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Potsdam Erinnerungen an die Bombardierung Potsdams
Lokales Potsdam Erinnerungen an die Bombardierung Potsdams
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17:47 13.04.2014
Ilse Kehler vor ihrer damaligen Wohnung.
Ilse Kehler vor ihrer damaligen Wohnung. Quelle: Carola Hein
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"Ach, ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an diese schwere Zeit denke“, sagt Ilse Kehler. Die Rentnerin steht in der Frühlingssonne vor dem nördlichen Commun, einem der ehemaligen Wirtschaftsgebäude gegenüber dem Neuen Palais im Park Sanssouci. Durch das restaurierte Triumphtor des Kolonnaden-Halbrunds hat man wieder einen freien Blick auf die malerische Linden allee nach Eiche.

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

Ilse Kehler deutet auf die ovalen Fenster: „Dort oben habe ich bei Kriegsende mit meiner Mutter gewohnt. Drei schöne Zimmer mit Gemeinschaftstoilette auf der Etage.“ Eine Dienstwohnung. Ihr Vater Paul Kühn war bei der damaligen Schlösserverwaltung an gestellt. Sein erster Job war die Hohenzollernresidenz in Breslau. Da kam Ilse zur Welt. Ab 1937 war sein Dienstort Potsdam. „Frühere Hofbeamte wie die alte Frau von Mettenheim lebten im Gebäudeteil mit der Freitreppe und Blick zum Palais, das einfache Personal wie mein Vater auf der anderen Seite.“ Heute ist hier die Philosophische Fakultät der Uni Potsdam untergebracht. An einem Türsturz in der zweiten Etage sind zwei alte Haken zu sehen: „Da hing früher unsere Schaukel“, sagt Ilse Kehler.

Ilse Kehler als 14-Jährige auf der Schale an den Römischen Bädern. Quelle: Privat

13. April 1945: Die 14-Jährige war gerade von der in Nordrhein-Westfalen lebenden Großmutter heimgekehrt. In Peine musste der Zug stoppen – Fliegeralarm. Die junge Ilse hatte Glück im Unglück, kam unversehrt zu Hause an. Doch wenige Stunden später heulten wieder Sirenen: In der Nacht zum 15. April flogen Bomber der britischen Royal Air Force einen Luftangriff auf Potsdam und zerstörten große Teile der barocken Residenzstadt. „Als alles vorbei war, haben wir Rauchschwaden über der Innenstadt gesehen“, erzählt die 83-Jährige. Rund eintausend Gebäude waren zerstört, 60 000 Menschen obdachlos geworden. „Es dauerte nicht lange, da zog eine Karawane von Flüchtlingen mit Rucksäcken, Koffern, Hand- und Kinderwagen zum Neuen Palais.“ Ausgebombte suchten Schutz in den weitläufigen Kellern des Schlosses von Friedrich dem Großen.

Ilse und die anderen Commun-Bewohner hatten sich im Keller versteckt, als es wenige Tage später hieß: Die Russen kommen! „Wegen dieser Strolche mussten wir viel ertragen“, sagt die alte Dame mit zitternder Stimme: „Alle Frauen, egal ob jung oder alt, wurden vergewaltigt.“ Ilse hatte wieder einen Schutzengel. Die Mutter hatte sie in einen Schrank gesperrt und ihr eingebläut, keinen Mucks von sich zu geben, egal wie lange es dauert. Seitdem leidet Ilse Kehler unter Platzangst, kann nicht alleine Fahrstuhl fahren. „Als junge Frau und Mutter hatte ich schwere Depressionen.“ Posttraumatische Belastungsstörung würde man das heute wohl nennen.

Mehr als 1500 Tote

  • Der Luftangriff auf Potsdam, auch als Nacht von Potsdam bezeichnet, fand vom 14. auf den 15. April 1945 statt. In dieser Nacht zerstörte ein Luftangriff der britischen Royal Air Force große Teile der Potsdamer Innenstadt.
  • Nach kurzer Vorwarnzeit wurden ab 22.16 Uhr rund 1700 Tonnen Bomben abgeworfen. 1593 Potsdamer kamen zu Tode, 1000 Gebäude in der Innenstadt waren völlig zerstört und rund 60.000 Menschen wurden obdachlos.

Bald standen weitere sowjetische Soldaten vor der Kellertür, hinter der sich die Communs-Bewohner verbarrikadiert hatten. „Die hatten um die Ecke deutsche Uniformen gefunden und suchten die Besitzer“, sagt Ilse Kehler. Im südlichen Pendant residierte der Reichsarbeitsdienst. Mit einem Trick verschafften sie die Rotarmisten Einlass, der den verängstigten Menschen wie eine Henkersmahlzeit erschien: „Sie brachten ein Tablett voller Speck und Brot, damit wollten sie uns rauslocken. Ich saß hinter meiner Mutter unter einer Decke. Ein Soldat sagte: Nu Frau, warum du haben vier Beine und nur ein Kopf?“ Ilse Kehler rollt dabei das R beim Sprechen. „Wir mussten raus aus dem Keller und uns in einer Reihe aufstellen. Da dachten wir, wir werden erschossen.“ Und während Ilse und die anderen Todesängste ausstanden, kam ein Jeep mit einem Offizier angefahren. „Das war der Lutschuweit – unsere Rettung“, erinnert sich Ilse Kehler. Der Oberstleutnant war seit Ende April Bevollmächtigter der Roten Armee für die Potsdamer Schlösser und organisierte den Abtransport preußischer Kunstschätze als Kriegsbeute nach Moskau und Leningrad. „Später habe ich ihn bei Frau Pachali, einer Freundin meiner Mutter, getroffen. Die wohnte an der Historischen Mühle, da hatte er sich einquartiert.“ Die Kastanienallee trug bis zur Rückbenennung 1992 Lutschuweits Namen.

Die Zeitzeugin Ilse Kehler lebt heute im Ortsteil Golm. Die Rentnerin war Erzieherin an einer Sprachheilschule. Sie hat ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben, vor allem über die schwere Zeit des Kriegsendes. „Das hat mir geholfen, die Ereignisse zu verarbeiten“, sagt die 83-Jährige. Bis heute führt sie täglich Tagebuch.

Von Carola Hein

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