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Potsdam Sein Weg zum Paradies
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06:16 03.07.2019
Kriegskind, Gärtner, Phytopathologe, Chef-Schädlingsbekämpfer im Osten, nach der Wende Gründer von „Neumanns Erntegarten und Hofladen“. Jetzt hat Gerhard Neumann die Memoiren über sein Leben geschrieben. Quelle: Nadine Fabian
Potsdam

Jetzt, wo die letzten Erdbeeren geerntet sein wollen und die Süßkirschen durchs dichte, grüne Laub blitzen, ziehen die Erinnerungen durch Gerhard Neumanns Gemüt. Einige stampfen und wettern. Andere feixen und prusten. Und wieder andere sind so sanft wie die Hand, die die junge Kriegswitwe ihrem Mittleren auf die Schulter gelegt hat. Der Junge auf der Schwarz-Weiß-Fotografie schaut skeptisch, aber mit einem Lächeln in die Kamera – ganz so wie er es heute noch immer tut. Achtzig Jahre ist Gerhard Neumann alt. Er sitzt in seinem Garten, den in Potsdam die allermeisten und auch darüber hinaus sehr, sehr viele Menschen kennen, er hat sich eine Tasse Tee eingeschenkt und blättert im Buch seines Lebens.

Ungehemmt und auch ein wenig selbstverliebt

„Mein Weg zum Paradies“ steht in sonnengelben Lettern auf der Broschur. Fünf Winter lang hat Gerhard Neumann an diesen Memoiren, aus denen er zuweilen auch vor Publikum liest, gearbeitet. „Im Sommer komme ich ja nicht zum Schreiben“, sagt er. Im Urlaub auf Ischia, Italiens grüner Insel im Golf von Neapel, hat seinen Anfang genommen, was nun in der Nora-Verlagsgemeinschaft erschienen ist. Nora steht für „Novitäten und Raritäten“ – besser ist Gerhard Neumanns Lebensbuch kaum zu umreißen. Es ist amüsant und unterhält, es ist vorlaut und provoziert, es ist lehrreich ohne zu belehren, es ist eigenwillig, ungehemmt und auch ein wenig selbstverliebt, es ist nicht perfekt, aber authentisch – mehr als alles andere aber ist es lebendig.

„Meine Frau hat mich zu diesem Buch inspiriert“, sagt Gerhard Neumann. „Im Urlaub habe ich ihr eines Abends – wie schon öfter – aus meinem Leben erzählt. Sie meinte, ich habe einen sagenhaften Redestil und müsse unbedingt ein Buch schreiben.“ Schon am nächsten Tag kauft Gerhard Neumann ein Notizbuch und beginnt – abends im Bett – zu schreiben. Wieder daheim in Potsdam geht er dazu über, seine Gedanken ins Mikrofon zu sprechen. 19 CDs hat er für „Mein Weg zum Paradies“ transkribiert.

Daheim wurde jedes Fleckchen Erde beackert

Etwa 125 Obstsorten wachsen in Neumanns Erntegarten an der B 273. Mit den Erdbeeren hat er es schon früh zu tun bekommen. Kurz vor Kriegsausbruch hatten die Eltern ein kleines Haus in Babelsberg gebaut – ein Staatskredit und ein Darlehen aus der Verwandtschaft helfen, den Lebenstraum zu verwirklichen. „Wir lebten dort sehr bescheiden und sparsam“, sagt Gerhard Neumann. „Es wurde versucht, Geld zusammenzubekommen, um die Schulden Stück für Stück zu tilgen.“ Die Familie quartiert zwei Schlafburschen ein, setzt auf Selbstversorgung, sammelt, was Wald und Flur hergeben. Auf dem Grundstück wird jedes Fleckchen Erde genutzt. Gut 900 Quadratmeter beackert die Familie, man hält Kaninchen: „Es gab aber auch ein paar Blumen“, sagt Gerhard Neumann – und es gab Erdbeeren.

