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Potsdam "Es ist absolut verabscheuungswürdig"
Lokales Potsdam "Es ist absolut verabscheuungswürdig"
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16:42 21.04.2014
Das Amtsgericht Potsdam befindet sich in der Jägerallee.
Das Amtsgericht Potsdam befindet sich in der Jägerallee. Quelle: dpa
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Potsdam

Es heißt, Kindesmisshandlung komme sogar in den besten Familien vor. Insgeheim denkt man aber wohl, das Problem sei eher bei so genannten "sozial schwachen Schichten" zu suchen. Wenn dann ein Fall auch noch besonders krass ist, hält man ihn in gut situierten Familien für ausgeschlossen. Stimmt nicht.

Die 43-jährige Cornelia Franke (Name geändert) hat im Januar ihrem zwölfjährigen Stiefsohn Konrad (Name geändert) spätabends einen Gürtel um Brust und Hals gespannt, ihn vor einen Spiegel gezerrt, dann unter die Dusche gestoßen, um ihn kalt abzuduschen. Als sie ihn aus der Duschkabine ließ, rutschte er beim Anziehen aus und klammerte sich am Bein seiner Stiefmutter fest. Die wollte sich befreien, schimpfte weiter, der Junge brüllte. Als der leibliche Junge der Frau, vom Lärm alarmiert, ins Bad kam und weinte, rastete Cornelia Franke endgültig aus, biss ihren Stiefsohn in den Rücken. Der floh panisch auf die Straße und zu den Nachbarn.

Wenn man die zierliche Frau mit dem Pferdeschwanz auf der Anklagebank des Amtsgerichts diese Aussagen machen hört, kann man kaum glauben, dass sie das alles getan hat. Der Fall wird noch unglaublicher, wenn man erfährt, dass Franke Teilzeitkraft in einem Berliner Krankenhaus ist: Sie arbeitet dort als Psychologin!

Cornelia Franke spricht leise, aber in klaren Sätzen. Mehrmals schluckt sie, einmal kommen ihr die Tränen. Am Ende ihrer Aussage bekennt sie, dass sie das,was am Abend des 16. Januars in der Groß Glienicker Wohnung geschehen ist, nicht erklären kann. "Ich muss sagen, dass ich mein Verhalten absolut verabscheuungswürdig finde." Gewalt gehöre nicht zu ihrem Erziehungskonzept.

Bei Konrad war das anders. Der Junge hatte mit sechs Jahren seine Mutter verloren. Sein Vater und Cornelia Franke heirateten vor drei Jahren. Franke brachte selbst eine Tochter in die Ehe mit. Mit der kommt sie bestens zurecht, ebenso mit dem gemeinsamen, jetzt dreijährigen Sohn. Mit Konrad war es immer "sehr schwer. Er macht immer das Gegenteil von dem, was ich ihm sage." Seine Beziehung zu Franke ist ambivalent. "Mal sagt er, ich hab dich lieb, mal sagt er, ich finde dich doof." Auch Lügen und Stehlen sollen vorgekommen sein.

Von ihrem Mann fühlte sich Franke mit der Erziehung des Stiefsohnes und den Problemen allein gelassen. "Mein Mann war häufig nicht dabei. Er ist beruflich viel unterwegs." Franke räumt ein, dass sie schon früher die Nerven verlor, dass sie manchmal laut wurde und es sogar schon Ohrfeigen setzte. An jenem Januar eskalierte die Situation. Konrad war wieder den ganzen Tag aufsässig gewesen. Es hatte nur Streit und Schimpfereien gegeben. Schließlich sollte Konrad verschiedene Sachen umräumen. Dabei sah die Mutter zwei Gürtel, die sie nicht kannte. Der Junge behauptete, die stammten aus seinem früheren Zuhause. "Ich habe ihm nicht geglaubt, weil er so oft gelogen hat." Wütend legte ihm die Mutter einen der Gürtel um Schulter und Achsel und zerrte ihn vor den Spiegel. Dort sollte er darüber nachdenken, ob er die Wahrheit sage. Da er nicht nachgab, stieß sie ihn ins Bad und unter die kalte Dusche.

Seither ist die Familie in psychotherapeutischer Behandlung. Das Jugendamt haben die Eltern selbst aufgesucht. Sie gelten als kooperativ und belehrbar. Der Vater übernimmt jetzt mehr Verantwortung bei der Erziehung, die Stiefmutter hat Konrad eindringlich um Verzeihung gebeten. Sie weiß, dass sie ihn traumatisiert hat. Dass sich alle mühen, eine bessere Familie zu werden, lässt auch der Bericht der Therapeutin durchblicken. Eine unmittelbare Kindswohlgefährdung sieht das Jugendamt nicht.

Richterin Christine Rühl ist bei der Urteilsverkündigung sichtlich unbehaglich zumute. Der Bitte der Rechtsanwältin, es bei einer Geldstrafe zu belassen, kommt sie jedoch nicht nach. Sie schließt sich dem Antrag der Staatsanwältin an. Sechs Monate Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung, ausgesetzt zur Bewährung. "Was Sie hinterher gemacht haben, ist sehr positiv", sagt Richterin Rühl. Aber "dieses geballte Einwirken auf Konrad kann ich nicht mehr als minder schwer bewerten".

Rühl schlägt vor, die zweijährige Bewährung als Chance zu begreifen. Das zwinge die Familie, in der Therapie zu bleiben und mindere das Risiko eines Rückfalls.

Von Rüdiger Braun

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