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Potsdam Nach 290.000 Überfahrten geht der Fährmann von Bord
Lokales Potsdam Nach 290.000 Überfahrten geht der Fährmann von Bord
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00:21 27.03.2019
Peter Hohmann auf seiner Fähre – am Dienstag macht er seine letzten 88 Überfahrten. Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

Ruhig geht es zu auf der Fähre an diesem sonnigen, aber doch recht frischen Sonnabend. Ein paar junge Leute mit einem Fahrrad steigen zu, Mütter schieben ihren Kinderwagen über die Metallplatte. Kaum sitzen aber mal mehr als fünf Leute auf den Bänken, wenn es vom Kiewitt aus 200 Meter über die Havel nach Hermannswerder geht. Auch auf der Fahrt zurück muss Peter Hohmann nicht viele Gäste mitnehmen.

Fährmann mit Fernbedienung

„Sie brauchen noch ein Ticket?“, fragt er eine junge Frau und stattet sie gleich mit einem aus. Das gibt es für 1,40 Euro. Aber die meisten haben sowieso Jahreskarten der Verkehrsbetriebe Potsdam (ViP). Immer hat Hohmann, wenn er sein Führerhaus oben auf dem Dach verlässt, ein kleines Kästchen mit Schaltern in der Hand.

Die Seilfähre kann über diese Fernbedienung angeschaltet werden. Ein kleiner Klick und das Getriebe im Bootshaus am Kiewitt setzt die Fähre mit ihrer Seilwinde in Bewegung, ein weiterer und die Fähre hält am anderen Steg wieder an. Alles automatisch.

Peter Hohmann im Führerhaus der Fähre. Am Dienstag um 18.28 Uhr wird er das letzte Mal übergesetzt haben. Quelle: Varvara Smirnova

„Alles schick heute“, findet Hohmann. „Nicht zu kalt und nicht zu warm.“ Und vor allem ist heute trotz des recht guten Wetters noch nicht so furchtbar viel Bootsverkehr. Der fängt erst in den warmen Tagen wieder an. Aber Hohmann wird das diesen Sommer nicht mehr mitbekommen. Den Dienst an diesem Sonnabend noch zu Ende bringen, dann noch einen am Montag und noch einen am Dienstag – dann endet die Ära Peter Hohmann für die Linie F1 der Verkehrsbetriebe.

Pünktlich am Dienstagabend um 18.28 Uhr wird Hohmann zum letzten Mal am Kiewitt landen und dann für immer die Fähre verlassen. Mit 63 Jahren geht der gelernte Binnenschiffer und Babelsberger in Rente.

Zuvor fuhr er Touristen über die Spree

19 Jahre lang hat er die Fähre zwischen Kiewitt und Hermannswerder zuverlässig bedient. Angefangen hat er im April 2000. Hohmann hatte damals keine Lust mehr auf die Passagiertouren bei einer privaten Reederei in Berlin. „Man hatte ja gar keinen Sommer mehr für sich.“ Und mit seiner neuen Chefin verstand er sich auch nicht mehr so gut. Also erkundigte er sich bei den Potsdamer Verkehrsbetrieben und erfuhr, dass auf der Fähre etwas frei würde. Dort heuerte er an.

Die Fähre F1 am Sonnabend auf der Potsdamer Havel. Quelle: Varvara Smirnova

Vier mal in der Woche fuhr er seitdem zwischen Kiewitt hin und her, vier mal sein Kollege – immer im Wechsel. Die erste Tour beginnt am Kiewitt um 7.03 Uhr, zum letzten Mal legt die Fähre auf Hermannswerder zumindest laut Fahrplan abends um 18.21 Uhr an. „Sie fragen mich gar nicht, wie oft ich jeden Tag hin und her fahre“, sagt er. „Die meisten fragen mich das.“ Also fragt man halt auch. „44 mal hin, 44 mal zurück“, kommt jovial die Antwort. Da kommt in 19 Jahren schon was an Touren zusammen. Geht man von 176 Arbeitstagen im Jahr aus, ist Hohmann die Strecke zwischen Kiewitt und Hermannswerder insgesamt gut 290 000 Mal gefahren.

„Als ich hier angefangen habe, dachte ich zunächst, das hältst du keine zwei Wochen aus“, gibt er zu. Jetzt ist es aber doch ein bisschen länger geworden. „Alles Routine“, meint Hohmann. Wie er so die Zeit herumbrachte, weiß er eigentlich selbst nicht so genau. Im Sommer, wenn die ganzen Urlauber kamen, war er ständig mit Ticketverkäufen unterwegs. Außerdem musste er immer ein waches Auge auf die Sportboote haben.

„Uffpassen im Sommer!“

„Das ist immer schlimmer geworden in den Jahren“, meint er. „Was da inzwischen alles unterwegs ist.“ Mit schöner Regelmäßigkeit verfangen sich die Boote in dem Seil, während die Fähre übersetzt. Eigentlich müssten die Bootsführer ja immer warten, bis die Fähre anlegt und das Stahlseil tief im Wasser liegt. Die meisten halten sich aber nicht dran. Oft muss die Wasserpolizei und die Feuerwehr anrücken und die Boote befreien. „Das kann schon mal zwei Stunden dauern.“