Erdbeeren auf Abwegen

Die Eltern hatten die Pflanzen in den Vorgarten gesetzt. Als die ersten Erdbeeren reif werden, hocken sich Gerhard Neumann und sein älterer Bruder zwischen die Reihen, um ein Schüsselchen fürs Abendbrot zu pflücken. Doch oh weh: „Die Kinder unserer Straße standen am Gartenzaun und bettelten – sie wollten bitte auch eine Erdbeere“, erzählt Gerhard Neumann. Beere für Beere reichen die Brüder durch den Zaun. „Immer, wenn wir glaubten, die Erdbeeren seien alle, zeigte eines der Kinder noch auf eine andere...“ Mutter und Vater schimpfen nicht. Sie sind nicht böse, sprechen aber ein paar ernste Worte mit ihren Jungs – es ist gut zu teilen, auch in Zeiten des Hungers: „Aber wir müssen auch daran denken, wir sind eine eigene Familie. Wir haben die Erdbeeren für uns gepflanzt, wir müssen zuerst an die Familie denken, wenn wir ernten. Man kann nicht alles abgeben, sondern nur den Überfluss.“ Dass die Mutter aber selbst an Tagen denen die Familie wenig, sehr wenig zu essen hat, an jene abgibt, die noch weniger hatten, hat sich Gerhard Neumann tief eingegraben. Eins abgeben, wenn man zwei hat – das sei so etwas wie eine Lebensphilosophie.

Ein bewegtes und bewegendes Leben

Gerhard Neumann schreibt über die Sommertage seiner Kindheit, an denen er durch die Nuthewiesen gestromert ist. Er schreibt über Bombergeschwader am Himmel über Potsdam und über das Leben in einem Haus ohne Dach und Fenster. Über rosinengespickte Mohnpielen zu Weihnachten, über das große Glück, eine Omi mit Bauernhof zu haben, und über eine Mutter, die Abend für Abend an die Ecke geht, um zu schauen, ob der im Krieg gebliebene Vater nicht doch, gerade jetzt in diesem Augenblick nach Hause kommt. Er schreibt über den Zauber der Musik und über monatlich 45 Mark brutto Lehrlingsgehalt, über die Obstproduktionsquoten in der DDR und Investitionszulagen nach der Wiedervereinigung. Über die Suche nach Flächen und Erntehelfern, über das Finanzamt, eine Schwarzarbeiterrazzia und die Diktatur der Bürokratie. Er erzählt von Politik und Religion und immer auch von harter Arbeit. Von der Frage, ob Küssen schon ein Eheversprechen ist, und ob das Verliebtsein in Briefen unglücklich macht. Vom Vaterwerden und Vatersein. Von drei Scheidungen und vier Hochzeiten.

Das zweite Buch ist der Liebe und ihren Spielarten gewidmet

Gerhard Neumann erzählt ohne Scheu und ohne Tabu, er erzählt unverblümt – das ist sicher nicht jedermanns Sache. Wer zum Beispiel lieber nichts davon wissen möchte, wie es um die Liebe und Triebe von Potsdams bekanntestem Gärtner bestellt ist, der sei vor „Mein Weg zum Paradies“ gewarnt, denn Sexlust und Sexfrust bestimmen etliche der 307 Seiten. Wer hingegen nicht genug von der nackten Wahrheit bekommen kann, dem sei Gerhard Neumanns zweites Buch „Ist sie das, die Liebe?“ mit sieben Geschichten über die Liebe und ihre Spielarten an Herz gelegt.

„Das Paradies fällt nicht als Geschenk vom Himmel“

Gerhard Neumann sitzt in seinem Garten, die Tasse Tee ist leer. Ob er angekommen ist im Paradies? Er schaut skeptisch. Lächelt. „Ich bin von Natur aus ein Optimist“, sagt er. Manche würden gar sagen, er sei ein Spinner. Nicht aufgeben, an sich und an das Gute glauben, das Schlechte aber nicht ausblenden, sondern ihm mit Bedacht begegnen – das habe ihn durchs Leben getragen. „Das Paradies“, sagt er, „macht Sorgen, Arbeit und Mühe. Das Paradies fällt nicht als Geschenk vom Himmel. Es muss immer wieder hart erarbeitet werden.“

Gerhard Neumanns Buch „Mein Weg zum Paradies“ ist im Hofladen und im Buchhandel für 17,50 Euro zu haben.

Von Nadine Fabian

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