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Potsdam Der Einzug der Kunst-Avantgarde
Lokales Potsdam Der Einzug der Kunst-Avantgarde
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00:21 31.12.2018
Der Palast Barberini in einer historischen Aufnahme.
Der Palast Barberini in einer historischen Aufnahme. Quelle: Sigurd Kühn
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Mit einer Vortragsreihe im Palast Barberini hielt die moderne Kunst im Winter 1920 Einzug in Potsdam. Initiatoren waren der Maler Walter Bullert (1895-1986) und der Buchhändler Karl Heidkamp (1896-1970), die mit dem Berliner Kunsthistoriker Willy Kurth (1881-1963) einen ausgewiesenen Experten gewonnen hatten. „Sofort war er einverstanden. Es könne nur gut sein, den Potsdamern etwas neuen Wind unter die Nase zu blasen“, zitierte Heidkamp in seinen Erinnerungen die prompte Reaktion des damaligen Kustos des Berliner Kupferstichkabinetts auf seine Anfrage.

Plakat von Walter Bullert. Quelle: FVPM

Das von Walter Bullert für die Vortragsreihe geschaffene Plakat („Ich mache ein Holzschnittplakat, das einschlägt wie eine Bombe.“) konnte jetzt vom Förderverein des Potsdam-Museums aus Privatbesitz angekauft werden. Abgebildet ist es im Katalog zur Sonderausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne – Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“, die noch bis zum 27. Januar im Potsdam-Museum zu sehen ist. Der Linolschnitt zeigt einen Menschen inmitten auf ihn einstürmender Begriffe wie „Expressionismus“, „Impressionismus“, „Dada“ und dazwischen wie atemlos die Frage: „Wohin??? Steuert. Die moderne. Kunst.“

Schon der erste Abend war ein Erfolg. Der große Saal war brechend voll. „Dr. Kurth war erstaunt, als er kam“, schrieb Heidkamp, der schwärmte: „Und wie Kurth mit dunkler, dumpfer Betonung den Namen Edward Munk (Mu-unk) aussprach und seine Bilder, u.a. den ,Schrei’ und das ,Sterbende Kind’, zeigte, da packte mich eine namenlose Erschütterung durch die Art, wie Kurth solche Meisterwerke zu interpretieren verstand. Hier wurde Kunst, obwohl nur mit Schwarz-Weiß-Diapositiven auf die große Projektionsleinwand geworfen, lebendige Wirklichkeit.“ Fünf weitere, restlos ausverkaufte Vorträge folgten: „Kurth hatte eine feste Gemeinde in Potsdam, der konservativen Stadt“, so Heidkamp. Und „wenn er von Vincent van Gogh, von Paul Gauguin sprach, da hörte man kein verstecktes Husten, kein Atmen mehr im Saal“.

Georg Kolbes „Tänzerin“ beim ersten Potsdamer Kunstsommer in der Sanssouci-Orangerie. Quelle: Potsdam-Museum

Die Vortragsreihe sollte sich für Potsdam als Vorspiel einer außergewöhnlichen kulturellen Blütezeit erweisen. Im Juni 1921 eröffnete in der großen Orangerie von Sanssouci der erste Potsdamer Kunstsommer, der traditionelle Kunst des 19. Jahrhunderts und die Avantgarde zusammenbrachte. Zum vierten und letzten Kunstsommer 1925 mit holländischer Malerei wurden auch Werke Vincent van Goghs (1853-1890) gezeigt, dem das Museum Barberini im Oktober 2019 eine Ausstellung mit Stillleben widmet. Das kulturelle Klima in Potsdam aber wurde durch den Betrieb der frühen 1920er Jahre nicht nachhaltig verändert. Kunsthistorikerin Anja Tack verweist in ihrem Beitrag zum Schmid-Katalog auf eine Rezension zum ersten Kunstsommer, nach der „diese Kunstausstellung ... die schönste“ sei, „die wir ... in diesem chaotischen Dasein zu sehen bekommen haben“: „Es klingt erleichtert“, so Tack, „da es der Potsdamer Schau gelungen sei, Ordnung ins bestehende ,Chaos’ der künstlerischen Moderne zu bringen.“

Willy Kurth, der 1920 so feurig über die moderne Kunst gesprochen hatte, wurde 1955 Potsdamer Ehrenbürger und war von 1946 bis zu seinem Tod 1963 Generaldirektor der Staatlichen Schlösser und Gärten von Sanssouci. Heidkamp sollte sich später „oft schwere Vorwürfe“ machen, dass er Kurth nach der Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft „nicht mehr aufgesucht“ habe: „Ich habe dann nur noch seiner Beisetzung auf dem Friedhof in Bornstedt beiwohnen können.“

Von Volker Oelschläger