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Elias Elias’ Mutter: „Ich habe die ganze Zeit gewartet“
Lokales Potsdam Elias Elias’ Mutter: „Ich habe die ganze Zeit gewartet“
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07:54 15.06.2016
Handschellen, Kapuzenpulli und Hefter vor dem Gesicht: So kam Silvio S. zum Prozessauftakt in Saal 8 des Potsdamer Landgerichts. Quelle: Fotos: Julian Stähle
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Potsdam

Er hatte ein Lieblingsspiel. „Monster jagen“ war eine Beschäftigung, der Elias gerne nachging, erzählt seine Mutter Anita S. (26). Der Sechsjährige sei kreativ gewesen, habe sich Spiele ausgedacht. In der Schule sei das manchmal ein Problem gewesen. Elias war oft in Gedanken woanders, habe Mühe gehabt, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Der Junge war bereits mit fünf eingeschult worden. „Etwas klein für sein Alter“, sagt die Mutter. „Knirps“ hätten ihn manche Mitschüler gehänselt, das habe sich Elias sehr zu Herzen genommen. Aber eines, sagt Anita S. im Saal des Potsdamer Landgerichts mit leiser, aber fester Stimme, habe er gewusst: Er darf nicht mit Fremden mitgehen.

Liveticker vom ersten Prozesstag zum Nachlesen

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Nicht nur das. Es gab eine Regel: Elias durfte nicht die Wohnungstür aufmachen, wenn es klingelte und er mal kurz allein zu Hause war. Selbst ihr, seiner Mutter, sollte er nicht aufmachen, wenn sie vor der Tür rufe, habe sie ihm erklärt. Es könnte ein Trick sein, jemand, der ihn reinlegen will. Sie habe schließlich einen Schlüssel.

So geht der Prozess weiter

Der Fall Elias wird als zuerst verhandelt, voraussichtlich ab Ende des Monats soll dann Mohameds trauriges Schicksal Thema in dem Prozess werden.

Neben Familie, Bekannten und Nachbarn werden viele Polizisten als Zeugen erwartet. Denn DNA-Analysen spielen in dem Fall eine große Rolle. Die entsprechenden Kriminalisten werden also ihre Funde erläutern.

Diese Beweise sind wichtig, denn Silvio S. hatte bei seinem Geständnis kurz nach der Festnahme den Beamten mehr erzählt, als die von selbst hätten herausfinden können. Mit Hilfe der Gen-Analyse können sie nun vermutlich dem Angeklagten Aspekte der Taten im Nachhinein zuordnen.

Anita S. wirkt gefasst, als sie als erste Zeugin im Prozess gegen Silvio S., den mutmaßlichen Mörder ihres einzigen Kindes, aussagt. Die Übersetzerin, klein, kräftigere Figur, Pferdeschwanz und ganz in Schwarz gekleidet, kommt auf eine Krücke gestützt in den Saal und setzt sich auf die Nebenklagebank zu ihrer Berliner Anwältin Franziska Neumann. Sie würdigt Silvio S., der ihr schräg gegenüber in etwa fünf Metern Entfernung sitzt, keines Blickes. Nicht einmal aus den Augenwinkeln schaut sie auf den Mann, der laut Anklage versucht hat, ihren Sohn sexuell zu missbrauchen und ihn dann strangulierte, weil er weinte, sich wehrte. Weil er „nein“ sagte – so wie sie es ihm als fürsorgliche, vorsichtige Mutter beigebracht hatte.

Im Vorfeld war spekuliert worden, dass Anwältin Neumann den Antrag stellen würde, Silvio S. während der Zeugenaussage der Mutter aus dem Saal zu schicken. Anita S. ertrage es nicht, den mutmaßlichen Kindsmörder zu sehen, hatten Freunde erzählt. Elias Mama umgeht die Problematik einfach, indem sie nur auf den Vorsitzenden Richter Theodor Horstkötter blickt. Die psychischen Strapazen der vergangenen Monate sind der jungen Frau ins Gesicht geschrieben.

Die Familie war erst in die Wohnung im Schlaatz gezogen

Am 8. Juli um 19.11 Uhr und 27 Sekunden hat sich das Leben von Anita S. für immer verändert. Es war der Zeitpunkt, als Elias’ Mutter mit ihrem Handy einen Notruf bei der Polizei absetzte: „Mein Sohn ist verschwunden.“ Sie sei „total panisch“ gewesen, erinnert sich Anita S. Denn vorher hatte sie mit ihrem Lebensgefährten bereits den Wohnblock im Potsdamer Stadtteil Schlaatz umrundet, in den sie erst kurz zuvor gemeinsam gezogen waren. Keine Spur von Elias, der zwischen Hortabholung und Abendbrot alleine auf den Spielplatz im Hof durfte. Mehr als eine Stunde war Elias nach der Erinnerung seiner Mutter beim Spielen, etwa alle zehn Minuten habe sie aus dem Küchenfenster geblickt, ob der Junge noch da sei. Als sie kurz vor 18.30 Uhr nach draußen zum Rauchen gegangen sei, um bei der Gelegenheit Elias zum Abendbrot zu rufen, war er weg. „Ich habe die ganze Zeit gewartet, ob er doch noch nach Hause kommt“, sagt sie.

