Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Zeugen: Kein Grund für Polizeieinsatz bei Polterabend
Lokales Potsdam Zeugen: Kein Grund für Polizeieinsatz bei Polterabend
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:55 05.09.2018
Als Gastgeber Knud Brandis die Feier vom Hof in dieses Kutscherhaus verlegen wollte, sperrte die Polizei den Eingang.
Als Gastgeber Knud Brandis die Feier vom Hof in dieses Kutscherhaus verlegen wollte, sperrte die Polizei den Eingang. Quelle: Rainer Schüler
Anzeige
Nauener Vorstadt

Für den massiven Polizeieinsatz gegen einen Polterabend am vergangenen Freitag in der Potsdamer Puschkinallee 17 gibt es aus Sicht des Ausrichters, Partygästen und Nachbarn keinerlei rechtliche Grundlage. Unternehmensberater Knud Brandis ist seit Mai 2017 Eigentümer der Villa Gericke und deren Kutscherhauses, vor dem die Party stattfand. Er hat der MAZ gegenüber versichert, es habe zu keinem Zeitpunkt ruhestörenden Lärm gegeben, wegen dem ein Nachbar die Polizei rief.

Die Musik war sogar so leise, dass fünf Mitbewohner des Nachbarhauses schriftlich erklärten, sie hätten wenig oder gar nichts von der Feier am Kutscherhaus mitbekommen.

Die Ex-Schauspielerin Doreen Jacobi („Unser Lehrer Doktor Specht“) wurde erst durch den Lärm des Polizeieinsatzes wach. Die Feier sei „absolut friedlich“ gewesen; sie habe keinen Lärm gehört, so die Unternehmerin. Eine andere Nachbarin versicherte, sie habe bei offenem Fenster geschlafen.

Wie die Polizei am Dienstag auf MAZ-Nachfrage erklärte, wurde sie zwei Mal wegen ruhestörenden Lärms von einem Nachbarn gerufen. Beim ersten Einsatz sei von den Beamten vorgeschlagen worden, die Party ins Kutscherhaus zu verlegen; für den Fall der Nichteinhaltung der Nachtruhe und eines erneuten Einsatzes werde man die Feier beenden. Beim zweiten Einsatz hätten die Beamten diese Maßnahme dann durchgesetzt, weil sie „laute Musik von dem Grundstück“ wahrgenommen hätten.

Brandis zufolge war die Musik zum zweiten Einsatz aber bereits abgestellt. Es gebe keine Ruhestörung, erklärte er dem Einsatzführer; die Polizei blieb beim Platzverweis vom Hofteil zwischen Kutscherhaus und Villa Gericke. Brandis schlug vor, ins Kutscherhaus auszuweichen, was die Polizei verhinderte. Eltern kamen – wie berichtet – nicht zu ihren Kleinkindern, die im Haus schliefen, und niemand konnte seinen Ausweis holen, obwohl eine Personalienfeststellung angeordnet war.

Weil der Platzverweis nur dem Partygelände am Kutscherhaus galt und dieses Haus nicht mehr nutzbar war, schlug Brandis vor, auf das benachbarte Grundstück mit der Villa Gericke und in die Villa selbst umzuziehen, doch auch das wurde unterbunden. In der aufgeheizten Situation versuchten Brandis und Partygäste die Polizisten zu beruhigen; Videos zeigen das. Doch dann eskalierte ein Moment am Buffet, als sich der Bruder des Bräutigams etwas zu essen abschneiden wollte und dazu ein spitzes Küchenmesser zur Hand nahm. „Waffe! Waffe“, sollen mehrere Polizisten geschrien haben und auf den Mann zugelaufen sein, der erstarrt stehen blieb.

Knud Brandis: vom Pfefferspray gezeichnet. Quelle: Privat

Brandis schlug ihm das Messer aus der Hand, um die mutmaßliche Waffe zu „entschärfen“ und wurde mit Pfefferspray angegriffen.

Pfefferspray bekam auch die Braut ab. Sie hatte ihrem Mann zu Hilfe eilen wollen, den drei Polizisten zu Boden gerissen und dort mit Gewalt fixiert hatten. Angeblich war er auf die Beamten zugerannt, doch belegt ein Video, dass er in Wahrheit panisch wegrannte. Die Frau kam aber nicht an einem Polizisten vorbei, der offenbar der Einsatzleiter war und per Funk mit seiner Zentrale sprach: Er hatte die linke Hand am Sprechfunkgerät, sah die Frau kommen, stieß sie mit der rechten Hand weg und sprühte ihr aus etwa 20 Zentimetern Reizgas direkt ins Gesicht, während er von „Widerstand“ sprach und Verstärkung anforderte.

Während der Polizist mit seiner Zentrale spricht, stößt er die Braut beiseite, sprüht ihr Reizgas ins Gesicht und ruft Verstärkung wegen „Widerstand“. Quelle: Privat

Die rückte dann an, entschärfte die Lage aber nicht und sprach nicht mit den Partygästen. Als Brandis einen Beamten namentlich feststellen wollte, der ihn geschlagen und in den „Schwitzkasten“ genommen hatte, wurde ihm dies von der mutmaßlichen neuen Einsatzleiterin verweigert. Dazu werde es später eine Konfrontation mit Fotos geben, sagte sie. „Wen sollen wir ein paar Wochen später in einer Reihe von Tageslichtfotos erkennen, in der der Polizist und mehrere unbeteiligte Männern gezeigt werden?“ fragt Brandis: „Das ist Vereitelung einer Straftat im Amt.“

Strafbar ist nach Ansicht des Grundstücksbesitzers auch das Eindringen der Beamten beim zweiten Einsatz. Obwohl das Tor verschlossen war, standen die Beamten plötzlich neben den Partygästen; sie hatten offenbar den Zaun überklettert. Für Brandis ist das Hausfriedensbruch. Er zeigte die Polizisten an.

Von Rainer Schüler