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Potsdam Die Beine so schwer, die Hand so schwach, der Kopf so müde
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11:47 07.06.2019
Stadtmacher: Einkaufsservice Sebastian Karg Quelle: Rainer Schüler
Brandenburger Vorstadt

So schnell wie Sebastian Karg (42) ist keiner. Der Mann vom Potsdamer Einkaufsservice kennt die großen Supermärkte und Discounter dieser Stadt wie seine Westentasche und weiß, wo was zu finden ist. Verblüffend schnell hat er den Einkaufswagen voll. Nur, wenn die Marktbetreiber umbauen, macht ihm das Probleme.

Die Kunden schicken ihn mit Listen los, die er vorab bekommt per Telefon oder per Mail. Manchmal holt er sich die Liste aber auch erst am Einkaufstage ab und hat denselben Weg dann zwei Mal. Bezahlt wird, wenn er die Dinge abliefert, bar oder per Karte. Er hat vom eigenen Geschäftskonto ausgelegt vorher.

Eigene Listen, je nach Markt

Wenn er die Bestellung vor dem Einkaufstag bekommt, sortiert er sich die Liste so, wie die Sachen gelagert sind im Markt; dann geht es schnell. Er hat für alles ein System. Sind die Listen nicht zu lang, reicht ihm ein Wagen für drei Kunden, doch muss der Korb dann drei Abteile haben: Ein Hauptfach, ein Vorfach und eine Getränkekistenhalterung, in die er einen Einkaufskorb stellt. Am Kassenband packt er nie alles aus dem Wagen, sondern sagt an, wieviel er wovon noch hat im Korb. Das beschleunigt das Kassieren.

Zehn Prozent des Warenwertes sind sein Lohn; dazu kommen Pauschalen für den Weg, für Pfandflaschen, Getränkestiegen. Das Bringen in die Wohnung kostet nichts, auch wenn Karg ein paar Stockwerke hinauf muss, manchmal sogar bis unters Dach.

Kranke Kunden leben oft weit oben

Zuweilen ist er erstaunt, wie weit oben seine Kunden leben: Meist sind es Menschen, die nicht mehr raus kommen, krank sind, alt und einsam, schrecklich einsam. Manche sind sogar alles zugleich. Er spricht mit ihnen, muntert sie auf; außer ihm redet höchstens noch ein Pflegedienst mit ihnen. Er hilft aber nicht nur den Hilflosen, die ohne ihn ins Heim müssten. Er ist auch für Leute unterwegs, die bloß den Aufwand ihres Einkaufs scheuen, zum Beispiel, weil sie Kinder haben, mit denen im Supermarkt alles viel länger dauert und teurer wird als nötig. Andere kaufen zwar noch selber ein, lassen sich aber den Einkauf durch ihn vom Markt nach Hause bringen. Oder er trägt die schweren Sachen, die Kunden nehmen nur die leichten. Manch Rollstuhlfahrer kauft gern selber ein, kommt aber an allzu viele Dinge nicht heran; hier ist Karg Einkaufsbegleiter.

Sebastian Karg kauft für andere Menschen ein, sie können ohne ihn nicht mehr selbstbestimmt leben. Er lebt von einem Anteil am Warenwert des Einkaufs, den die Kunden gerne zahlen.

Früheinkäufe gehen am schnellsten

Morgens um sieben steht er mit dem MAZ-Reporter vor der Kaufland-Tür in Potsdam-West; dann ist es noch so ruhig im Markt an der Zeppelinstraße, dass er den ersten Einkauf in nur sieben Minuten schafft für Uwe Sauer. Der stammt aus Berlin, lebt krank und einsam in einem Altbau an der Friedrich-Ebert-Straße, kauft Markenware, am liebsten Produkte aus Berlin. „Dorschleber war wieder nicht“, entschuldigt sich der Einkäufer: „Zinnaer Klosterbruder auch nicht. Wann brauchst Du den denn spätestestens?“ „Na, am 8.8.“ Dann wird Sauer 66 und bekommt Besuch.

Auch Uwe Sauer (65) gehört zu den hilflosen Kunden, die Karg versorgt. Quelle: Rainer Schüler

Karg macht Sauer eine Trinkpackung und Zigaretten auf, verstaut Bier und Schnaps unter’m Tisch, den Rest im Kühlschrank, quascht über Fußball, während er leere Flaschen in seine Einkaufstasche stopft, die einen als Pfand, die anderen als Wertstoffmüll. „Der ist einen von den Guten“, lobt ihn Sauer, „einer von ganz ganz wenigen.“

Alle kennen den Einkaufsmann

Man kennt Sebastian Karg schon lange bei Kaufland, Rewe oder Netto, wenn er morgens ein paar Meter Förderband belegt mit verschiedenen Einkäufen, die er verschieden bezahlt. Wer so früh am Tag gleich mehrfach an die Kasse tritt, fällt auf. „Na? Zweite Runde?“ fragt die Kassiererin. 21 Minuten hat Kaufland-Einkauf Nr. 2 gedauert: reichlich Obst, Gemüse und Getränke für den wöchentlichen „Vitamine-Tag“ einer Firma im so genannten Sanssouci-Ei an der Zeppelinstraße.

