Arbeitskräfte rekrutieren wollten. Brademann machte sich davon, versteckte sich im alten Wasserturm am Güterbahnhof, wurde geschnappt. Ein Kamerad machte ihn mies bei den Besatzern, die ihm vorwarfen, Waffen auf einem Drewitzer Acker versteckt zu haben. Am Priesterweg musste er graben, doch fand man nichts dergleichen. Trotzdem buchteten ihn die Russen ein, drei Jahre lang. Er floh, wurde wieder eingefangen, kam erst am 10.Juni 1948 frei.

Drei Jahre Haft blieben als Makel

Die grundlose Haft blieb ein Makel in seiner Laufbahn; der gelernte Autoschlosser kam bei der Feuerwehr nicht höher auf der Dienstrang-Leiter als bis zum Oberlöschmeister. Offizier wollte und sollte er nach dem Willen seiner Wehr werden nach dem Einsatz am Neuen Palais, doch der Polizeipräsident als Chef aller Wehren wollte nicht. So blieb er ein eher kleines Licht, auch als er 1950 in die Berufswehr Potsdam wechselte. 1990 ging er in Rente, man musste ihn in Rente schicken, denn er wollte nicht. Der 61-Jährige fühlte sich zu jung dafür, wurde mit 65 in die Alters- und Ehrenabteilung der Wehr von Drewitz aufgenommen und macht sich seither nützlich, wo er kann.

Zeit für das Goldene Buch

Er kommt zu jedem Ausbildung- und Trainingstag, zu jedem Treffen, und wenn das mal nicht klappt, entschuldigt er sich. „Der ist sich nicht zu fein, die Fahrzeughalle zu fegen, wenn wir ausgerückt sind“, sagt Wehrführer Robert Teschke (42): „Er ist das große Vorbild für uns alle, die wir viel jünger sind.“

Gerhard Brademann (li.) ist die gute Seele der Feuerwehr von Drewitz, die von Robert Teschke geführt wird. Quelle: Varvara Smirnova

Brademann erzählt oft von früher; dann lauschen die Feuerwehrleute andächtig und zuweilen bass erstaunt, was damals alles ging und möglich war. „Wenn Leute wie er mal nicht mehr sind,“ sagt Robert Teschke, „wird uns schwer was fehlen. Es wird Zeit, dass er sich ins Goldene Buch von Potsdam eintragen darf.“

Von Rainer Schüler

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