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14:23 09.04.2018
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Regina Kansy hat einen Plan. Sie will ihren Rudi überraschen. Und das ist gar nicht so einfach. Immerhin reden wir hier von einem stadtbekannten Lehrer und Chorleiter, von einem bunten Hund, wie so viele in Potsdam sagen. Rudi Kansy wird 90 Jahre alt – die MAZ gratuliert und macht sich ausnahmsweise zur Komplizin.

Rudi Kansy erblickte am 7. April 1923 in Beuthen im oberschlesischen Kohlerevier das Licht der Welt. Als fünftes und jüngstes Kind der Familie kann er sich bei den Geschwistern eine Menge abgucken – vor allem das Musizieren, auf das die Eltern großen Wert legen. Der Bruder und die Schwestern spielen jeder ein Instrument. Klein-Rudi erobert sich den Klavierschemel; nach der ersten Fingerübung ist es um ihn geschehen. Die Musik fliegt ihm zu: Mit zwölf schon vertritt er den großen Bruder, wenn der den Gottesdienst mal nicht auf der Orgel begleiten kann. Dort, im Schatten der Kapelle, bei Tasten und Pedalen und so ganz bei sich, begreift Rudi Kansy, dass es die Musik sein soll, die ihn durchs Leben trägt. Doch es ist Kriegslärm, der durch die Straßen hallt, als er nach der Schule ins Leben aufbrechen will.

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Das Studium – undatiert verschoben. 1942 wird der junge Mann an die Ostfront eingezogen. Eine Kugel beendet den Alptraum am 6. Januar 1944. Rudi Kansy wird schwer verwundet, bekommt Gasbrand, verliert beinahe den zerschossenen Arm. Später wird er oft erzählen, dass es ein Wunder ist, dass er überhaupt geheilt wurde.

Nach dem Lazarett verschlägt es ihn nach Potsdam. „Er zählt zu den Aktivsten der ersten Stunde, die sich nach Kriegsende für das Kulturleben unserer Stadt verdient gemacht haben“, sagt Regina Kansy. Schon in den ersten Tagen des Neuaufbaus besucht Rudi Kansy Betriebe, gründet Singegruppen, entwickelt sie zu Betriebschören. Ob HO- oder Konsum-Bezirksverwaltung, Rat der Stadt, Versicherungsanstalt, Volkspolizei oder Wohnungsbaukombinat – Rudi hat Töne für alle.

1949 gründet er einen gemischten Chor, der in Potsdam bald jedes Eckchen zur Bühne macht. Rudi Kansy gibt dem Ensemble den Namen eines Weggefährten und engen Freundes: Hans Marchwitza. In seinen glanzvollsten Zeiten ist der Chor mehr als 100 Stimmen stark. Zum Repertoire gehören viele Lieder, deren Text und Melodie von Rudi Kansy stammen; er vertont aber auch Zeilen von Hans Marchwitza und Otto Wiesner und schreibt Kinderlieder. „Rudi hat über 100 Lieder geschaffen, die auch in Programmen anderer Chöre, in Schulen, Kindergärten und Betrieben gesungen wurden“, erzählt Regina Kansy. In den Jahren um 1970 erhält er von der Abteilung Volksbildung den Auftrag, gemeinsam mit dem Schriftsteller Günter Gregor für jede Potsdamer Schule ein eigenes Lied zu komponieren. – Man beachte: Rudi Kansy stemmt das alles neben seinem Beruf.

1951 hatte er in Weimar an der Musikhochschule doch noch das ersehnte Studium aufnehmen können. „Rudi war ein toller Lehrer“, sagt Regina Kansy. „Er war nicht streng, immer charmant. Sein Unterricht war locker und fröhlich. Das Klassenzimmer war kein normales: An den Fenstern hingen Stores, an den Wänden Plakate, auf dem Flügel standen immer frische Blumen.“ Die Frau, die das erzählt war einst selbst Rudi Kansys Schülerin, trat 1972 in den Marchwitza-Chor ein und schwärmte – wie so viele andere Mädchen – für den Chef. Seit 1996 sind die beiden verheiratet; für den Witwer es die zweite Ehe.

1982 scheidet Rudi Kansy aus dem Beruf aus. Die alte Kriegsverletzung setzt ihm zu. Das lange Stehen wird schwer, das Gehör schwächer. Es ist auch an der Zeit, dem geliebten Chor adieu zu sagen. „Die Frage, ob jemand anderes die Leitung übernimmt, stand nie im Raum“, so Regina Kansy. Viele Sänger sagen: wenn, dann nur mit Rudi. Sie wechseln in andere Ensembles oder hören auf und der Marchwitza-Chor ist Geschichte – eine, an die sich ungezählte Potsdamer erinnern: Jugendweihe, Abiturfeier, Betriebs- und Weihnachtsfeste – die Marchwitza-Sänger waren dabei.

Rudi Kansy hat die Hände nicht in den Schoß gelegt. Er hat die Malerei für sich entdeckt. Über 100 bunte Aquarelle schmücken daheim die Wände. Dass die Musik einen wie ihn bis heute trägt – müßig, es zu erwähnen. Kein Tag vergeht, ohne dass er sich ans Keyboard setzt und spielt. Sogar ein Chor ist ihm geblieben – nun ja, ein Chörchen, aber eine Gruppe treuer Mitstreiter, die sich vier mal im Jahr um ihn schart. – Wie er sein Leben gestaltet und gemeistert hat, das macht Regina Kansy sehr stolz. „Mein Rudi ist ein feiner Mensch“, sagt sie. „Man muss ihn einfach liebhaben. Jetzt schauen wir beide gemeinsam zuversichtlich in die Zukunft.“ (Von Nadine Fabian)

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