Quelle: Varvara Smirnova

Das schlimmste Unglück gab es erst vor wenigen Wochen

Das schlimmste Unglück dieser Art hat Hohmann erst vor kurzem erlebt. Ein etwa 60 Meter langer Binnenfrachter riss im Februar das Seil samt Fähre mit sich. „Da wurde die ganze Umlenk-Rolle rausgerissen“, sagt Hohmann und zeigt auf den grünen Kasten am Steg von Hermannswerder, in den das Stahlseil hineinführt. Einen ganzen Monat lang war die Fähre außer Betrieb. „Das war das Schlimmste, was ich bisher erlebt habe.“

Seinem Nachfolger, der ab April seinen Dienst antreten wird, gibt er darum auch einen dringenden Rat mit: „Uffpassen im Sommer!“ Da komme man manchmal bei dem vielen Bootsverkehr kaum noch auf die andere Seite. „Das ist wie auf der Avus.“ Besonders die kleinen Huckleberry-Finn-Flöße fahren in Scharen vorüber. Im Winter, da sei alles schick. „Aber klar, ist dann auch langweilig.“

Die großen Schiffe haben Vorfahrt, Probleme gibt es mit den Sportbooten

Mit den großen Passagierschiffen der Weißen Flotte kam Hohmann dagegen schon immer klar. Das merkt man auch an diesem Sonnabend. Heiser kommt ein Anruf aus dem Funkgerät. Hohmann nimmt das Mikro. „Lässt Du mich mal durch, Moritz?“, fragt er. „Natürlich, bist doch mein Schätzchen“, kommt die Antwort aus dem Lautsprecher. In der Ferne Richtung Innenstadt sieht man, dass das Schiff der Weißen Flotte angehalten hat. Eigentlich haben die großen Schiffe Vorfahrt. Aber jetzt ist Hohmann gerade unterwegs. „Meist klappt das einwandfrei“, sagt er. Den Schiffsführer Moritz kenne er auch schon lange. Der werde jetzt auch schon über 60 Jahre alt sein.

Zumindest von Sehen her kennt Hohmann nach all den Jahren auch seine Stammgäste: die Schüler von Hermannswerder, die Gärtner, die Bewohner. 150 dürften es schon sein, die sich ihm auf den Touren eingeprägt haben, einige kennt er sogar mit Vornamen. Der Umgang ist freundlich.

Nicht viel los an diesem Sonnabend. Quelle: Varvara Smirnova

Solarfähre statt einer Brücke

Ob er da nicht am Dienstagabend ein paar Tränen verdrücken müsse? Hohmann winkt ab. „Kein Stück“, sagt er. 19 Jahre lang einen Arbeitstag von zwölf Stunden sei genug. Man habe ihn bei den Verkehrsbetrieben ja sogar noch gefragt, ob er nicht ab und zu noch im Sommer einspringen wolle. „Das möchte ich aber nicht. So viel Stress möchte ich im Sommer nicht mehr haben.“ Sein letzter Arbeitstag auf der Fähre werde sich deshalb auch nicht spektakulär von den anderen unterscheiden. Nicht mal eine kleine Feier will sich Hohmann am Abend gönnen. „Ich muss ja am nächsten Tag wieder raus: Schlüssel abgeben, Fahrscheinabrechnung und was sie sonst noch so wollen.“ Das war es dann.

Pläne für die Rente hat Hohmann, obwohl topfit, noch keine gemacht. Reisen, ja, das will er. „Im Mai fliege ich nach Kreta.“ Und im Sommer werde er mal wieder zur Potsdamer Flottenparade gehen. „Letztes Jahr musste ich arbeiten. Dieses Mal könnte ich da angreifen.“ Und dann sei ja auch noch die Familie da.

Fährmann mit Fernbedienung Quelle: Varvara Smirnova

Dass, wie jetzt auf Antrag der SPD und der CDU in der Stadtverordnetenversammlung diskutiert wird, eine 200 Meter lange Brücke die Fähre ersetzen könnte, glaubt Hohmann nicht. „Das ist doch viel zu teuer.“ Bei dem beschränkten Verkehr lohne sich das doch gar nicht. „Eine Solarfähre, das wäre mein Favorit“, findet er. Dann wäre endlich der Ärger mit den Sportbooten im Sommer zu Ende. Dass es die Fähre unbedingt weiterhin geben muss, findet Hohmann gar nicht. Eine frei fahrende Fähre ohne Seile wäre aber einfach die günstigste Lösung für alle.

Es ist jetzt schon etwas später am Nachmittag. Wieder legt das Gefährt am Kiewittsteg an, wieder verlässt Hohmann kurz das Führerhäuschen auf dem Deck und nimmt die wenige Kundschaft in Empfang. Dann drückt er den Schalter seiner Fernbedienung – und beginnt die wohl letzten 200 Überfahrten seines langen Fährmannlebens.

Brücke oder Fährbetrieb?

Spätestens 2022 wird die aktuelle Fähre außer Dienst gestellt und muss ersetzt werden. Dabei werden laut den Potsdamer Verkehrsbetrieben auch alternative Antriebe zur Seilfähre geprüft.

Eine Abschaffung zu Gunsten einer Brücke für Fußgänger und Radfahrer ist ebenfalls im Gespräch. Das Bauwerk müsste mindestens eine Durchfahrtshöhe von 5,25 Meter aufweisen, um den Anforderungen an den Schiffsverkehr auf der Havel – einer Bundeswasserstraße – zu genügen. Am Ende ist es auch eine Frage des Denkmalschutzes, des Preises, und der zeitlichen Nutzbarkeit – die Fähre fährt bislang nur zwölf Stunden am Tag.

Von Rüdiger Braun

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