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Potsdam Emotionales Bürgerfest an Glienicker Brücke
Lokales Potsdam Emotionales Bürgerfest an Glienicker Brücke
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09:47 11.11.2014
Brücken-Grenzgänger von einst: Frank Gädicke (vorn) in seinem reaktivierten VW-Kübel. Hinter ihm Nanni Klinkmüller und Thomas Stelter. 
Brücken-Grenzgänger von einst: Frank Gädicke (vorn) in seinem reaktivierten VW-Kübel. Hinter ihm Nanni Klinkmüller und Thomas Stelter.  Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Wunderkerzen, eine beleuchtete Glienicker Brücke, die „Ode an die Freude“, Sekt in Plastikbechern, viele „Prost“ und noch mehr „Weeste noch – damals?“. Und immer wieder Worte, die das damalige ungläubige Staunen noch einmal aufleben ließen: „Unfassbar!“, „Gänsehaut!“ Aberhunderte Menschen – eine richtige kleine Völkerwanderung – überquerten am Montagabend beim großen Bürgerfest, zu dem unter anderem Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) aus Steglitz-Zehlendorf und Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) gekommen waren, in fröhlichem Gewusel die Gehwege der Brücke.

Einziger Wermutstropfen für viele: dass man die Straße für den speziellen Anlass nicht für den Autoverkehr gesperrt hatte.

Persönliche Erinnerungen zur Agentenbrücke
Die meisten Flaneure hatten zu dem Fest ihre ganz individuellen Erinnerungen mitgebracht an jenen 10. November ’89, an dem der Eiserne Vorhang auch an der berühmt-berüchtigten „Agentenbrücke“ endlich löchrig wurde. Es gab gestern aber auch Menschen, die neben ihrer persönlichen Geschichte noch etwas anderes mit hatten. Frank Gädicke zum Beispiel, von Beruf kaufmännischer Ausbilder, brachte einen Kübel mit. Genauer: einen kultigen VW-Kübelwagen. Mit dem war der damals 21-Jährige am 10. November als einer der ersten über die Brücke gefahren, von West nach Ost: „Das war legendär!“, erinnerte er sich gestern: „Schließlich kannte ich das vorher ja nur als ’stille Brücke’, wo gar nichts ging. Man ist hier zwangsläufig an eine Grenze gestoßen und es herrschte so eine düstere Stimmung.“ Graues Licht und Schranken: Mit diesem Bild war Gädicke in Wannsee aufgewachsen. Und plötzlich das!

"Wie ein Sektkorken in den Westen"
Gädicke rollte auch über den weltberühmten weißen Strich. Diese Linie befand sich exakt in der Mitte der Brücke als Demarkationslinie zwischen den Systemen und als reale Grenze zwischen West-Berlin und DDR. Zwischen 1962 und 1986 wurden drei Mal hochrangige Agenten beider Militärlager gegeneinander ausgetauscht. Heute ist das süffiger Hollywood-Stoff. Dass Brandenburgs Landesregierung 1949 dem Bauwerk ausgerechnet den Namen „Brücke der Einheit“ gab, mutete wie bitterste Ironie an. Bis zu eben jenem Novembertag, als die Welle der Freude auch in dieses Niemandsland hineinschwappte. Susanne und Gerhard Schwarz aus Babelsberg standen am 10. November in der Autoschlange fast ganz vorne: „Wir waren Trabi Nummer 20!“ Als sie dann glücklich drüben waren, gab’s zur Begrüßung erst mal richtig Rambazamba: „Die Leute haben alle auf unser Dach geklopft und Sekt reingereicht.“ Auch der Potsdamer Thomas Stelter, heute MAZ-Mitarbeiter, zählte zu den „Premieren-Besuchern“ auf der Brücke. Mit dem Moped war er hingefahren, kurz bevor der Übergang aufging. Zuerst war kaum etwas los, aber dann standen plötzlich ganz viele Leute hinter ihm. „Und ehe ich mich versah, haben sie aufgemacht und ich bin wie ein Sektkorken in den Westen geploppt.“ Nach Charlottenburg führte ihn in dieser Nacht die Odyssee durch die Stadt. Bis er zu einem Nachtclub mit Rotlicht kam: „Da bin ich wieder umgekehrt und zurück in die S-Bahn.“

Foto mit Grenzsoldaten
„Rübergemacht“ in den Osten hat am 11. November auch Nanni Klinkmüller. Die blonde Frau aus Zehlendorf ging eine Woche lang täglich auf die Brücke, so sehr freute sie sich. Gestern war sie natürlich wieder da. Um den Hals trug sie ein Pappschild mit einem alten Foto, das sie mit einem der Grenzsoldaten zeigt. „Ich habe ihn einfach untergehakt“, erzählte sie strahlend. Auch für Frank Gädicke, den Mann mit dem „Kübel“, ist die Erkundungstour über die Brücke bis heute unvergesslich. Das Wiedersehen gestern – ein Pflichttermin: „Heute durfte ich wieder jung sein“, lachte er hinterm Steuer. Gädicke ist mittlerweile übrigens glücklicher Brandenburger: Er lebt in Zossen.

Aus der Geschichte der Glienicker Brücke

  • Insgesamt gab es an dieser Stelle hintereinander mehrere Brücken: Ende des 17. Jahrhunderts wurde eine erste schmale Holzbrücke gebaut, die dem Adel als Verbindung zwischen den Potsdamer Schlössern und den Jagdgründen auf der anderen Havelseite vorbehalten war. 1754 wurde eine ständige Postverbindung über die Brücke eingerichtet, die nun auch für den allgemeinen Kutschverkehr geöffnet wurde. 
  • Wegen der schnellen Zunahme des Verkehrs musste das alte Bauwerk 1777 durch eine neue hölzerne Zugbrücke ersetzt werden. Da es bei der Kontrolle häufig Probleme gab – manche Kutscher fuhren einfach unkontrolliert durch –, wurde erstmals ein Schlagbaum auf dieser Brücke errichtet. Neben der Holzbrücke wurde 1831 mit dem Bau einer Steinbrücke begonnen, die auf Entwürfe des preußischen Hofarchitekten Karl Friedrich Schinkel basierte. 
  • Mit der Eröffnung des Teltowkanals am 2. Juni 1906 und dem Beginn des motorisierten Verkehrs wurde es dringend nötig, die Zugbrücke durch eine höhere und feste Brücke zu ersetzen. Trotz Protesten von Denkmalschützern wurde nun die Backsteinbrücke abgerissen und 1906 mit dem Neubau einer Straßenbrücke begonnen. Es handelt sich um eine Stahlträgerkonstruktion mit einem Fachwerk als aufgelöste Tragwerksstruktur. Ihr Name: „Kaiser-Wilhelm-Brücke“. 
  • In den letzten Apriltagen 1945 kam es während der Kämpfe zwischen Wehrmacht und der Roten Armee im Bereich der Berliner Vorstadt Potsdams zur Zerstörung der Glienicker Brücke. Am 3. November 1947 begann der Wiederaufbau. 
  • Im Jahr 1988 gab es einen spektakulären Grenzdurchbruch: Drei Flüchtlinge fuhren mit einem Lastwagen von Potsdam durch die Barrieren auf der Brücke nach West-Berlin.

Von Ildiko Röd

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