Ein Korb Vitamine für den Obst- und Gemüsetag einer Firma in der Brandenburger Vorstadt. Quelle: Rainer Schüler

Er braucht eine Sackkarre, um die Ware hoch zur Firma zu transportieren. Dort wartet meist schon eine Küchenfrau, die alles schnippelt für die Mitarbeiter. 50 bis 60 private Kunden hat Karg, ein Zehntel sind Firmen wie diese.

Mehr als zwei Wochen Urlaub gehen nicht

Macht Karg auch Urlaub? „14 Tage sind das höchste der Gefühle“, erwidert er: „Ich verdiene nichts in dieser Zeit, hab’ aber Ausgaben. Das macht die Arbeit vor und nach dem Urlaub richtig stressig.“ Auch vor Feiertagen in der Woche wird es hektisch, wenn übliche Einkaufstermine vorgezogen oder auf Samstage verschoben werden müssen, an denen er eigentlich nicht arbeitet; er hat zwei Kinder und eine Frau.

Sebastian Karg hat Betriebswirtschaft studiert, war Geldanlageberater und verlor den Job im Zuge der Bankenkrise von 2008. Ein Büro-Service für Rechnungslegung und Schreibarbeiten lief auch nicht wirklich gut. Als dann seine Eltern die Großmutter mit Einkäufen versorgen mussten, entdeckte er einen ihm unbekannten Bedarf: Einkaufen für andere.

Abreißzettel und Briefkastenflyer

Mit Aushängen an Straßenbäumen und Abreißzettelchen daran begann er die Werbung für seine Ein-Mann-Firma. Es folgten 1000 Flyer in Briefkästen, Geschäften und Märkten wie Rewe an der Breiten Straße. Dort hatte Marktleiter Thomas Grube noch selbst Bestellungen ausgeliefert, so dass Senior-Chef Siegfried Grube hocherfreut war, den Job einem anderen zu überlassen. Der Start im Jahre 2011 war fulminant: binnen 14 Tagen hatte er schon 30 Kunden; das flachte aber wieder ab. In den ersten Jahren hatte er im Winter mehr zu tun als sonst im Jahr, weil viele Kunden das Glatteis und die Kälte fürchteten, und im Sommer brachen die Aufträge immer wieder ein. Inzwischen sind die Jahreszeiten gleich, denn er hat Stammkundschaft, die auf ihn schwört.

Dauerparkkarte wäre nützlich

Karg muss überall und nah beim Kunden parken, um den Einkauf nicht ein paar Straßen weiter tragen zu müssen. „Wir liefern gerade aus“, steht auf dem Schild hinter der Windschutzscheibe des Lieferwagens, der auch sein Familienauto ist. Vor Knöllchen schützt ihn das zuweilen aber nicht. „Ich hatte mal einen, der mir ein Ticket anhängen wollte, während ich hinter dem Auto auslud“, erzählt er: „Mit viel Mühe konnte ich den Mann bewegen, das zu lassen.“ Er hätte gerne eine Dauerparkkarte, doch die Stadt rückt keine raus.

Tilman Hafenbrack (li.) kann sich mit einem Liege-Rad im Stadtverkehr bewegen, zu Fuß ab er sehr schwer. Quelle: Rainer Schüler

So zieht er in der Charlottenstraße ein 15-Minuten-Ticket, um sich bei Tilman Hafenbrack (55) schräg gegenüber die Einkaufsliste abzuholen, bei Edeka auf der Brandenburger Straße einzukaufen und alles beim Kunden abzuliefern: Zwei Mal Haferflocken, zwei Mal Milch, zwei Mal Kaffee – reicht das für eine Woche? Karg weiß es nicht: „Kann sein, der kauft auch selbst noch ein.“ Hafenbrack hat Parkinson, geht schwer, spricht schwer, kann telefonisch also nicht bestellen. Stadtweit ist er bekannt, weil er im roten Liegefahrrad durch den Verkehr rollt; ein Fähnchen an der Stange signalisiert ihn für die Autos; es ist noch nie etwas passiert. Karg schafft den Einkauf nicht ganz in einer Viertelstunde.

