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Potsdam Diese Männer retten Lebensmittel für die Tafel
Lokales Potsdam Diese Männer retten Lebensmittel für die Tafel
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07:23 10.12.2019
Eberhard Neumann (l.) und Bernd Minckert sind Fahrer für die Tafel Potsdam – sie steuern Supermärkte an und holen dort Lebensmittel ab. Quelle: foto:
Potsdam

Jetzt geht es um die Wurst. Bernd Minckert brummt zufrieden und schaufelt die Päckchen mit vollen, schnellen Händen in die Kiste, die ihm Eberhard Neumann direkt vor die Füße geschoben hat. Doch der Wurstsegen hält nicht lang: Nach 15, vielleicht 20 Portionen ist schon wieder Sense. Viel mehr wird bis zum Ende der Tour auch nicht hinzukommen. Ein ganz normaler Tag für die Kunden der Tafel, von denen viele wissen, dass das Brot in der Not auch ohne Wurst schmeckt.

Vor ein paar Jahren hat auch Bernd Minckert (64) regelmäßig in der Schlange derer gestanden, die jeden Euro umdrehen und dennoch verzichten müssen – sogar auf das Selbstverständlichste, auf eine Einkaufstasche voll Lebensmittel. „Die Zeiten sind zum Glück vorbei“, sagt Bernd Minckert. Nun steht er auf der anderen Seite: Er sorgt dafür, dass aussortierte, aber genießbare Lebensmittel von den Supermärkten zu den Menschen kommen, die sie brauchen. Bernd Minckert – geboren und aufgewachsen in Krampnitz, heute am Schlaatz zu Hause, gelernter Schienenfahrzeugschlosser, nach der Wende von Job zu Job getingelt, zuletzt lange arbeitslos gewesen – ist über das Jobcenter bei der Tafel Potsdam angestellt. Fünf Tage die Woche ist er Beifahrer auf einem der weißen Tafel-Transporter. Immer mittwochs ist Eberhard Neumann (69) sein Partner. Der Patentingenieur – geboren in Babelsberg, nach der Wende nach Magdeburg gezogen, im staatlichen Umweltamt angestellt und als Rentner nach Potsdam zurückgekehrt – ist bei der Tafel ehrenamtlicher Helfer.

Wie viele und welche Waren sie an den Laderampen der Märkte erwarten, wissen die Fahrer erst, wenn sich die Tore öffnen. Quelle: Nadine Fabian

„Bei uns beiden läuft’s“, sagen die Männer unisono. Sie sind ein eingespieltes Team – bei der Arbeit und beim Flachsen. Lieblingsthema: Das Alter! Immerhin ist Eberhard Neumann schon fast 70, also quasi mit einem Bein im Altenheim, wie Bernd Minckert allzu gern betont. Und das Radio! Eberhard Neumann hält es mit den Beatles, mit den Hits der 60er und 70er. Bernd Minckert deutet einen Heulkrampf an. Er haut sich lieber Techno um die Ohren. Eberhard Neumann dreht seinen Sender lauter: Sicher ist sicher. Es ist noch finster, als die beiden Männer zum ersten Mal das Musikprogramm diskutieren und vom Hof kutschen.

Erste Station ist die Bäckerei Fahland. Runde Brote, eckige Brote, Croissants, Schrippen, Kuchen, Ware vom Vortag und Fehlproduktionen, bei denen zum Beispiel die Maße nicht stimmen: Insgesamt 72 Kisten laden Eberhard Neumann und Bernd Minckert ein. Im Morgenrot bringen sie die Fuhre zur Tafel – dann geht’s auf die große Runde. Edeka, Rewe, Aldi, Lidl, Netto, Penny: Das Gespann fährt bis zum Mittag 23 Märkte in Babelsberg, am Schlaatz, am Stern, im Kirchsteigefeld und in Stahnsdorf an. Zwei weitere Transporter decken den Rest der Stadt und den Berliner Stadtrand ab.

Bevor es auf die große Supermarkt-Runde geht, holen die Männer bei der Bio-Bäckerei Fahland Brot und Brötchen ab – nachdem sie die Ware bei der Tafel abgeliefert haben, geht’s so richtig los. Quelle: Nadine Fabian