Am 8. Juli 2015 war der kleine Elias aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz plötzlich verschwunden. Es folgte eine lange, aber erfolglose Suche der Polizei und freiwilliger Helfer. Als im Oktober der Flüchtlingsjunge Mohammed aus Berlin als vermisst gemeldet wurde, geriet Silvio S. ins Visier der Ermittler. Dann der Schock: Er soll auch Elias entführt haben.

Richter Theodor Horstkötter fragt nach Elias’ üblichem Tagesablauf und dann nach dem 8. Juli. Elias habe früh über Zahnschmerzen geklagt, erzählt die Mutter. Als sie ihm erklärte, dass er das Bett hüten müsse, wenn er wirklich krank sei und dann nicht spielen könne, sei er doch lieber zu seiner Grundschule in Zentrum Ost gegangen. Mit dem Auto habe sie ihn hingebracht, wie immer, weil sie den Weg mit der Straßenbahn zu gefährlich fand. Nach dem Hort, von dem sie ihn abgeholt habe, aß Elias zu Hause einen Joghurt, mit Nüssen. Die Sorte habe er zum ersten Mal probiert, sie habe ihm nicht sonderlich geschmeckt. Richter Horstkötter fragt öfter nach diesem Joghurt. Warum dieses Detail wichtig ist, ob es überhaupt wichtig ist oder nur ein Test des Erinnerungsvermögens von Anita S. sein soll, wird nicht klar.

Auch der Ziehvater von Elias sagte aus

Auch ihren Lebensgefährten Florian A. (29), der mit Elias und seiner Mutter in der frisch bezogenen Vier-Raum-Wohnung im Schlaatz lebte, fragt Horstkötter nach der Zwischenmahlzeit. In der Erinnerung von Florian A. aß Elias Fruchtjoghurt, bevor er nach draußen ging. Elias habe immer nachgefragt, bevor er sich von den Eltern entfernt habe. Er sei für den Jungen nach einer Kennenlernphase „der Papa“ gewesen. Fremden gegenüber sei Elias vorsichtig gewesen.

14. Juni 2016 – Auf diesen Prozess schaut ganz Deutschland. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias (6) und Mohamed (4). Das Zuschauer- und Medieninteresse ist riesig. Bereits am frühen Morgen sammelten sich vor Gericht zahlreiche Zuschauer, die den Prozess verfolgen wollen.

Eine Reihe hinter Anita S. sitzt Aldiana J. (29), die Mutter des Flüchtlingsjungen Mohamed, den Silvio S. vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) mit einem Plüschtier angelockt haben soll – um ihn später zu missbrauchen und zu töten. Anders als Anita S. schaut Aldiana J. oft zu Silvio S., fixiert ihn regelrecht. Die Bosnierin, in einen roten Mantel gekleidet, ist sichtlich aufgebracht.

Richter Horstkötter fordert Silvio S. auf, sein Schweigen zu brechen

Silvio S. schaut beide Mütter an, als wäre nichts gewesen. Er hört Anita S. ohne sichtliche Regung zu. Den Mann vom Überwachungsvideo, das ihn mit Mohamed zeigt und zu seiner Festnahme führte, erkennt man kaum wieder. Silvio S. muss abgenommen haben während der Untersuchungshaft. Das Video zeigt einen Mann mit Bauchansatz unter dem weißen Rippenpullover. Im Gericht trägt der Wachschützer aus Kaltenborn (Teltow-Fläming) einen grünen Kapuzenpulli mit Aufdruck und Jeans, die etwas zu kurz über den schwarzen, klobigen, orthopädisch anmutenden Schuhen hängen. Die Haare sind schlecht geschnitten, er trägt Nickelbrille. Vom Typ ist der 33-Jährige das, was man sich unter einem Muttersöhnchen vorstellt. „Berti“ haben sie den Einzelgänger in seinem Dorf genannt. Weil er Ähnlichkeiten mit Bert aus der Sesamstraße habe. Sieht so ein Monster aus? Für Elias, den quirligen Kerl, der gerne in Fantasiewelten spielte, offenbar nicht. Der sechs Jahre alte „Monsterjäger“ soll mit Silvio S. mitgegangen sein. Warum? Silvio S. schweigt. Richter Horstkötter fordert ihn am Ende des ersten Verhandlungstags auf, sein Schweigen zu brechen: „Die Mütter haben Anspruch darauf zu erfahren, was genau passiert ist.“

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Von Marion Kaufmann

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