Zehn Kilometer am Tag zu Fuß

Am Schillerplatz muss er zu Fuß hinauf zum 4. Stock; der Fahrstuhl geht schon wieder nicht. Er ist das gewohnt, läuft beruflich zehn Kilometer täglich; privat macht er Rückensport, spielt Volleyball. Bei Lidl kauft er für eine betagte Kundin ein. „Ich bin so froh, dass er da ist“, sagt Renate Kressin (80): „Ich komme ja sonst nicht aus der Wohnung. Er bringt mir, was ich haben möchte. Und wenn ich was vergessen habe, bringt er es trotzdem.“

Renate Kressin (80) kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Sebastian Karg kauft für sie ein. Quelle: Rainer Schüler

Und in der Siedlung Daheim ist Wolfgang Heinsch dankbar: „Gut, dass es sowas gibt“, sagt der gehbehinderte 70-Jährige.

Alzheimer-Patientin stellte sich stur

„Das ist wichtig, vor allem für Leute wie mich, die nicht mehr richtig laufen können“, sagt eine Frau in der Waldstadt. Aber nicht nur für mobilitätsbeschränkte Menschen ist der Einkaufsservice unverzichtbar, auch für geistig Erkrankte, und mit denen gibt es zuweilen echt Probleme. So hatte Karg mal eine Alzheimer-Patientin, die den Einkauf nicht annehmen wollte und sich „bis aufs Messer“ mit ihm stritt, sie habe das alles nicht bestellt. Doch war da gerade eine Pflegerin bei ihr; die nahm die Ware ab und klärte die Bezahlung.

Schüler sind Einkaufshindernis

Bei Rewe kann Karg am Mittag fünf Einkäufe in zwei Anläufen machen, doch die Sache zieht sich in die Länge, weil Schülergruppen sich was zu essen holen. „Die wollen oft nur ein Brötchen, machen das aber drei Mal am Tag“, erzählt der Einkaufsmann und schaut auf seine Uhr: Rund 30 Minuten Lücke sind eingeplant zwischen zwei Kunden, falls es bei einem länger dauert. Tut es aber nicht. Er hält seine Lieferfristen ein. Denn die meisten bestellen ihre Ware zu bestimmten Zeiten; die will Krag einhalten. Klappt das nicht, ruft er an.

Drei Fächer im Korb erlauben drei Einkäufe auf ein Mal. Quelle: Rainer Schüler

Kühlware muss schnell geliefert werden

Erst alles für alle kaufen, ist unmöglich, weil er Kühlware dabei hat, die schnell in den Kundenkühlschrank muss, Eis zum Beispiel. Meist können die Kunden sich die eher teuren Märkte leisten, doch manche müssen jeden Euro umdrehen, ehe sie ihn ausgeben. In Drewitz etwa geht Karg für eine Kundin immer nur zu Norma, und wenn er zur bestellten Zeit die Ware liefert, war gerade ein Putzdienst da, und er muss in seine Schuhüberzieher schlüpfen, damit die Wohnung nicht wieder schmutzig wird. Die Frau meint es nicht böse und ist ihm eine gute Kundin; da bringt er auch die Post mit hoch und auf dem Rückweg den Müll zur Tonne runter, gratis.

Gekauft und geliefert wird im Stadtgebiet von Potsdam, auch noch am Rand zu Rehbrücke, wo er nachmittags Gudrun Oberhauser (70) und ihren Mann Rolf versorgt, die über die Arbeiterwohlfahrt auf ihn gekommen sind, obwohl sie einiges auch noch selber kaufen können: „Wir möchten nicht mehr auf ihn verzichten“, sagt die Rentnerin.

Haushaltgroßgeräte ausgeschlossen

„Ich bin der Potsdamer Einkaufsservice“, erklärt Sebastian Karg die ausnahmsweise weite Fahrt zu ihnen: „Wege über die Stadtgrenzen hinaus sind für Kunden einfach zu teuer und für mich unwirtschaftlich.“ Er besorgt auch nur Normaleinkäufe; Kühlschränke oder Waschmaschinen sind da ausgeschlossen.

Ab 17 Uhr, wenn dieser Einkaufstag geschafft ist für 14 Kunden, nimmt er Bestellungen an, macht seine Listen und Pläne; halb acht abends will er damit fertig sein und noch ein wenig Zeit für seine Kinder haben. Eine Pause ist nicht eingeplant. Hat er Tage mit nur vier Kunden, ist eine Essenspause machbar, wenn es mehr als 20 werden, isst und trinkt er was beim Fahren. Er fährt viel Auto, überlegt aber, sich ein E-Bike-Lastenfahrrad anzuschaffen für die Wege, die er in West und der Brandenburger Vorstadt hat: „Verschließbar muss der Lastkorb aber sein“, sagt er, „sonst greift sich vielleicht jemand Ware raus.“

Von Rainer Schüler

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