„Rückenprobleme sollte man besser nicht haben“, sagt Eberhard Neumann. Seit einiger Zeit tritt er kürzer, ist von zwei Tagen auf einen Tag runter gegangen. „Daran ist aber nicht der Rücken Schuld. Das mache ich für meine Frau“, so Eberhard Neumann. Das Ehrenamt, die Familie, der greise Schwiegervater: „Wir wollten ein wenig mehr Zeit für uns haben.“ Eberhard Neumann hat drei Kinder und zehn Enkel zwischen vier Monaten und 24 Jahren. Er ist seit Jahrzehnten verheiratet. Bernd Minckert ist es nicht. „Bloß nicht!“ Er winkt ab, die Armbänder am rechten Handgelenk klimpern. Den Frauen ist er zugetan, sehr sogar – ein rauer Charmeur, der um keinen Schmus, um kein Zwinkern verlegen ist. Wären sie noch alle beisammen, wäre auch seine Familie mit drei leiblichen und fünf Ziehkindern groß. „Es ist schon gut wie’s ist“, sagt Bernd Minckert. Er habe zu allen Kontakt. Vor ein paar Wochen ist ein Stiefsohn bei ihm eingezogen. „Den hat seine Madame rausgeworfen. Was sollte ich mit dem Jungen denn machen – vor der Tür stehen lassen?“ Und er? Sucht er noch die Frau fürs Leben? – Da weiß Bernd Minckert, der gern und ausschweifend erzählt, der zu allem eine Meinung hat, so schnell keine Antwort. „Ach, Bernd!“ Eberhard Neumann springt ein: „Du bist doch ein freier Vogel!“

Bernd Minckert notiert für jeden Markt, wie viel Lebensmittel dort gespendet wurden. Quelle: Nadine Fabian

In den Märkten ist Bernd Minckert – grauer Hoodie, graue Schläfen, akkurat gestutzter Clark-Gable-Schnauzer – als „der liebe Bernd“ bekannt. Während Eberhard Neumann um den Markt kurvt und den Transporter in die Ladezone bugsiert, betritt der liebe Bernd den Kundeneingang, sagt an der Kasse bescheid, dass die Tafel da ist, schlendert durch die Regalreihen zum Lager, grüßt freundlich, hält einen kurzen Schwatz, schäkert. Wie viele und welche Waren er seinem Kollegen gleich anreichen kann, weiß er erst, wenn die Supermarkt-Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen mit dem Rollwagen angeschoben kommen. Mal sind es sechs, sieben Kisten. Mal ist es nur eine und die ist auch nicht immer voll. Ob viel oder wenig, ob Kühl- oder Dauerwaren: Hebt sich erst das Tor, hinter dem Eberhard Neumann schon wartet, muss es fix gehen – und zwar so: Eberhard Neumann knallt ein paar Tafel-Kisten vor Bernd Minckerts Füße, der schüttet die Supermarkt-Kisten um, leert Paletten, Kartons und Säcke. Erst bei der Tafel ist es möglich, zu sortieren. Die gefüllten Tafel-Kisten wuchtet Eberhard Neumann in den Transporter, schafft im Laderaum eine Ordnung, die nur er durchschaut. Dann rollen die Männer auch schon dem nächsten Markt entgegen. Bei mehr als 1200 Menschen in Potsdam – darunter sind 500 Kinder – steht zum Frühstück, Mittag, Abendbrot auf dem Tisch, was Tafel-Helfer wie Herr Neumann und der liebe Bernd sichern. Zwei Männer, zwei Welten, ein Auftrag: Den Menschen, die Hilfe brauchen, das Leben etwas leichter machen.

Jeder Cent zählt – bitte spenden Sie!

Die MAZ sammelt bei ihrer diesjährigen „Sterntaler“-Weihnachtsaktion Spenden für die Tafel. Potsdam.

Mit Ihren Spenden, liebe Leserinnen und Leser, wollen wir beim Kauf eines neuen Kühlwagens helfen. Der Transporter wird dringend gebraucht, denn ein anderer Wagen muss ausgemustert werden.

Wir bedanken uns heute bei: Sabine und Siegfried Ochmann 40 Euro, Manuela Peter 15 Euro, Christiane und Volkmar Gabel 40 Euro, Susanne Fähling 50 Euro, Anke und Wolfram Thomalla 50 Euro, Ute Nagen 100 Euro, Claudia und Volkmar Krause 100 Euro, Susanne Müller 100 Euro und Detlef Jänicke 100 Euro.

Der Spendenstand beträgt jetzt 4620 Euro. Wir wissen – da geht noch was! Jeder Cent zählt! Bitte spenden Sie!

Das Spendenkonto:

Tafel Potsdam e.V.

Mittelbrandenburgische Sparkasse Potsdam

IBAN: DE93 1605 0000 3502 0266 44

BIC: WELADED1PMB

Verwendungszweck: MAZ-Sterntaler

Spendenquittungen erhalten Sie, sofern Sie Ihren Namen und Ihre Anschrift bei der Überweisung angeben – und bei einer Spendensumme über 200 Euro automatisch.

Von Nadine Fabian

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